Dmitrij Kitajenko
c) Remy Franck

Was es heißt, eine Komposition horizontal, also mit einer musikalischen Linie ganzheitlich umfassend zu erleben und nicht vertikal, wie viele Taktschläger sie gestalten, das hat Dmitrij Kitajenko in der Kölner Philharmonie in einem großen Programm mit russischer Musik gezeigt, aus dem auch eine CD-Produktion entstehen soll. Remy Franck berichtet.

In einer Musikwelt, in der ‘schnell und laut’ leider ein wichtiges Motto geworden ist, war es umso auffallender, dass die drei selten aufgeführten Werke, die Konzertsuite aus Rimsky-Korsakovs ‘Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitezh und der Jungfrau Fevroniya’, Sergei Taneyevs Kantate ‘Johannes Damascenus’ sowie Rachmaninovs ‘Die Glocken’ alle ganz ruhig enden. Das Programm enthielt damit auch sehr selten aufgeführte Stücke, die alle drei zum ersten Mal in einem Konzert des Gürzenich-Orchesters zu hören waren. Dass jedoch auch ein ruhiger Schluss Begeisterungsstürme nicht verhindern muss, zeigten die drei Kompositionen allerdings nur, weil sie von Kitajenko und seinem Ensemble aus Solisten, Chor und Orchester so hervorragend dargeboten wurden, ausdrucksvoll und tief geatmet. In ihrer sehr natürlichen Entfaltung erzielten sie eine ungemein starke Wirkung auf das Publikum. Kitajenko zeigte mit seinem sorgfältigen und empfindsamen Dirigat die die verborgensten Schönheiten der drei Werke.

Dmitrij Kitajenko, Chordirigent Petr Fiala, SolistenChor und Orchester beim Schlussapplaus
(c) Remy Franck

Das Konzert begann mit einer von Maximilian Steinberg (1883-1946) zusammengestellten Suite in vier Bildern aus Nikolai Rimski-Korsakovs märchenhafter Oper ‘Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitezh’.

Zwischen Waldesrauschen und Vogelgezwitscher, Kriegsgetümel und Paradiesszenen geht es in dieser Musik nur um Stimmungsbilder. Und diese zu malen, gibt es keinen besseren Dirigenten als Kitajenko, weil er durch feinste Differenzierung und eine perfekte Atmung eine bewegende Natürlichkeit des Ausdrucks erreichte.

Es folgte Sergei Taneyevs Kantate ‘Johannes Damascenus’ für gemischten Chor und Orchester, ein wunderbares Werk, das der Komponist, ohne seine russischen Wurzeln zu verleugnen, als eine Hommage an Johann Sebastian Bach ansah. Trotz des strengen Kontrapunkts kam in dieser Aufführung viel Ausdrucksstärke zum Tragen, sowohl im meditativen ersten Teil wie auch im Hoffnungsaufschwung der abschließenden Erlösungsmusik. In den formenden Händen von Dimitrij Kitajenko erreichte der Philharmonische Chor aus Brno eine sehr plastische Deklamation, die zusammen mit dem differenzierten Orchesterklang eine wirkliche Perspektive erlangte, eben durch dieses Anfang und Ende verbindende, horizontale, die ganze Komposition umfassende Denken des Dirigenten, das aber nicht nur die organische Geschlossenheit ergab, sondern durch die subtile Verfeinerung gleichzeitig die Freiheit des Musizierens steigerte.

Sergei Rachmaninovs Vokalwerk ‘Die Glocken’, das frei nach Edgar Allan Poe die vier großen Lebensabschnitte des Menschen beschreibt, beschloss das großartige Konzert. In den vier Teilen werden die Klänge von Schlitten-, Hochzeits-, Feuer- und Totenglocken evokativ dargestellt. Die Schlittenfahrt am Anfang ist ein typisches ‘Mütterchen Russland’-Tableau, das in diesem Konzert in schillernden Farben erklang, mit dem imponierenden Tenorsolo des glückstrahlenden Dmytro Popov. Im zweiten Teil, den ‘Hochzeitglocken’, sang Anna Samuil das Solo sehr ausdrucksvoll. Rachmaninov hat diesen zweiten Satz sehr meditativ angelegt, ohne unmittelbare Freude, mit viel Melancholie auch. Unter Kitajenkos Leitung breitete sich hier ein echtes großes Espressivo aus, mit einer fast transzendentalen Steigerung und einer Bewegungskurve, die mit feinen Modifikationen in Tempo und Dynamik eine erstaunliche Vielfältigkeit der Färbungen ergab.

Im dramatischen dritten Satz, den ‘Sturmglocken’ beim Ausbruch einer Feuersbrunst, sorgten Chor und Orchester zusammen für eine dramatische Kraftentfaltung.

Mit der kräftigen Baritonstimme von Vladislav Sulimsky und dem prägnanten Chorgesang des Chors aus Brünn sowie dem fein abgestuften Klang des Gürzenich-Orchesters gab es im letzten Teil, den ‘Todesglocken’, eine geistige Durchdringung jeden Tons und jedes Motivs, wie man es nur allzu selten erleben kann.

Mithin gilt jetzt schon als sicher, dass die CD, wenn sie einmal bei Oehms Classics erscheinen wird, ein in allen Hinsichten herausragendes Tondokument darstellen wird.

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