Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen BWV 988; Jean Muller, Klavier; 1 CD Hänssler Classic HC17059; Aufnahme 12/2015, Veröffentlichung 15/09/2017 (49'20) – Rezension von Remy Franck

Die wohl kürzeste Aufnahme der Goldberg-Variationen ist jene von Glenn Gould, der mangels Wiederholungen und schnellen Tempi 1955 auf 37 Minuten kam. Von Ralph Kirckpatrick gibt es eine Aufnahme von 43 Minuten, aber die meisten Einspielungen dauern um die 75 Minuten. Die Unterschiede kommen daher, dass einige Pianisten oder Cembalisten die Wiederholungen alle spielen, andere sie ganz oder teilweise weglassen. Das ist auch bei Jean Muller der Fall. Der Luxemburger Pianist  hat die zweite Hälfte aller Variationen wegen ihres durchführungsähnlichen Charakters beiseitegelassen und auf die ersten Wiederholungen hat er « um der Stringenz willen » in den meisten Fällen verzichtet, « mit Ausnahme der drei- und vierstimmigen Variationen, um deren herausgehobene formale Stellung im Werk zu unterstreichen. » Soviel zur Aufführungsdauer.

Freilich hat die Entscheidung, die Wiederholungen wegzulassen, die vielleicht einige Puristen erzürnen wird, im interpretatorischen Gesamtkonzept ihre Bedeutung. Sie erlaubt es Muller, die von ihm angestrebte Differenzierung der Variationen optimal und wegen der knappen Formulierung sehr scharf durchzuziehen. Seine Aufnahme wird damit eine der lebendigsten und schillerndsten, eine der persönlichsten auch die ich kenne.

Seine Goldberg-Variationen reichen sozusagen vom Barock bis in die Romantik hinein und noch weiter darüber hinaus. So ist die Aria elegisch kantabel, die darauffolgende Variation Nr. 1 zupackend und sehr dezidiert. Die zweite Variation und auch die 3. hingegen fließen in leichtem Charme. Die fünfte Variation wird zum virtuosen Feuerwerk, und in der Siebten fasziniert der Bachsche Humor in einem sehr verspielten Musizieren. Scheinbar gegensätzliche Anschlagsarten führen zu einem ganz besonderen Ergebnis in der 12. Variation, und darauf folgt dann die weichgezeichnete 13. Variation, in der uns Muller in eine ganz andere Welt projiziert, ehe er in furios-schneller Weise die nächste Variation verschlingt.

Majestätisch kommt die 16. Variation daher, während die 19. zur pointilistisch-impressionistischen Malerei wird. Sehr schön ist auch die rhythmisch eigenwillig verspielte 23. Variation, während das zart geflüsterte Adagio strukturelles Denken in vertieftem Ausdruck zeigt. Hoch virtuos begeistert die 29. Variation, während die Aria im ‘da capo’ weitaus reflektiver wird als am Anfang des Zyklus, der mit dieser Klammer zu einem wunderbar gebündelten Gesamtwerk einer bemerkenswerten Bach-Aktualisierung wird.

Jean Muller hat sich im Vorfeld viele Gedanken über die Goldberg-Variationen gemacht und dies dennoch nicht als Schablone benutzt, um Papierblumen zu pflücken. Er hat sich hörbar von den Vorbereitungen befreit und spielt souverän-kommunikativ, mit einer konstant spürbaren Frische  und vor allem sehr beseelt. Insgesamt ist ein solches Bach-Spiel eine beispielhafte Demonstration musikalischen Reichtums. Muller sagt in 49 Minuten viel mehr als manche seiner Kollegen in 69. Er macht aus den Goldberg-Variationen eine Goldgrube.

Zum exzellenten Eindruck trägt auch die ausgewogene, das Klavier optimal darstellende Tonaufnahme bei.

Having cut a great number of repetitions, Luxemburgish pianist Jean Muller’s reading of the Goldberg Variations is a short 49 minutes long, but that doesn’t prevent him from presenting one musically very rich version, inventive, fresh, vivid and with a refined differentiation of the variations. It also makes his performance very personal and gives it a great communicative power.

 

https://www.youtube.com/watch?v=VwS7Y8Ev2uo&feature=youtu.be

 

 

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