Das Aris Quartett (Anna Katharina Wildermuth & Noémi Zipperling, Violine, Caspar Vinzens, Viola, Lukas Sieber, Violoncello) hat schon mehrmals im Pizzicato hervorragende Kritiken erhalten. Es ist also Zeit, das Quartett im Interview zu präsentieren. Remy Franck hat den Quartettmitgliedern ein paar Fragen gestellt. Geantwortet hat Caspar Vinzens, der Bratschist des Aris Quartetts.

Aris Quartett
(c) Simona Bednarek

Nach der Rezension Ihrer letzten CD (Shostakovich/Schubert) sollte man unseren Lesern einmal erklären, wie das Aris Quartett zustande kam? Wie haben Sie vier sich gefunden?
Darüber wundern wir uns selbst oft: wir haben uns nicht gesucht, wir wurden zusammengesetzt. Im Grunde sind wir eine ‘Casting-Band’, bei der Hubert Buchberger, damaliger Kammermusikprofessor an der Musikhochschule in Frankfurt, ein gutes Gespür bewiesen hat. Wir waren zu der Zeit allesamt Jungstudierende, gingen also parallel noch zu Schule und kannten uns untereinander überhaupt nicht.

Woher kommt der Name?
Das ist simpler, als viele denken – es ist lediglich ein erfundenes Wort aus den Endbuchstaben unserer Vornamen.

Sie haben viele Preise gewonnen. Doch Wettbewerbe sind auch umstritten. Wie stehen Sie zu der allgemeinen Lage der Wettbewerbe?
Wettbewerbe können Türöffner sein, da sie unter Umständen große Plattformen sind auf denen man sich präsentieren kann und die von vielen Fachleuten – seien es Veranstalter/innen, Agenturen oder Labels – aufmerksam beobachtet werden. Beispielsweise der ARD-Wettbewerb war für uns enorm wichtig, einfach durch seine große mediale Präsenz. Allerdings haben wir Wettbewerbe immer als eine sehr unnatürliche Situation empfunden, bei der Kunst oftmals mehr erzwungen wird, als dass sie von sich aus entstehen kann. Das hat mit dem enormen kompetitiven Leistungsdruck zu tun, welcher in der Natur jedes ‘Vergleichens’ liegt, der aber eigentlich so weit weg ist vom eigentlichen Ursprung der Musik und der Kunst im Allgemeinen.
Wir selbst haben uns eben diesem ‘Vergleichen’ oft gestellt und die daraus entstehenden Möglichkeiten als Chancen gesehen, allerdings sind wir sehr froh über unsere Entscheidung, keine weiteren Wettbewerbe mehr zu spielen, sondern uns nur noch auf die Qualität von Konzerten und CD-Einspielungen zu konzentrieren…

Caspar Vincens
(c) Simona Bednarek

Der Quartett-Markt ist heftig umkämpft.  Es hat nie so viel gute Quartette gegeben wie heute. Ist das für Sie Stress?
Das stimmt – es gibt momentan viele herausragende Quartette. Mit den meisten ist man gut befreundet, das finde ich unglaublich schön und kollegial. Man schätzt und respektiert sich untereinander. Stress im negativen Sinne empfinden wir nicht, aber ein gewisser Eifer, eine ständige Weiterentwicklung wird dadurch sicherlich beflügelt.

Wie begegnen Sie der Konkurrenz? Mit speziellen Programmen? Mit Nischen-Repertoire? Mit neuen Ideen?
Ich denke am besten kann man sich präsentieren, wenn man sich treu bleibt. Zu viel Zeit in die Entwicklung aufwendiger ‘Unterscheidungsmerkmale’, um uns von anderen abzusetzen verschwenden wir gar nicht. Unser Ziel ist es, Musik auf dem höchsten Niveau zu spielen, das Beste aus uns herauszuholen. Und das völlig unabhängig von allem anderen.

Was ist das Wesentliche beim Quartett-Spielen?
Darüber gibt es sicherlich viele Auffassungen. Für uns jedenfalls ist ganz wesentlich, dass wir untereinander nicht bloß gut eingespielte Kollegen sind, sondern auch sehr gute Freunde, weit über die berufliche Komponente hinaus. Wir sind seit unserer Jugend zusammen gewachsen, sehen uns untereinander quasi täglich und hören nicht auf, gemeinsam weiterkommen zu wollen. Das ist eine unglaublich spannende und fordernde Beziehung, die man da eingeht und an der man ständig wächst.

Wie funktioniert das bei Ihnen. Demokratisch?
Ja, absolut. Was Entscheidungen und unsere musikalische Aussage betrifft sind wir vollkommen demokratisch und gleichberechtigt.

Kammermusik hat nicht unbedingt das breiteste Publikum. Aber oft spielen Sie in großen Sälen.  Wie kann man KAMMERmusik in einem Auditorium von 1500 Plätzen machen?
Nun, das würde ich unter zwei Gesichtspunkten betrachten: erstens ‘Publikum’ und zweitens ‘Akustik’. Oftmals genießt Kammermusik ein gewisses Nischen-Publikum, kaum jemand verläuft sich ‘zufällig’ in ein Streichquartett-Konzert. Im Vergleich zu einer Oper oder einem Symphonie-Konzert passiert beim Streichquartett ja sehr wenig an spektakulärer Show auf der Bühne – die Musik steht absolut im Vordergrund und das soll so sein; zieht somit aber vor allem Kenner und ausgesprochene Liebhaber der entsprechenden Literatur an. Das finden wir immer sehr schön, wenn der Funke auf begeisterte Streichquartett-Fans überspringt. Die intime Atmosphäre zahlreicher KAMMERmusik-Säle kommt dem zugute – man ist sich automatisch näher.
Aber natürlich gibt es Kammermusik längst auch in großen Sälen. Dort ist dann oft die Akustik der entscheidende Faktor, ob der Funke überspringen kann. Denn natürlich gibt es akustische und räumliche Grenzen, die man in einer solch kleinen Besetzung nicht oder nur mit großer Mühe überwinden kann. Im Grunde aber ist es möglich; schon Beethoven hat das Streichquartett aus der Kammer geholt und auf die große Bühne gebracht. Während Kammermusik im herkömmlichen Sinne oftmals gleichzeitig auch ‘Hintergrundmusik’ bedeutete, hat schon Beethoven mit seinen Rasumowsky-Quartetten den Rahmen einer Kammer gesprengt.

Ars Quartett
(c) Simona Bednarek

Wenn Sie sich die gegenwärtige Musikszene ansehen: Was gefällt Ihnen, was würden Sie gerne ändern?
Mir gefällt, dass wir einen Beruf ausüben können, den wir lieben. Kein Kind fängt an etwas lernen zu wollen mit dem Ziel, Geld damit zu verdienen. Wir konnten eine Leidenschaft zum Beruf machen und das ist ein Privileg. Dass das überhaupt möglich ist, ist nicht selbstverständlich und doch so wichtig. Was schade ist und was ich wünsche zu ändern ist, dass klassische Musik nicht mehr so zur Allgemeinbildung und zum Alltagsleben gehört wie es früher der Fall war. Kaum eine Familie hat noch Einspielungen Klassischer Musik zuhause, kaum ein Kind geht in den Chor, viele wissen nicht einmal, was eine Geige ist oder wer Beethoven, Karajan oder Leonard Bernstein waren. Das finde ich erschreckend und alarmierend. Insbesondere die klassische Musik hat heute ein viel zu elitäres, unnahbares und oft verstaubtes Image. Und das liegt nicht zuletzt am immer kommerzieller werdenden Musik-Markt selbst, bei dem Musik als exklusive Ware gehandelt wird, worunter nur wenige profitieren…
Kinder und Jugendliche brauchen uneingeschränkten Zugang zu Klassischer Musik und das müsste im Interesse der Eltern, der Lehrer und der Politik stehen. Musik verbindet und gerade das gemeinsame Musizieren ist unheimlich wertvoll für ein soziales Miteinander.
Wir versuchen unseren Teil immer wieder mit Kinderkonzerten, mit Projekten in Schulen oder durch kleine Meisterkurse mit Jugendlichen beizutragen. Aber das ist bei weitem nicht genug. Die Wichtigkeit von klassischer, empfundener Musik wird allgemein unterschätzt und viel zu wenig gepflegt.

Das beliebteste Requiem des 19. Jahrhunderts stammt nicht von Verdi, sondern von seinem Zeitgenossen Teodulo Mabellini. Die Uraufführung von Mabellinis 'Grande Messa di Requiem' am 15. Mai 1851 in Florenz war der wichtigste Erfolg des toskanischen Komponisten. Sein Meisterwerk war Vorbild und Modell für alle nachfolgenden Totenmessen im 19. und frühen 20. Jahrhundert – einschließlich Verdis 'Messa da Requiem' von 1874. Der Musikwissenschaftler Guido Johannes Joerg hat eine musikkritische Ausgabe der Partitur betreut und liefert in folgendem Beitrag die nötigen Informationen dazu, die die Pizzicato-Leser damit aus erster Hand erhalten.

Teodulo Mabellini

Dass sich die Entstehung von Giuseppe Verdis ‘Messa da Requiem’ einer Totenmesse verdankt, die als Gemeinschaftsarbeit von dreizehn italienischen Komponisten entstanden war, dürfte allgemein bekannt sein. Seit in den 1970er Jahren die lange verloren geglaubten Autographe wieder aufgefunden und 1980 jene ‘Messa per Rossini’ zur Uraufführung gebracht werden konnte, ist auch deren Musik wieder auf Schallplatte und vor allem in kirchenmusikalischen Konzerten präsent. Read More →

Energisch bat Erich Polz in der Weinstube um das Abdrehen der Hintergrundmusik – vergeblich. Wer sich beruflich mit Musik beschäftigt, kann nicht gut mit Zwangsbeschallung leben. Das Hirn analysiert beständig weiter, auch wenn am Ende eines langen Proben- oder Aufnahmetages der Job erledigt ist. Die schönsten Orte zum kreativen Auftanken sind für den 1985 geborenen, aktuell mit seiner jungen Familie in der Nähe von Wien lebenden Dirigenten ruhige Orte, zum Beispiel in den Bergen. Im letzten Herbst hat Polz mit der Nordwestdeutschen Philharmonie eine ambitionierte Shostakovich-CD für das Label Ars Produktion eingespielt, die bei Pizzicato mit einem Supersonic ausgezeichnet wurde. Der großen, tiefgründigen, ja 'politischen' Neunten Symphonie steht das elegante, spielfreudige Zweite Klavierkonzert gegenüber. Das Programm beginnt mit der 'Festlichen Ouvertüre' op. 96. Solche programmatischen Gegensätze bringen die Ambivalenz im Wesen des großen russischen Komponisten auf den Punkt, wie Erich Polz im angeregten Gespräch mit Stefan Pieper ausführt.

Erich Polz

Welche Eindrücke haben Sie von der Nordwestdeutschen Philharmonie nach diesen drei Aufnahmetagen?Ich habe eine unfassbare Präzision bis zur letzten Minute erlebt. Was bei den Bläsern passiert, ist fantastisch. Es gibt ganz tolle Leute auf den Solopositionen. Die Streicher sind aber nicht schlechter. Sie sind ein kompakter Klangkörper. Ich spüre hier eine ungeheure Motivation, alles zu geben. Read More →

At the International Tchaikovsky Competition 2015, Russian pianist Dmitry Masleev took First Prize and then started a tremendous career. Pizzicato recently praised his art when he played at the Lucerne festival. Remy Franck made the following interview with the now 30-year-old Siberian pianist.

Dmitry Masleev

You won major competitions. What are your memories from them?
I always try to focus on the advantages, to hold on to the positive aspects of any experience. Of course any competition is a huge stress. But when I think back to my competition ‘career’, I realise how useful it was for me to have to learn a large body of repertoire and to bring it to the stage under the most stressful circumstances. Also, participating in a competition meant traveling to a new place, so I always returned with a wealth of new impressions. Read More →

Internationally-recognised composer and conductor Konstantia Gourzi has composed a set work for the ARD Competition 2018, Evening at the Window, after Marc Chagall’s picture of the same name. It will be premiered tomorrow at Munich's Prinzregententheater, when six contestants will play it. Until then, the content of the piece will remain a closely-guarded secret, but in this interview Konstantia Gourzi reveals a few details to Tabea Eppelein.

Konstantia Gourzi
(c) Giorgios Mavropoulos

The set work for the ARD competition is for solo viola – but not exclusively. Some special bells are used in the first movement. How exactly do they sound, and what is the challenge for the perfomer?
The bells are tied to the player’s foot, and they have to play them at the same time as the music, without any stamping noises on the floor. Playing another instrument as well as the main one is not only a musical act for me. It is also a challenge, because you have to coordinate your physical balance as well as the spiritual balance of different sounds. Read More →

35 years ago, one of today's foremost chamber ensembles, the Shanghai Quartet*, was formed at the Shanghai Conservatory. Since that year they have played around 3000 concerts and recorded 35 albums. Remy Franck met First violinist and founding member Weigang Li in his native Shanghai.

Weigang Li

As many Chinese and, more generally, Asian violinists, you studied in the United States….
Yes, but I made the major part of my studies in China, if you don’t consider the fact that studying does never stop. I was born into a family of well-known musicians in Shanghai. Both of my parents were professional violinists and my maternal grand-father was also a violinist. He was born in 1908 and was one of the earliest professional classical violinists in China. Read More →

One of the driving forces behind the Shanghai Isaac Stern International Violin Competition is David Stern, son of the legendary violinist and himself a conductor specializing in the opera in general and the baroque opera in particular. Remy Franck met David Stern in Shanghai for an interview.

Davd Stern
(c) Jean-Baptiste Millot

David, Your father did not very much like competitions….
That’s not true. He hated them. Let’s be clear….

And that’s why you and your brother Michael always wanted the Shanghai Isaac Stern Competition to become special. So, what is special about it?
There are two challenging aspects: The first is, how to get the pure competition elements out of the competition. Read More →

Der Geiger Sebastian Bohren hat soeben seine erste Bach-Einspielung vorgelegt. Für ihn selbst ist dies ein frühes Element in einer weiter reichenden Entwicklung. Bach musizieren ist für den Schweizer – ebenso wie für fast jeden ernsthaften klassischen Musiker - ein Lebenswerk, und die Aufnahme der Partiten und Sonaten BWV 1004 bis 1006 markieren einen Einstieg, der noch viel Luft für kommende weitere Stufen der Annäherung lässt. Im Gespräch mit Stefan Pieper kommt Sebastian Bohren ganz schön ins Philosophieren.

Sebastian Bohren
Photo: Marco Borggreve

Wie denken Sie aus Ihrem augenblicklichen Alltag heraus in die Zukunft?
Ich bereite mich immer eine bestimmte Zeit auf Konzerte vor. Manchmal nur einen Tag, manchmal bedarf es einiger Wochen Vorbereitungsszeit. Trotz dieser Schnelllebigkeit möchte ich in größeren Bögen denken – und auch die große Linie bis zum Alter von 80 oder 90 berücksichtigen. Jedes Mal von neuem will ich sämtliche Aspekte des Geigerischen und Musikalischen auf ein neues Niveau heben. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion. Read More →

Das Duo Cernavca (Slava Cernavca, Klarinette, Zoryana Tkachyk-Cernavca, Klavier) hat beim Label Musicom eine neue CD mit Werken von Schulhoff, Poulenc und Arnold veröffentlicht. Es war Erwin Schulhoffs 'Hot Sonata', die dem Duo den Anreiz gegeben hat, diese CD aufzunehmen. Diese in klassischer Sonatensatzform komponierte Jazz-Sonate hat die beiden Musiker dazu inspiriert, weitere Stücke aufzunehmen, die die schillernd-expressiven Farben, die vielfältigen Rhythmen und den unbändigen Charakter der Jazzmusik innehaben. Bezeichnenderweise wurden zwei dieser Werke durch Jazzmusiker uraufgeführt: die 'Hot Sonata' im Jahr 1930 durch den Saxophonisten Billy Barton und Francis Poulencs Sonate 1963 durch den legendären Klarinettisten Benny Goodman. Tabea Eppelein hat das Duo Cernavca zu dieser neuen CD-Produktion Fragen gestellt.

Duo Cernavca
(c) Victor Girla

Warum war gerade Schulhoffs ‘Hot Sonata’ Euer Anreiz, diese CD aufzunehmen?
Zoryana: Ich war von Anfang an von der ‘Hot Sonata’ fasziniert. Sie hat meine Fantasie beflügelt und ihr viele neue Horizonte geöffnet. Beim Üben habe ich eine gewisse Freiheit gespürt, eine innere Harmonie. Die Zeit ist immer wie im Flug vergangen. Ich habe mich als Teil dieser Schöpfung empfunden. Read More →

Im niederländischen Rotterdam ging am Pfingstwochenende mit der 7. Ausgabe der ‚Classical Next‘ der weltweit größte Klassik-Branchentreff zu Ende. Über 1300 Teilnehmer aus 35 Ländern präsentierten nicht nur ihre Produkte, betrieben Networking, hörten Vorträge und Konzerte, sondern diskutierten im Kongress-zentrum 'de Doelen‘ zudem aktuelle Trends und Zukunftsfragen der internationalen Klassikszene. Im Gespräch mit Pizzicato erläutert Musikpublizist und ICMA-Jury-Mitglied Martin Hoffmeister seine Eindrücke.

Herr Hoffmeister, global betrachtet gibt es einige Musikmessen: Welcher Stellenwert kommt der ‚Classical Next‘ zu neben großen Playern wie der ‘Midem‘ in Cannes und den Messen in Frankfurt und Shanghai?
Die genannten Messen haben einen anderen Fokus. Es geht dort insbesondere um den Handel mit Musikinstrumenten, Noten und Musikbüchern. Das Thema Klassik ist ein Sujet unter vielen. Bei der ‘Classical Next‘ gibt es, samt seiner zahllosen Seitenaspekte, nur ein Thema. Read More →

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