Seit 1964 finden in Heidenheim, einer Stadt im Osten Baden-Württembergs, Opernfestspiele statt. Unter dem Dirigenten und Künstlerischen Leiter Marcus Bosch haben sie seit 2010 eine neue Dynamik bekommen. Alain Steffen hat sich mit dem 52-jährigen Dirigenten unterhalten.

Marcus Bosch

Herr Bosch, was ist denn das Besondere an den Opernfestspielen Heidenheim?
Ich denke, es gibt nur wenige Festivals auf diesem Niveau, die ausschließlich selber produzieren und, wie in diesem Jahr, vier Eigenproduktionen auf die Bühne bringen, darunter Wagners Tannhäuser und Verdis I due Foscari. Die großen romantischen Opern werden mit den Stuttgarter Philharmonikern unter freiem Himmel im Schloss Hellenstein  aufgeführt, die kleineren Opern mit der Cappella Aquileia im Festspielhaus. Seit einigen Jahren führen wir mit großem Erfolg die frühen Verdi-Opern auf, die auch für CD mitgeschnitten wurden. Open Air birgt natürlich immer ein Wetterrisiko. Aber wir sind in Heidenheim so aufgestellt, dass wir problemlos innerhalb kürzester Zeit in das Festspielhaus umziehen können. Die Vorstellungen fallen also bei Starkregen oder niedrigen Temperaturen nicht aus. Ein wichtiger Fixpunkt der Opernfestspiele Heidenheim ist der Tschechische Philharmonische Chor aus Brünn, der während 6 Wochen sozusagen in Residenz bei uns arbeitet und bei mehreren Produktionen eingesetzt wird.

Ich nehme an, eine Open-Air-Aufführung stellt schon akustisch eine besondere Herausforderung dar.
Generell schon, aber die Ruine des Rittersaals ist akustisch hervorragend, so dass man fast die gleichen Bedingungen wie in einem Opernhaus vorfindet. Der Tannhäuser funktioniert jedenfalls wunderbar. Man braucht ungefähr 10 Minuten, um sich reinzuhören, danach hat sich das Ohr an die Umstände gewohnt. De Rittersaal bietet zudem andere Möglichkeiten; der Fernchor kann beispielweise unter der Bühne singen, oder die Elisabeth singt mitten im Publikum. Das Orchester klingt sehr präsent, überdeckt aber nie die Sänger, so dass sie nicht zu forcieren brauchen.

Oper im Rittersaal von Schloss Hellenstein
(c) Oliver Vogel

Die Opernfestspiele Heidenheim gibt es bereits seit 1964. Wie hat sich das Festival im Laufe der Jahre verändert?
Nun, am Anfang wurden kleine Spielopern aufgeführt, wie Bastien und Bastienne von Mozart, La serva padrona  von Pergolesi oder der Schauspieldirektor von Mozart, dann etwas anspruchsvollere Werke wie Mozarts Entführung und Don Giovanni, Rossinis Barbiere, Fidelio von Beethoven und viele Opern von Verdi. Damals wie heute gilt es, junge, vielversprechende Sänger zu verpflichten, die dann meistens auch internationale Karrieren machen. Das Budget hat sich vervielfacht. Als ich 2009 angefangen habe, lag unser Budget bei 580.000 €, heute haben wir über 2,5 Millionen zu Verfügung. Ich denke, ein Großteil des Erfolges rührt daher, dass wir immer auf Qualität setzten. Alle Künstler, die wir verpflichten, besitzen ein hohes Niveau und auch bei den Regisseuren geben wir uns Mühe, Künstler zu finden, die Open Air-Idee ernst nehmen und anspruchsvolle Regiearbeit leisten. Die Wunschliste, die wir uns vor 12 Jahren aufgestellt hatten, hat sich jedenfalls erfüllt.

Das sieht dann auch nach konsequenter Kontinuität aus.
Ganz sicher, man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Konsequenz in der künstlerischen Auswahl ist für uns ein Must. Sehen Sie, wir haben mit den Stuttgarter Philharmonikern und der Cappella Aquileia zwei sehr unterschiedliche, aber hochmotivierte Orchester, die jedes Jahr dabei sind. Und welches Festival hat schon den Luxus, während 6 Wochen auf denselben, hochkarätigen Chor zurückgreifen zu können? Kontinuität bedeutet aber auch Weiterentwicklung. So gibt es natürlich neue Ideen, die wir in Zukunft gerne umsetzen möchten, beispielweise ein Forum für freie Kammerorchester wie das Basler Kammerorchester oder das Freiburger Barockorchester.

Und in Sachen Opernrepertoire?
Das wollen wir uns auch nicht auf die Top 20 der Opernszene begrenzen. Ich bin überzeugt, man muss auch manchmal wagemutig sein. In der Zwischenzeit haben wir ein treues Publikum, das uns vertraut und mitgeht. So hatten wir vor vier Jahren Tchaikovskys Pique Dame auf dem Programm, keine leichte Oper und eher etwas für Eingeweihte. Doch wir waren in jeder Vorstellung ausverkauft und die Pique Dame kannte einen riesigen Erfolg. In diesem Sinne reizt es mich natürlich auch Richard Strauss‘ Elektra im Rittersaal von Schloss Hellenstein aufzuführen.
Mit der Cappella Aquileia, die ja mit rund 55 Musikern ein klassisches Orchester ist und im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis musiziert, werden wir weiter an den frühen Verdi arbeiten und den Zyklus wahrscheinlich mit Luisa Miller abschließen. Aber jetzt freue ich mich schon auf 2023 mit Verdis Don Carlo auf der Freilichtbühne und Giovanna d’Arco im Festspielhaus

(www.opernfestspiele.de)

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