Anne-Sophie Mutter
Photo: Deutsche Grammophon

Anlässlich des 85. Geburtstags von Krzysztof Penderecki in diesem Jahr präsentierte Anne-Sophie Mutter in der Philharmonie zwei Werke diese polnischen Komponisten. Doch auch andere Kompositionen erklangen im Konzert. Ob der Abend die Erwartungen des Publikums erfüllen konnte, berichtet für Pizzicato Uwe Krusch.

Wer das Angebot der Philharmonie komplett wahrnehmen wollte, musste einiges an Sitzfleisch und Ausdauer mitbringen. Der Geburtstag von Penderecki war nicht nur der Ansatzpunkt für Anne-Sophie Mutter, ihr Programm mit seinen Werken zu bereichern. Die Philharmonie zeigte im Vorfeld den Film ‘Pfade durch das Labyrinth’ zum Leben und Wirken von Krzysztof Penderecki. In einem persönlich gezeichneten Porträt wurde die musikalische Entwicklung mit Stationen wie die Kompositionen zur Einweihung des Denkmals für die gefallenen Werftarbeiter des Aufstandes in Danzig mit dem Lacrimosa, das später im Polnischen Requiem aufging sowie der Musik zum Film Katyn (das Massaker von Katyn) dargestellt. Daneben wurden Proben mit auch mit Anne-Sophie Mutter, Janine Jansen und Julian Rachlin gezeigt. Für das private Umfeld wurde die Ehe mit seiner Frau Elzbieta beleuchtet, seine Vorliebe für Bäume und die Ausgestaltung seines eigenen Parks mit vielen eingeschmuggelten Pflanzen und schließlich die Einweihung eines neuen Musikzentrums auf seinen Namen, das vor allem der Ausbildung jugendlicher Musiker dienen soll. Nach diesen 90 Minuten war der Appetit auf das Konzert angelegt. (Pizzicato-Rezension des Films) https://www.pizzicato.lu/pendereckis-leben-zwischen-baumen-und-hecken/

Mutter eröffnete und beschloss das offizielle Programm mit Werken des Geburtstagskindes. Dabei war der Beginn besonders, da der Duopartner nicht der seit dreißig Jahren mit ihr musizierende Lambert Orkis am Piano war, sondern der Kontrabassist Roman Patkolo, der ein Stipendium ihrer Stiftung genossen hat. Das gerade einmal sechs Minuten lange ‘Duo concertante’ wurde auf Wunsch der Solistin geschaffen und den beiden Interpreten gewidmet. Als Auftaktstück fordert es sofort die gesamte Aufmerksamkeit der Interpreten, die, so der Eindruck, noch nicht ganz gegeben war. Dieses Werk steht unter Hochspannung, was beim Kontrabass dadurch begründet ist, dass die Saiten um einen Ton gegenüber der üblichen Stimmung skordatiert sind, um so eine gewisse Annäherung an die Stimmung der viel höheren Violine zu schaffen. Zutaten wie Tangoanklänge und ein wildes Furiosoende machen dieses kleine Bravourstück zu einer Herausforderung. Den beiden Interpreten gelang eine spannende und die Ohren kitzelnde Darstellung.

Den Rest des Abends spielte die Ausnahmegeigerin dann mit ihrem langjährigen musikalischen Partner am Piano. Bei ihren Auf- und Abtritten tauschen die beiden Partner miteinander verschmitzte Kommentare aus, die geradezu einen spitzbübischen Eindruck vermittelten. Die persönliche Beziehung scheint ausgezeichnet zu sein und das wurde weitestgehend auch musikalisch bestätigt. Auffallend war auch, wie schnell, fast abrupt, sie zum Spielen ansetzten, sobald jeweils der Auftrittsapplaus abgeklungen war. So schnell konnte man seine Ohren gar nicht fokusssieren.

Anne-Sophie Mutter & Lambert Orkis
(c) Sébastien Grébille

Ein weiteres jüngeres Werk schloss sich an den Auftakt an. The ‘Fifth Season’ von André Previn, dem Mutter auch nach ihrer Scheidung im Jahre 2006 eng verbunden ist, stellte eine europäische Erstaufführung dar. Die Uraufführung fand erst vor knapp drei Monaten statt. Wie bei den Kompositionen von Previn üblich, wirken seine Werke vom amerikanischen Geist inspiriert. Natürlich soll das Werk die Assoziation an ein von ihr oft gespieltes Stück, die Jahreszeiten von Vivaldi, wecken. In der Form einer Fantasie gestaltet Previn eine lebensbejahende Musik, die neben klassischen auch Elemente von Blues und Jazz nutzt und keine scharfen Grenzen setzt. Gewürzt ist es mit Elementen, die wie ein Ehestreit mit Instrumenten gesehen werden können. Ein lebensfrohes verschmitztes Werk, das vielleicht nicht ganz die musikalische Tiefe besitzt, wie wir sie bei Penderecki etwa finden.

Mit dem ersten Hauptwerk des Abends, der zweiten Partita von Bach, zeigte sich Anne-Sophie Mutter als Solistin. Gerade die zweite Partita mit ihrer abschließenden ausladenden Ciaccona mit gut fünf Dutzend Variationen ist einer der Gipfel der Geigenliteratur und erfordert sowohl technische Perfektion als auch körperliche und geistige Anspannung. Hier bewies die Geigerin unnachahmlich, geradezu überwältigend, wie intensiv und sicher sie auch solch ein Gebirge bewältigt, wie die besten Bergsteiger die Achttausender ohne Sauerstoffgerät und Hilfsmittel. Einfach staunenswert. Und trotzdem kann man sich über die Interpretation unterhalten. Gebrochen Akkorde werden sehr kraftvoll angegangen, so dass Spielgeräusche erklingen. Und auch sonst war ihr großer Ton natürlich darauf abgestellt, einen großen Saal zu füllen. Doch, es gab auch die leisen innigen Momente, aber der Rezensent hätte sich vielleicht ein wenig mehr den demütigen als den virtuosen Klang gewünscht. Insofern erinnerte ich mich an knapp zehn Jahre alte Besprechung ihrer CD mit dem Gubaidulina Konzert ‘In Tempus Präsens’, das mit den beiden Violinkonzerten von Bach gekoppelt wurde. Damals schrieb der Kollege von der feurigen Darbietung und der einfallslosen Motorik bei Bach. Einfallslos würde ich zwar nicht sagen wollen, aber bei Bach bevorzuge ich andere Interpreten.

Ein anderer großer Komponist, Mozart, eröffnete den zweiten Teil des Abends. Nach einem kleinen Haspler der Uneinigkeit hatten sich Orkis und Mutter gefunden und zeigten an der einzigen Moll-Sonate der in Mannheim komponierten Sonaten, wie Mozart die Weg von der einer Sonate für Piano mit begleitender Violine zu der für gleichberechtigte Partner beschritten hatte. Eine flüssige, elegant modulierte Erzählung gelang so an die Ohren des Publikums.

Der Kreis schloss sich dann mit der zweiten Sonate von Krzysztof Penderecki. Diese halbstündige Kammermusik hat Penderecki, selber auch Geiger, in genauer Kenntnis der Möglichkeiten des Instruments für Anne-Sophie Mutter komponiert, da er ihr zutraut, die Komposition so zu präsentieren, wie er es gerne können würde. Das rastlose Werk erinnert etwas an Shostakovich Tonsprache. Es bildet starke Emotionen ab, die bis hin zu bedrückenden und marternd empfunden werden können. Hier waren Mutter und Orkis sofort voll bei der Sache und entwarfen ein intensives und facettenreiches Tongemälde, auch wenn es nicht gerade einschmeichelnd ist, mitriss.

Das zu Recht begeisterte Publikum dankte mit stehendem Applaus. Mutter und Orkis antworteten mit einer mit russischer Klangfülle dargebotenen Melodie von Tchaikovsky und dem ersten ungarischen Tanz von Brahms, bei dem das nachempfundene ungarische Idiom charaktervoll tänzerisch gemeistert wurde.

Ja, insgesamt gab es bei weitem nicht nur wegen des einleitenden Filmes großes Kino zu erleben.

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