Photo: Irene Zandel

Ein Interview von Remy Franck (Pizzicato 04/13)

Seit seinem 1. Preis beim Internationalen Yuri Bashmet Wettbewerb im Dezember 2006 in Moskau sowie dem Preis des Deutschen Musikwettbewerbs im selben Jahr macht der Bratschist Nils Mönkemeyer, geboren 1978, eine großartige internationale Karriere. Lesen Sie hier das vollständige und nur zum Teil in der Printausgabe von Pizzicato veröffentlichte Interview.

Herr Mönkemeyer, sagen Sie eigentlich lieber Bratsche oder Viola?
Ich sage zwar im Hausgebrauch Bratsche, aber Viola klingt natürlich schon schöner.

Was ist die Viola für ein Instrument?
Eigentlich ist die Viola das Instrument der Melancholiker: der Klang ist sehr dunkel, samtig, ein bisschen heiser auch und rauchig. Sagen wir mal so: Leute, die guten Whiskey mögen, die mögen auch die Bratsche.

Geiger sagen von der Bratsche, sie klinge wie eine Dieselgeige, und manchmal klingt sie auch wirklich so. Bei Ihnen freilich nicht! Was machen Sie anders als andere Bratscher?
Das ist komisch, weil ich eigentlich das Klischee des verhinderten Geigers, der die Bratsche in die Hand nimmt, total erfülle. Auf der Geige hatte ich nie einen schönen Klang, ich hatte dafür zu viel Kraft und ich wollte auch immer den Bratschenklang haben, unbewusst, und versuchte, ihn auf der Geige zu erreichen. Und manchmal ist es doch gut, wenn die Bratsche wie eine Dieselgeige klingt, das ist ja auch noch eine schöne Farbe. Das Schöne an der Bratsche ist, dass die Farbe sehr dehnbar ist. Man kann die Höhe sehr hell gestalten und die Tiefe sehr dunkel, man hat verschiedene Register zur Verfügung. Mit der menschlichen Stimme verglichen könnte das sowohl Alt als auch Tenor sein, wobei die Bratsche weder nach Mann oder Frau klingt, sondern dazwischen liegt. Ich mag es, dass die Bratsche nicht so eindeutig ist, sie hat etwas Geheimnisvolles, etwas Schattiges, etwas, was nicht gleich nach außen schreit und alles preisgibt.

Wann haben Sie die Bratsche entdeckt, nachdem Sie ja zuvor Geige gelernt hatten?
Ich war ungefähr 17. Ich komme vom Land, bin in der Nähe von Bremen aufgewachsen und ich kannte niemanden, der Geige spielte und Bratsche schon gar nicht. Und irgendwie hatte ich zunächst gar keine Lust dazu. Ich fand auch die Bratschenlehrer, die ich kannte, nie sympathisch und deswegen habe ich mich anfangs ziemlich dagegen gesträubt. Dann ergab sich einmal die Situation, wo ich die Bratsche in der Kammermusik ausprobierte. Ich weiß es noch genau: ich habe in dem Stück ein kleines Solo gespielt und dachte: ‘O, das bin ja ich’, und deswegen war das Bratschespielen für mich so eine Art nach Hause kommen. Ich merkte sofort: Da ist mein Platz und so klingt meine innere Stimme.

Nun ist die Bratsche ein Instrument, das solistisch gar nicht so bekannt war, und erst einige große Bratscher haben es salonfähig gemacht. Haben Sie Vorbilder unter diesen Musikern?
Tabea Zimmermann, denn von ihr hatte ich alle Aufnahmen und an ihr habe ich mich eigentlich orientiert. Ich hatte auch eine Phase, wo ich Kim Kashkashian sehr verehrt habe, und Yuri Bashmet, weil ich mit ihm sehr viel gearbeitet und gespielt habe. Er hat auch dirigiert, als ich mein Debüt in Moskau gab. Er hatte so eine Art Mentorfunktion für mich, er hat sehr viele Dinge bei mir angeregt und ich glaube, er hat gesehen, wie ich spielen würde, bevor ich es selber wusste. Ich dachte damals, ich wüsste schon ziemlich viel, aber er hat dann alles nochmal über den Haufen geworfen.

Sie spielen kein altes Instrument, sondern ein neues, eine Wahl, die Sie sicher ganz bewusst getroffen haben.
Wir Bratscher haben ein Problem, das sich nicht nur im Repertoire nieder schlägt, sondern auch bei den Instrumenten. Es ist das Problem, dass es eben erst seit kurzer Zeit Solisten gibt, die das Instrument spielen, und deswegen sind die Stradivari-Bratschen leider nicht halb so gut wie die Geigen und vor allen nicht so explizit: da läuft man schon die Gefahr, nicht durchzukommen, einen Klang zu erzeugen, der nicht genug trägt, weil die Instrumente oft für kammermusikalische Zwecke gefertigt wurden. Gott sei Dank gibt es heute wirklich tolle Geigenbauer, die aufgrund der Nachfrage das Instrument einfach neu entwickelt haben.

Sie haben das Repertoire schon angesprochen, welches ja auch nicht so überwältigend groß ist wie das der Geiger. Ist es auf Dauer nicht langweilig, immer wieder dieselben Stücke zu spielen?
Also, ehrlich gesagt, ich bin darüber sogar froh. Ich bin froh, dass ich nicht 24 Beethoven-Sonaten habe und im Endeffekt keine gut spielen kann, sondern ich habe zwei Brahms-Sonaten, um die ich mich so lange kümmere, bis ich die gut finde. Die Entwicklung, die ich dadurch machen konnte, war eine sehr ruhige und eine sehr ausgiebige. Man muss nur versuchen, frisch zu bleiben und  die Erfahrung mit den Werken über lange Zeit sammeln. Ich war nie früh dran, ich war immer ein Spätzünder und ich brauche einfach Zeit mit den Stücken, damit sie wachsen können.

Gibt es dabei ein Lieblingsrepertoire?
Eigentlich bin ich seit meiner Kindheit auf Bach fixiert. Dadurch, dass mein Vater Jazzmusiker ist, gab es in unserem Haushalt nichts als Barock- und Jazzmusik. Ich bin erst viel später mit Romantik in Berührung gekommen, und noch heute ist mein Zugang bei Barockmusik am intuitivsten. Ich glaube, Bach ist der Komponist, vor dem ich am wenigsten Angst habe und bei dem ich mich am meisten zuhause fühle.

Bemühen Sie sich auch darum, in Bibliotheken oder sonst wo, Stücke auszugraben, eine Bratschen-Archäologie zu betreiben?
Da gibt es sehr viele schlaue Musikwissenschaftler, die das zum Glück auch schon machen. Als ich in Madrid wohnte, habe ich allerdings einige ganz hinreißende Bratschensonaten ausgegraben.

Ist Bratsche spielen schwieriger als Geige spielen?
Viel schwieriger ist es nicht, es ist einfach nur so, dass der Kraftaufwand höher ist. Die Saiten sind etwas dicker, der Klang etwas tiefer, und so braucht es eben länger, bis das alles in Gang kommt. Die Bogentechnik ist anders. Bei der Geige legt man den Bogen auf die Saite und zieht und dann kommt gleich ein Ton und bei der Bratsche kommt halt dann nur ein Hauchen. Man muss sehr viel in die Saite gehen, den Klang sehr körperlich erzeugen und dadurch auch bewusster sein, was man tut, denn sonst funktioniert es einfach nicht.

Sie spielen ja, wenn Sie auf der Bühne sind, vom Fuß aus nach oben, d.h. Sie stellen sich auch gerne mal auf die Fußspitze, um einen Ton zu erzeugen. Der Klang wird also vom ganzen Körper mitgetragen.
Na ja, wenn alles gut funktioniert, hat man das Gefühl, dass das Instrument zum Körper gehört, es ist wie eine Verlängerung. Ich versuche ja auch, das auszusprechen, was ich innerlich höre und das wird direkt in eine Bewegung umgesetzt. Je besser ich mein Instrument beherrsche, je mehr Zugang habe ich dann auch zu den verschiedenen Farben, die ich erzeugen möchte.

Sie haben nie versucht, um ihrem Vater eine Freude zu machen, auf der Bratsche Jazz zu spielen?
Ich hasse nichts mehr, als wenn man als klassischer Musiker glaubt, man könnte jetzt mal eben kurz ein wenig jazzig sein, probiert es und denkt auch noch, das wäre Jazz. Sorry, das kann ich nicht. Wenn überhaupt, dann möchte ich mich zuerst viele Jahre damit beschäftigen.

Aber vor der zeitgenössischen Klassik haben Sie keine Angst?
Unsere zeitgenössische Musik ist nicht so mehr auf eine Tonsprache begrenzt, wie das im Barock der Fall war. Heute gibt es in einem sehr großen Feld viele Individualisten. Manchmal ist es schwierig zu verstehen, was eigentlich gut ist und was nicht. Für mich ist es wichtig, dass eine Komposition mir entspricht. Andererseits finde ich zeitgenössische Musik spannend, weil jede Komposition wie eine eigene Welt ist, in die man sich hineindenken muss.

Wie treffen Sie da die Auswahl, es gibt ja wahrscheinlich viele Komponisten, die für Sie schreiben möchten?
Das ist ehrlich gesagt, wirklich nicht so einfach. Ich schrecke manchmal davor zurück, wenn ich sehe, dass die Partitur extrem schwierig ist. Viele Komponisten schreiben mit dem Hintergedanken, dass man sich approximativ der Sache nähert: was man halt nicht schafft, das schafft man eben nicht. Und da hört es bei mir auf, denn ich möchte schon in der Lage sein, das ganze Stück komplett gut spielen zu können. Sicherlich rutschen mir viele Stücke durch, weil ich nicht die Zeit habe, mir alles an zu schauen, aber im Endeffekt ist es ohnehin eine intuitive Entscheidung. Wenn eine Partitur mich anspricht, dann mache ich alles Mögliche, dass es funktioniert.

Früher haben Komponisten ja auch gerne den Solisten etwas auf dem Leib geschrieben. Wie müsste denn ein Komponist komponieren, um Ihnen etwas auf den Leib zu schreiben?
Das ist eine gute Frage, da muss ich echt einmal darüber nachdenken! Also, ich glaube oder hoffe, dass mein Klang eine eigene Farbe hat, die hoffentlich vorher niemand hatte, und diese Individualität meines Klangs und die Art, wie ich Phrasen gestalte, einen Komponisten inspirieren kann. Man darf das aber auch nicht nur einseitig sehen. Es geht ja nicht nur darum, was ich denke, was ich jetzt am liebsten spielen will, sondern ich finde es auch interessant, was der Komponist in einem selber sieht, weil das ja eine Reflexion ist, mit der ich mich auseinander setzten muss.

Als Solist spielen Sie solo, Kammermusik und Konzerte. Gibt es da einen Lieblingsbereich?
Mit Orchester macht es am meisten Spaß, wenn man sehr berühmt ist, weil man dann die besten Orchester und Dirigenten kriegt. Das wird jetzt langsam bei mir schon besser. Aber wenn man mit einem etwas unterbemittelten Orchester spielt und der Dirigent auch noch nicht so die Erfahrung hat, dann ist es schon manchmal so, als würde man gegen eine Marschkapelle spielen, und das macht keinen Spaß. Bei einem Recital mit Klavier oder in der Kammermusik hat man oft mehr Probezeit und kann dann die Qualität eigentlich von Anfang an sehr hoch ansetzen. Deshalb habe ich vor, noch viel berühmter zu werden, dass ich eben mit den tollsten Orchestern auftreten kann.

Julian Rachlin wechselt ja von der Geige zur Bratsche und wieder von der Bratsche zurück zur Geige, Sie werden aber wohl kaum je Geige spielen oder?
Nein, darauf habe ich überhaupt keine Lust!

Sie spielen ja nicht nur, Sie unterrichten auch. Bedeutet das Unterrichten Ihnen viel?
Ich unterrichte seit meinem 20. Lebensjahr. Ich bin sicher noch nicht der Lehrer, der väterlich lenkt und leitet, sondern ich gehe den Weg quasi mit den Studenten an deren Seite. Ich bin eher deren Freund, der halt mehr weiß, aber menschlich auf der gleichen Ebene ist. Die Studenten sind für mich wie ein Spiegel, ich sehe darin einen Teil von mir selbst, ich sehe darin, was ich nicht tun soll oder was ich lieber tun sollte, und wenn man dann jemanden sieht, der aufblüht und sich weiter entwickelt und der im Konzert etwas macht, was wirklich schön ist, was vorher nicht möglich gewesen wäre, so ist das doch das größte Geschenk, das man haben kann.

Wenn Sie Kammermusik spielen, tun Sie das jetzt oft im Julia Fischer Quartett…
Wir machen das nur projektweise, weil wir nicht das ganze Jahr über Zeit dafür haben. Mich erinnert das an die Zeit, wo ich der Meinung war, ich müsste Orchestermusiker werden. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar nicht so gut im Kollektiv funktioniere. Meine Stärke ist es, individuell zu sein. Da bin ich auch am wenigsten nervös. Wenn ich das gleiche machen muss wie andere und mich einfügen muss, habe ich Angst, mein Klang sei zu auffällig. Das Ideal eines Quartetts ist es ja auch, dass man vier Leute und einen Geist hat. Im Quartett finden sich vier Leute zusammen und bilden eine fünfte Person, das ist das Quartett. Und das erfordert die Bereitschaft, sich wirklich in diesen Kreis einzubinden.

Reisen gehört zu Ihrem Beruf. Reisen Sie gerne?
Ich finde es spannend, andere Städte zu bereisen, leider bekommt man von den Städten manchmal überhaupt nichts mit. Ich komme an, gehe zum Hotel und zur Probe, spiele das Konzert und fahre wieder weg. Dennoch empfinde ich das Leben im Hotel als angenehm. Ich gehe zum Frühstück, hinterlasse ein Chaos und komme in ein aufgeräumtes Zimmer zurück. Das habe ich zuhause nicht. Wenn ich in München, wo ich ja wohne, ein Konzert habe, bin ich mehr gestresst, wenn ich nach Hause komme, als wenn ich auf Reisen wäre.

Viele Leute glauben, Musiker seien Leute, die von morgens bis abends Musik machen. Auf Ihrer Webseite habe ich gelesen, dass Sie noch andere Tätigkeiten haben. So suchen Sie einen Ausgleich im Kochen.
Gute Nahrung bringt jedem etwas! Und das Kochen ist für mich ist eine Entspannung und eine Art von Meditation, ich kann dabei die Gedanken schweifen lassen, bekomme gute Ideen… Kochen hat seinen eigenen Rhythmus, den man auch nicht beschleunigen kann, und da ich ein ungeduldiger Mensch bin, ist das für mich sehr gut. Beim Kochen und auch beim Backen muss ich mich eben darauf einlassen, dass es Zeit braucht, dass die Hefe z.B. eine halbe Stunde braucht. Das empfinde ich dann schon als Entspannung. Ich muss auch dazu sagen: ich liebe gutes Essen und das ist auch der erste Grund, warum ich gerne koche. Und ich mag es auch, Freunde einzuladen und für die zu kochen. Das hat einfach etwas von Heimat und zuhause sein. Wenn man kochen kann und dann noch Gäste dabei hat, ist es doch doppelt so schön. Und genau das ist es ja, was ich auf Konzertreisen selten habe, wo ich viel alleine bin.

Wo sehen Sie denn das Musikleben in 10 Jahren? Es gibt ja immer wieder Leute, die sagen, die Klassik gehe den Bach runter?
Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht genau, denn wenn wir das wüssten, dann wäre ja diese Krise nicht da. Fundamental aber glaube ich, dass die Musik doch so etwas Schönes ist, dass gute Musik immer überleben wird. Musik ist doch Seelennahrung, die wir alle brauchen, und von daher mache ich mir in dem Sinne keine Sorgen. Man spricht viel von neuen Formaten für Klassikkonzerte. Ich habe vor einiger Zeit auch Dinge gemacht wie Klassiklounge oder Talkshows und danach überlegt, ob das wirklich eine gute neue Form ist. Eigentlich ist meine Antwort darauf: Nein! Ich glaube, die Musik entsteht aus der Stille, daraus, dass man zu sich kommt und zuhört, und dafür braucht man Aufmerksamkeit und den Willen, den Alltag hinter sich zu lassen. Ein Club, wo alle mit der Bierflasche herumstehen und eigentlich nur darauf warten, dass das Konzert zu Ende geht, damit endlich die Disco losgehen kann, ist nicht der Ort, wo Bach in seiner vollen Schönheit erklingen kann.

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