Dimitrij Kitajenko
Photo: Gerd Mothes

Ein Beitrag von Remy Franck über die Gesamtaufnahmen des russischen Dirigenten

Dimitrij Kitajenko ist nicht nur einer der besten Dirigenten unserer Zeit, er ist auch einer, der seine Arbeit auf Tonträgern vorzüglich dokumentiert hat. Über 130 Schallplatten hat er aufgenommen, und daraus ragen einige Blöcke ganz besonders heraus: die Gesamtaufnahmen der Symphonien von Shostakovich, Prokofiev, Scriabin, Rachmaninov und – diese Integrale ist im Entstehen – Piotr Tchaikovsky. Kitajenko ist eine Art Marathon Man, ein unablässig an den Werken feilender Dirigent, der zum Zeitpunkt der völligen Durchdringung und Ausreifung das Gesamtwerk fixiert.

Dimitrij Kitajenko, Jahrgang 1940, dirigiert zwar regelmäßig renommierte Orchester wie die Berliner Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, das Philharmonia Orchestra London und andere mehr, aber der Schüler so legendärer Lehrer wie Leo Ginzburg, Hans Swarowsky und Karl Österreicher ist weltweit vor allem durch seine unermüdliche Arbeit im Bereich der Schallplatte bekannt. Viele seiner Aufnahmen entstanden mit den Moskauer Philharmonikern, deren Chefdirigent er 14 Jahre lang war, mit dem Philharmonischen Orchester Bergen, dessen musikalischer Leiter er ebenfalls war, mit dem Radiosymphonieorchester Frankfurt (Chefdirigent 1990-1996) und mit dem Gürzenich-Orchester aus Köln, wo gegenwärtig die Tchaikovsky-Integrale für Oehms Classics im Entstehen ist. Sie enthält auch die so genannte ‘Siebte’, die noch nicht erschienen ist. Die wenigsten unserer Leser werden dieses Werk kennen, denn in Europa scheint es kaum je im Konzert gespielt worden zu sein.

Leo Ginzburg hat es 1958 zum ersten Mal mit dem Moskauer Radioorchester aufgenommen, Eugene Ormandy machte 1962 in Philadelphia eine Aufnahme davon, und 1993 veröffentlichte Chandos eine Einspielung mit dem London Philharmonic unter Neeme Järvi. Es gab auch eine Aufnahme von Kyung-Soo Won (1991, Hallmark), und eine weitere, zeitlich nicht näher zu bestimmende Einspielung von Melodiya unter Sergueï Skripka. Es zirkuliert im Internet auch eine etwas verworrene Geschichte über eine computergenerierte Siebte Symphonie Tchaikovskys, die das Philadelphia Orchester unter einer nicht existierenden Dirigentin Henrietta Quelles gespielt haben soll, aber dies ist musikalische ‘Science fiction’.

Etliche Musikfreunde kennen gewiss Teile dieser Symphonie, die in das Dritte (einsätzige) Klavierkonzert (op. 75), sowie in ein Andante und Finale für Klavier und Orchester (op. 79) einflossen.

An der Symphonie Es-Dur mit dem programmatischen Titel ‘Leben’ arbeitete der Komponist zwischen der Schicksalssymphonie, der Fünften und der Abschiedssymphonie, der ‘Pathétique’. Er arbeitete parallel zum ‘Nussknacker’ daran, also 1891 und 1892. Im November 1892 war das komplette Werk skizziert und der 1. Satz weitgehend orchestriert. Doch die Komposition gefiel ihm nicht, er brach die Arbeit daran ab und nahm die ‘Pathétique’ in Angriff.

Seinem Neffen Wladimir Dawidow teilte er mit, das Material der unvollendeten Symphonie in Es-Dur vernichtet zu haben. Das stimmte allerdings nicht: Er bearbeitete die Sätze 1, 2 und 4 und schuf daraus sein 3. Klavierkonzert in einem Satz, das Andante und Finale op. 79 sowie, im Rahmen der Klavierstücke op. 72, ein ‘Scherzo-Fantasie’ op. 72/10.

Der russische Komponist Semyon Bogatyryov rekonstruierte die Symphonie in den Fünfzigerjahren nach den Skizzen und dem Klavierkonzert, bzw. dem Andante und Finale und dem Scherzo op. 72 Nr. 10. Diese Fassung wurde am 7. Februar 1957 in Moskau uraufgeführt.

Dimitrij Kitajenko lässt sowohl in seiner Interpretation – wir hörten sie live im Konzert – als auch in dem, was er über das Werk sagt, keinen Zweifel daran, dass dies « sehr gute Musik » ist: « Tchaikovskys Herz liegt in dieser Musik! Sie hat Recht, auf die Bühne gebracht zu werden. »

Diese Musik ist tatsächlich genuiner Tchaikovsky, gehaltvoll und ungemein reich an kompositorischen Einfällen. Kitajenko dirigierte sie im Konzert mit viel Energie und einer kontrollierten Dosis Emotionalität.

Noch ist der Tchaikovsky-Zyklus also nicht fertig, und schon arbeitet der unermüdliche Dmitrij Kitajenko an neuen Rachmaninov-Aufnahmen. Und seit der Spielzeit 2012/13 ist er Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. In der Oper freilich trifft man ihn kaum noch an, obwohl er früher sehr viel Oper dirigiert hat und auch für moderne Inszenierungen offen war, sofern sie Sinn machten. Die Exzesse des Regietheaters aber halten ihn heute aus den Opernhäusern fern.

Kitajenko ist überhaupt ein Musiker, der seine berufliche Umwelt sehr kritisch in Augenschein nimmt. « Die Orchester sind besser », sagt er, « aber die Dirigenten nicht. » Denn bei den Dirigenten geht es nicht nur um Technik, sondern um viel mehr. Leider, so sagt Kitajenko, « ziehen heute so manche Orchester einen jungen Dirigenten und Taktschläger vor, der nicht viele Fragen stellt und die Musik in ihrer Oberflächlichkeit belässt, als einen erfahrenen Dirigenten einzuladen, der sich mit halber Arbeit nicht zufrieden gibt und für ein Konzert vier Probentage verlangt. So werden die Probenzeiten immer kürzer, Orchester und Dirigent lernen sich nicht wirklich kennen, und die interpretatorische Arbeit reduziert sich zu oft auf ein Minimum. Und wenn ich auch noch ein unbekanntes Werk aufs Programm setzen will, wird gleich abgewunken. Daher kommt es, dass die Orchester immer die gleichen Werke spielen. »

Zeit, so Kitajenko, und damit meint er ‘ausreichend Zeit’, sei  etwas, was in der Musikwelt von heute Mangelware geworden sei. Zeit zum Proben, Zeit auch, um sich einfach nur unter Fachleuten auszutauschen. Er beklagt, dass es heute zwischen den Spitzenmusikern kaum Kontakt gibt: « Ich erhalte keine Gelegenheit, mich mit Kollegen zu unterhalten. Früher, als ich in Moskau war, hatte ich ständig regen Kontakt mit anderen bedeutenden Musikern, mit Komponisten, Shostakovich etwa, oder Solisten wie Oistrach – er war so ein lieber Mensch – und auch mit anderen Dirigenten. Heute treffe ich mal den einen oder anderen am Flughafen, auf die Schnelle, aber einen richtigen Gedankenaustausch gibt es nicht. »

Die Gesamtaufnahmen

PROKOFIEV-REFERENZ

CD-ProkofievSymphonies-Kitajenko

Excellentia – S. Prokofiev: Symphonien Nr. 1-7; Gürzenich Orchester Köln, Dimitrij Kitajenko; 5 CDs Phoenix Edition; 2005-2007 ( 291′)

Serge Prokofiev schrieb 7 Symphonien, von denen die Erste, die sogenannte Klassische, und die Fünfte, sein Opus 100, die bekanntesten sind. Doch auch wenn die anderen Werke seltener gespielt werden, sind sie nicht weniger wichtig.

Nach Gergievs Set mit dem LSO kam bei Phoenix ein neuer Zyklus mit dem Gürzenich Orchester und Dmitrij Kitajenko heraus, die bereits mit einem Shostakovich-Zyklus ihre chemisch potente Zusammenarbeit unter Beweis gestellt hatten. Diese Aufnahme fand damals unerklärlicherweise nicht den Weg in unsere Redaktion, und wir erhielten sie erst im Vorfeld des Konzerts, das Kitajenko beim Philharmonischen Orchester Luxemburg dirigierte. Dem Set soll jetzt in unseren Spalten die nötige Würdigung zukommen, spät, aber dafür umso nachdrücklicher. Denn es besteht kein Zweifel daran: Kitajenkos Prokofiev-Symphonien sind Referenzeinspielungen. Kein anderer Dirigent, auch Gergiev nicht, hat das symphonische Material so plastisch dargestellt, ist so tief in die sieben Werke eingedrungen. « Prokofiev ist für mich der russischste aller Komponisten: er gehört ganz und gar zu Russland – mit Herz, Verstand und Seele », sagt Kitajenko, « Er stammt aus einer wohlsituierten Familie in der Ukraine, aus einem Ort namens Sonzowka – Sonnendorf. Und tatsächlich: er kam dort zur Welt, wo die Sonne herrscht. Und wurde zu einem sonnigen Komponisten. » Sonnig bedeutet für Kitajenko nicht nur Sonnenschein. Ganz und gar nicht. Oh, gewiss, der Dirigent kann den Werken wunderbar lyrische Momente abgewinnen – etwa im Andante der 7. Symphonie, aber zur Sonne gehören eben auch Leuchtkraft, dann diese Eruptionen an der Sonnenoberfläche (die sogenannten Flares), die gewaltige Kernfusion im Sonnenkern, die heftige Turbulenzen innerhalb der Konvektionszone und die kinetische Energie. All das bringt Kitajenko in Prokofievs Symphonien ein und bezieht damit eine Sonderstellung im Interpretationsspektrum, wobei im Vergleich, andere Dirigenten, wie z.B. Gergiev, bei aller produzierten Kraft oberflächlich wirken.

Kitajenko lässt sich nicht einfach, wie Gergiev das macht, von der Sonne erhitzen, er behält einen kühlen Kopf und strukturiert so souverän wie kein anderer Dirigent, stets besorgt, ein Höchstmaß an klarer Architektur und an klanglicher Transparenz zu erzielen. Das Resultat ist ein Klangreichtum ohnegleichen, in dem sich uns Prokofievs geniale Einfallskraft offenbart wie nie zuvor.

Schon in der Ersten Symphonie macht Kitajenko klar, dass es ihm um die Substanz geht und nicht um oberflächlichen Glanz. Seine Tempi sind gemäßigt, Prokofiev selber verschwindet nicht ganz hinter der klassischen Fassade. Die Erste ist mit der Letzten, der 7. Symphonie gekoppelt, die Kitajenko ganz reflektiv, aber trotzdem auch vital und fantasievoll gestaltet, mit dem bereits erwähnten, bewegend kantablen langsamen Satz.

Die zweisätzige Zweite Symphonie kommt in ihrer ganzen  Ausdrucksgewalt herüber, genau wie die Dritte, die ich noch nie so packend gehört habe, in der ich noch nie so gut die verschiedenen Ebenen verfolgen konnte, auf denen manchmal – im Kontrast gehört – die ungeheuerlichsten Dinge passieren.

Kitajenko dirigiert von der 4. Symphonie sowohl die Originalfassung von 1930 als auch die revidierte Version von 1947, was durchaus Sinn machte, denn die beiden Fassungen unterscheiden sich doch sehr. Prokofiev hielt seine erste Partitur wohl für nicht substanzreich genug, denn er baute die Symphonie kräftig aus, verlängerte sie von um die 26 Minuten auf ca. 40 Minuten. Kitajenko bemüht sich, die zum Teil atemberaubenden Klangwirkungen der revidierten Fassung besonders deutlich werden zu lassen.

Die gewaltigen Klangmassen des 1. Satzes der 5. Symphonie werden in einer aufgewühlten, stringenten Interpretation wie vulkanisches Magma durch die Lautsprecher gewälzt. Aber auch in den übrigen Sätzen wählt Kitajenko nicht den Weg der flüchtigen Eleganz, sondern zeigt beeindruckend, was Prokofiev alles in dieser Musik verborgen hat.

Die Sechste Symphonie ist ein düsteres Werk, dessen beiden ersten Sätze mit viel Schwermut über Kriegsschäden sinnieren: Kitajenko bringt die Gürzenich-Musiker zu einem aufregenden, fast beängstigend spannenden Spiel. Diese Spannung wirkt bis in den grotesk verspielten Beginn des 3. und letzten Satzes hinein, der hier direkt diabolisch klingt. Der musikalische Weltuntergang im extrem Schluss dieses Satzes zeigt, wie richtig der Dirigent lag, in dem er die ersten 9 Minuten des Finales nicht auf die leichte Schulter nahm.

Ohne Ausnahme haben wir es also hier mit meisterhaften Darbietungen zu tun, deren Inspirationsniveau beim Dirigenten wie bei den Orchestermusikern maximal ist. Und da auch die Tontechniker sich um ein räumlich bestens aufgebautes Klangbild bemüht haben, ist alles erfüllt, um nicht nur von einer herausragenden, sondern von einer Bestleistung zu sprechen. Das ist der Prokofiev-Zyklus, den man haben soll. RéF

HOCH INTENSIVE SHOSTAKOVICH-SYMPHONIEN

CD-ShostakovichSymphonies-KitajenkoExcellentia – D. Shostakovich: Alle Symphonien; Marina Shaguch, Arutjun Kotchinian, Prager Philharmonischer Chor, Gürzenich-Orchester Köln, Dmitrij Kitajenko; 12 SACDs Capriccio 71029; 2004/05 (11 St. 28′)

Das Gürzenich-Orchester der Stadt Köln und der russische Dirigent Dmitrij Kitajenko legen bei Capriccio alle 15 Symphonien von Dimitrij Shostakovich vor. Es ist oft betont worden, dass Kitajenko Shostakovich persönlich kannte und daher in besonderem Masse berufen sei, seine Werke zu dirigieren. Inwiefern sich des Dirigenten Sicht ohne diese persönliche Bekanntschaft verändert hätte, sei einmal dahingestellt. Was mich an dieser Interpretation überwältigt ist die leidenschaftliche Intensität der Darstellung. Bei Kitajenko wird die Musik Realität, denn der Dirigent weiß, dass Shostakovichs Symphonien keine abstrakten Kompositionen sind, sondern, dass sich in ihnen die russische Geschichte des XX. Jahrhunderts widerspiegelt. Die 11. Symphonie etwa, mit ihrer dramatischen Musik, die den Film des Protestmarsches aus dem Jahre 1905 packend ablaufen lässt, ist im Surround-Klang von einer derartigen Wirkungskraft, dass die Musik Bildkraft erlangt: der Zuhörer wähnt sich plötzlich im Zentrum der schlimmen Ereignisse in Sankt-Petersburg, bei denen 1000 Menschen ihr Leben ließen. Am Ende der Aufnahme der Achten Symphonie sitzt man regungslos da, alle Gedanken, die einem zuvor noch durch den Kopf gegangen sein mögen, sind wie weggewischt, haben dieser grässlichen, von Resignation, Hoffnungslosigkeit und unendlicher Trauer geprägten Welt innerer Schmerzen Platz gemacht, die Dimitrij Kitajenko in Shostakovichs Achter Symphonie zum Ausdruck bringt. Der erste Satz durchdringt einen wie nie zuvor, nicht weil er länger dauert als bei anderen Dirigenten, sondern weil er ein ungeahntes Ausmaß an Tragik vermittelt. Kitajenko geht noch extremer vor als Barschai: fast dreißig Minuten hat sein Adagio, dreißig Minuten, von denen keine zu lang ist. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen zeigt uns Kitajenko in dieser Symphonie keinen deklamatorischen Shostakovich, sondern einen Komponisten, der tief in seinem Inneren leidet und dieses Leid dort kondensiert.

Auch in den beiden folgenden Sätzen, dem ‘Allegretto’ und dem ‘Allegro non troppo’ forciert Kitajenko nichts, sondern lässt die Musik wie von selbst laufen. Das Groteske äußert sich bei ihm in seiner sinnlosen mechanischen Leere, in der unmenschlichen Motorik, mit der die Welt zusammen zu krachen scheint und dann doch – freilich unerlöst – ins Largo fällt, weil das Klagen ihr Los ist.

Kitajenko stellt aber auch die Zeitlosigkeit dieser Symphonie heraus, die in dieser Interpretation noch aktueller scheint  als je zuvor: sie ist für mich auch die musikalische Klagemauer für die Gegner einer sinnlosen Fun- und Konsumkultur, wie sie einem bis zur Besinnungslosigkeit verblödeten Publikum von den gewissenlosen Machern des heutigen Exkrementfernsehens täglich vor Augen geführt wird.

Ein exzellentes Orchester und eine in der Surround-Aufteilung sehr natürlich wirkende Aufnahme sind neben der außerordentlichen Interpretation weitere Pluspunkte dieser Produktion, die für mich zur absoluten Referenz für dieses Werk zählt.

Der erste Satz der Zehnten lastet tonnenschwer auf unseren Ohren und unserem Gemüt. Musik der Unterdrückung, die einen erdrückt. Da Kitajenko diese Dramatisierung und Intensivierung nicht vordergründig vornimmt, sondern aus tiefstem Werkverständnis heraus, werden die Symphonien in einem Maße ausgelotet wie das den wenigsten Dirigenten gelungen ist. Kitajenko offenbart die ganze Gefühlswelt Shostakovichs, mit ihren tragischen wie auch mit ihren zuversichtlicheren Seiten, mit ihrer Ironie und ihren grotesken Zügen.

Ein weiteres Merkmal des Symphonie-Zyklus ist seine innere Geschlossenheit: der Dirigent hat bei der ersten Symphonie schon die letzte im Blick und er blickt bei der fünfzehnten zurück auf die Erste. Sein Orchester, seine Chöre und Solisten schwört er hundertprozentig auf seine Sicht ein!

Capriccio legt mit dieser Zwölfer-Box die erste Gesamtaufnahme der Shostakovich-Symphonien  auf SACD im Surround-Klang vor, und auch das ist ein Vorzug der Produktion, denn die Tontechniker haben diesem Projekt größte Sorgfalt beigemessen! Als Spitzeneinspielungen mit absolutem Referenzwert sind diese elektrisierenden Interpretationen ein unumgängliches Tondokument in der Aufnahmegeschichte der Symphonien des größten russischen Komponisten des XX. Jahrhunderts. RéF

KITAJENKOS LEIDENSCHAFT

CD_kitajenko_symphony_4Excellentia –  P. I. Tchaikovsky: Symphonie Nr. 6 (Pathétique); Gürzenich-Orchester Köln, Dimitrij Kitajenko; 1 SACD Oehms Classics OC 666; 1/10 (51’09)

Supersonic – P. Tchaikovsky: Symphonie Nr. 5, Pique Dame-Ouvertüre; Gürzenich-Orchester Köln, Dmitrij Kitajenko; 1 SACD Oehms Classics OC 667; Live 3/11 (53’45)

Supersonic – P.  Tchaikovsky: Manfred-Symphonie op. 58; Gürzenich-Orchester Köln, Dmitrij Kitajenko; 1 SACD Oehms Classics OC 665; 3/09 (61’25)

 

 

Da läuft es einem kalt den Rücken hinunter: Nach einigen orchestral brillanten und ganz auf Spannung aufbauenden Interpretationen dieser Programmsymphonie (Manfred) nach dem Drama des englischen Dichters George Gordon Byron (Jurowski, Petrenko) überrascht Dimitrij Kitajenko mit einer hoch leidenschaftlichen Interpretation ‘aus einem Guss’.

Tchaikovskys 5. Symphonie ist ein Werk, das schon viele Dirigenten vor gewaltige Pobleme gestellt hat. Was bedeutet diese Musik, die einerseits so schmissig und virtuos klingen kann, dass symphonische Brillanz sicher ein Weg ist, sie zu Gehör zu bringen, und die andererseits als Schicksalssymphonie bezeichnet wurde, mit viel Konfliktstoff und düsteren Passagen. Auch von ‘Per aspera ad astra’ war die Rede, und so mancher Interpret hat die Musik mit triumphierendem Finaljubel enden lassen.

Kitajenko macht das nicht, sein Finale lastet schwer und kann sich zu Jubel nicht aufraffen. Resignation kennzeichnet die Musik, in der sich der Kreis zum düster brütenden Ersten Satz schließt. Kitajenko zeigt die Ausweglosigkeit die « völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung », wie Tschaikowsky notierte (…). 

Die ‘Pathétique’ haben viele Dirigenten ergreifend gestaltet. Aber keiner hat uns so tief mit ins Innere dieses Gefühlsvulkans genommen, hat uns dem Brodeln der Lava, dem Aufpeitschen der Magmawellen so nahe gebracht wie Dmitrij Kitajenko. (…)

Zur eindringlichen Wirkung der Musik trägt auch die Qualität des Gürzenich-Orchesters bei, dessen Musiker Kitajenko hundertprozentig ergeben sind, sowie die Surround-Aufnahme, die mit ihrem dichten und doch räumlich-transparenten Klang direkt anspricht.

Ein erschütterndes Erlebnis, das ist diese Einspielung der ‘Pathétique’, für mich ab jetzt die Referenzaufnahme für dieses Werk.

P.S. Die Rezensionen der Symphonien Nr. 3 und 4 finden Sie in der CD-Rubrik.

http://www.pizzicato.lu/da-sind-mahlers-hammerschlage-nichts-dagegen/

http://www.pizzicato.lu/im-reich-des-seelisch-nicht-prazisierbaren-kitajenkos-dritte-tchaikovsky/

Und hier ist ein Link zu einem Videointerview mit Dmitrij Kitajenko über seine Tchaikovsky-Einspielungen:

 

VISION SCRIABIN

CD-ScriabinSymphonies-KitajenkoSupersonic – A. Scriabin: Symphonien Nr. 1-3, Le Poème de l’Extase, Prométhée (Le Poème du Feu) op. 50, Klavierkonzert op. 20; WDR-Gerhard Oppitz, Klavier, Symphonieorchester Köln, Dimitrij Kitajenko; 3 CDs RCA 74321 202972; 1991-94 (225′)

Man braucht nur Kitajenkos Interpretation des ‘Poème de l’Extase’ anzuhören, um zu wissen: Dieser Dirigent hat das, was man braucht, um Scriabin zu interpretieren. Eine Vision! Die Fähigkeit, das Visionäre, Spekulative, das der Welt Entfliehende, das Transzendente umzusetzen und hörbar zu machen. Den ‘Poème de l’Extase’ habe ich noch nie mit so viel sensuellem Klangflirren, sprühendem Aroma, Lichtopulenz und Vibrationspracht gehört. Die Leidenschaft der Musik befruchtet und fasziniert.

Zum hypnotischen Exkurs wird auch die Klangreise durch ‘Prométhée’, den ‘Poème du feu’, und die Dritte Symphonie (Le Divin Poème). Auch ohne Lichtklavier und Duft nimmt man als Nur-Hörer in Kitajenkos Zelebration die Vereinigung der Kunstformen in ‘Prométhée’ wahr, die mit geheimnisvoller Kraft auf uns einwirkt und in einer Art psychologisch-neurologischem Phänomen alle Sinne gleichzeitig stimuliert. Die Schluss-Steigerung gelingt dem Dirigenten prächtig, ohne überhitzt zu wirken.

Den dynamischen wie farblichen Reichtum des ‘Divin Poème’ setzt Kitajenko überzeugend um. Vom irdischen und kämpferischen ersten Satz (Luttes) über die ‘Voluptés’, die Wonnen der sinnlichen Welt, bis hin zum letzten Satz, dem ‘Jeu Divin’, gelingt dem Dirigenten eine aussagekräftige Musik, die des Komponisten Streben glaubwürdig darstellt.

Auch in dem stupenden Klavierkonzert und in den zwei ersten Symphonien, noch viel romantischer als die Dritte, setzt der Dirigent die Musik als Mittel der klanglichen Verführungskünste Scriabins effektvoll ein. Sie wird zur Seduktion in einem geheimnisvollen Umfeld von Körper und Seele, zwischen Hörern und Fühlen und enthüllt so die letzten Geheimnissee der Klangmagie Alexander Scriabins.

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