NOSPR Katowice
(c) Remy Francxk

Katowice, 300 km südwestlich von Warschau im oberschlesischen Industriegebiet gelegen, hat nur 300.000 Einwohner, mit den umliegenden Orten aber um die drei Millionen. Dass die Stadt einer der wichtigsten und florierendsten Wirtschaftsstandorte Polens ist, versteckt sie nicht: die Modernisierung und Bautätigkeit ist enorm, und ein Wahrzeichen der Stadt ist mittlerweile der Konzertsaal und Sitz des Nationalen Polnischen Rundfunkorchesters NOSPR.

Das vom Katowicer Architekturbüro ‘Konior Studio’ entworfene und 2014 eröffnete Gebäude verweist auf die traditionelle Baukultur der ehemaligen Bergarbeiterstadt und ist gleichzeitig ein zeitlos moderner Bau mit einem spektakulären Saal von 1800 Plätzen. Spektakulär und schön! Der riesige Raum mit rotgetöntem, an eine Stradivari erinnerndem Holz vor schwarzem Background ist ebenso elegant wie ästhetisch. Und akustisch ist der Saal hervorragend. Für die Akustik, die zweifellos eine der besten Europas ist, zeichnete der Japaner Yasuhisa Toyota verantwortlich.

(c) Krzysztoi Krzeminski

Wie gut Musik hier klingt, wenn sie in reinster Form dargeboten wird, zeigte beim Festival ‘Kultura Natura’, dessen letzten Teil wir in diesem Bericht besprechen (Teil eins schrieb Martin Hoffmeister hier),   das Konzert mit dem Artemis Quartett in Schumanns Quartetten op. 41 Nr. 2 und 3 sowie dem Dritten Streichquartett von Bela Bartok. Nicht nur war das Spiel von sagenhafter Transparenz, hier wurde auch der feinste und leiseste Ton bis an die entfernteste Ecke des riesigen Saals getragen.

NOSPR Katowice
(c) Sammy Hart

Das ‘Artemis Quartet’ steht nicht für musikalische Gefälligkeit, sondern eher für dynamische Fragestellungen. Und so wurden gleich im zweiten Quartett des Opus 41 neue Denkanstöße geliefert. Die vier Musiker gingen jedoch beide Schumann-Werke sehr scharf an und setzten mit markanten Akzenten immer wieder dramatische Impulse. Dieser Schumann war aufgewühlt und gleichzeitig zerbrechlich. Bei aller Dramatik fehlte nämlich auch der Lyrismus nicht. Im Finalsatz des zweiten Quartetts wurde die Zerrissenheit, die den Komponisten am Ende seines Lebens in die Irrenanstalt bringen sollte, zum bewegenden Erlebnis. So haben wir diese Musik noch nicht oft gehört!

Leidenschaftlich glühend erklangen die beiden Mittelsätze des dritten Quartetts. Eine gefährliche Schönheit, in der es nicht selten blitzte wie an einem schönen, warmen Sommerabend. So wurde jeder Ton Teil von Schumanns Seelensprache, von jener Romantik, die ohne seinen Wahnsinn wohl nie hätte zustande kommen können. Im Finale, einem tänzerischen Rondo, ließen die Musiker dann Unbeschwertheit aufkommen und Florestan den Sieg davontragen.

Artemis Quartet
(c) Bartek Barczyk

Nicht weniger stupend waren die interpretatorische Eloquenz, die spielerische Intensität, die außergewöhnliche Kommunikation innerhalb des Ensembles im 3. Bartok-Quartett. Bartoks komplexe Musik wurde bis ins kleinste Detail ausgelotet und dennoch blieb der Zusammenhalt gewährleistet. Eine grandiose Aufführung!

Symphonisches mit dem NOSPR und Alexander Liebreich

Tags darauf konnten wir dann den Konzertsaal auch mit Orchester erleben und dabei die phänomenale Akustik dieses Saals bewundern. Den Orchesterklang empfand ich als warm und zugleich ungemein transparent sowie wirklich gut ausbalanciert. Mein Sitzplatz befand sich angeblich am besten Standpunkt im Saal, auf dem nur wenige Sitzreihen zählenden 1. Balkon, und dort ist man ca. 16 Meter vom Podium entfernt. Das Orchester sitzt freilich wesentlich tiefer. Nur, der Klang ist dennoch wunderbar präsent, und wenn man die Augen schließt, und im Gehirn die visuellen Informationen nach anderthalb bis zwei Minuten verblassen, wandert der Klang bei geschlossenen Augen deutlich in die Höhe und hört sich denn auch als ‘genau gegenüber’ an. Ein interessantes Experiment, das die überragende Leistung des japanischen Akustikers Toyota zeigt.

In seinem Konzert mit dem Nationalen Polnischen Rundfunkorchester in Katowice, NOSPR, hatte Chefdirigent Alexander Liebreich zunächst Beethovens Sechste Symphonie, die Pastorale aufs Programm gesetzt. Der erste Satz erklang frisch und beschwingt, und bei aller Frische im Ablauf sang der Melos intensivst, nicht zuletzt weil auch die Füllstimmen mit einem kraftvollen Espressivo belebt wurden.

Der zweite Satz war ein kleines Wunder an Farbmischungen, zwischen matt und brillant, oft sehr zart und dennoch frei von jedem Sentimentalismus.  Liebreich warf nicht einen gefühlvollen Blick auf eine Idylle, sondern ließ die Idylle aufleben. Doch all das war nichts gegen die überschäumende Fröhlichkeit, die im dritten Satz in prallem Klangfest zu Tage trat. Da sang, flötete und jubelte alles, was die Instrumente nur hergaben. Aus diesem baren Frohsinn heraus brach das Gewitter bedrohlich hervor. Der Schlusssatz war beglückend in einer Beseeltheit, die, frei von jedem Pathos, reinsten Gesang erzeugte.

Johanna Winkel, Alexander Liebreich, Michael Nagy
(c) Bartek Barczyk

Viele Dirigenten interpretieren Zemlinskys ‘Lyrische Symphonie’ als ein postromantisches Werk voller jugendstilartiger Lyrismen. Und liegen dabei sicherlich richtig, da dieses Werk ein letzter Nachklang an das ‘Fin de Siècle’ sein soll. Liebreich berücksichtigte aber auch die Erkenntnisse der ‘Zweiten Wiener Schule’ und zeigte, dass die ‘Lyrische Symphonie’ ein unerhörtes Stück moderner Musik ist. Sein subtiles, präzises Dirigat brachte die Klangfarben der Musik hervorragend zum Glühen, baute mit Kontrasten Spannungen auf und brachte die lyrischen Momente zum Atmen. Das Orchester leistete vorzügliche Arbeit, ebenso wie die beiden Solisten Johanna Winkel und Michael Nagy. Die ‘Lyrische’ wurde so zu einem intensiv expressiven Stück ohne Schwulst und Kitsch.

Stupende vokale Reinheit

Nach der Opulenz symphonischen Klanges die Reinheit von acht Stimmen: Das in Antwerpen beheimatete, aber sehr international besetzte Vokalensemble ‘Graindelavoix’ sang unter seinem künstlerischen Leiter Björn Schmelzer die ‘Lamentationes Hieremiae Prophetae’ von Carl Luython (1557-1620), einem franko-flämischen Komponisten und Organisten der späten Renaissance sowie von Pedro Ruimonte (1565-1627), einem spanischen Komponisten, der einen großen Teil seines Lebens in Belgien verbrachte.

Graindelavoix
(c) Bartek Barczyk

‘Graindelavoix’ bewies einmal mehr, dass es ein wirklich einmaliges Ensemble ist, dessen Interpretationen durch eine ungemein stark entwickelte Verzierungskunst und ein gestalterisches Raffinement erkennbar werden. Fast mehr noch erstaunen die Substanz und der harmonische Reichtum der acht Stimmen sowie die gleichzeitig erzielte absolute Reinheit. Im riesigen Raum des NOSPR-Konzertsaals schwangen sich diese Klänge eines klagendem Gesangs mit beeindruckend kreativer Kraft in die Lüfte und hüllten den Zuhörer damit ein.

Zeitgenössisches in der Kreativstadt

Für mich endete das ‘Festival Kultura’ mit einem Konzert zeitgenössischer Musik, mit dem Katowice seinem Namen als kreative Musikstadt der UNESCO alle Ehre machte. Zunächst wurde vom ‘Orchestra for New Music’ unter Szymon Bywalec ‘Enumeration for 3 voices and 9 instruments’ des polnischen Komponisten Pawel Mykietyn (eine Pizzicato-Rezension gibt es hier)  uraufgeführt. Die ‘Enumeration’ ist ein Auftragswerk vom NOSPR und kann als neominimalistisches, mikro-elementares pointillistisch-tatieskes Werk zum Thema Selbstbeschleunigung und Selbstverlangsamung mit Zahlenspielen bezeichnet werden kann.

Danach führten das OFNM, immer noch unter Szymon Bywalec, und die hervorragende Sopranistin Agata Zubel Gérard Griseys letztes Werk ‘Quatre chants pour franchir le seuil’ (1998) auf. Die vier Gesänge handeln in verschiedenen Ansätzen vom Gang über die Schwelle des Todes, deren Grabesatmosphäre in diesem Konzert schon fast beängstigend zum Ausdruck kam.

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