Franziska Pietsch, was hat Sie nach Bautzen geführt?
Meine Beziehung zu Bautzen begann nicht mit der Idee für ein Festival, sondern mit einem Moment: Während eines Konzerts im Jahr 2022 habe ich den Saal im Sorbischen Museum Bautzen als einen Ort mit besonderer Energie und kultureller Offenheit wahrgenommen. Mir wurde bewusst, dass dieser Raum mehr ist als ein Konzertsaal – er trägt Erinnerung, kulturelle Vielfalt und eine besondere Form von Konzentration in sich.
Bautzen, das historische Zentrum der Sorben, steht exemplarisch für eine lebendige Mehrstimmigkeit: eine Stadt, die ihre deutsch-sorbische Geschichte nicht museal bewahrt, sondern aktiv weiterträgt. Diese bewusste Verwurzelung in kultureller Identität verleiht der Region eine besondere Aura – und hat in mir den Wunsch geweckt, hier künstlerische Begegnungen zu ermöglichen, in denen Musik und Sprache einander begegnen können.

Bautzen
Wie kamen Sie auf die Idee, dort ein Festival zu gründen, und zwar nicht, wie üblich im Sommer, sondern im Winter?
Auch wenn ich Geigerin bin, hatte Sprache für mich immer eine besondere Bedeutung. Poesie und Literatur waren nie Beiwerk, sondern ein stiller Begleiter meiner musikalischen Arbeit. Ich schreibe selbst, lese viel – und habe früh gespürt, dass Musik und Wort sich gegenseitig öffnen können, ohne einander zu erklären.
Aus diesem inneren Bedürfnis heraus entstand die Idee zu einem Festival, in dem Musik, Sprache und Literatur einander begegnen: nicht illustrativ, sondern hörend, tastend, auf Augenhöhe. Bautzen mit seiner vielschichtigen kulturellen Geschichte bot dafür einen natürlichen Resonanzraum.
Der Winter erschien mir dafür fast zwingend. Es ist eine Zeit der Verdichtung, der Stille, des Innehaltens. Die äußere Zurücknahme schafft eine besondere Form von Aufmerksamkeit – für Klang, für Sprache, für das, was zwischen den Zeilen liegt. WinterKlassik versteht sich deshalb nicht als Gegenpol zum Sommer, sondern als bewusster Moment der Konzentration und inneren Verbindung.
Was bedeutet es für Sie, künstlerisch für ein Festival verantwortlich zu sein?
Künstlerisch für ein Festival verantwortlich zu sein bedeutet für mich zunächst große Verantwortung – vor allem aber Freiheit und Vertrauen. Freiheit, einen inneren Zusammenhang zu gestalten, und Vertrauen in die Kraft der Kunst selbst. Gerade in unserer schnelllebigen und zunehmend oberflächlichen Welt werden Momente des Innehaltens und der inneren Reflexion immer kostbarer. WinterKlassik möchte genau solche Momente ermöglichen. Musik und Sprache werden zu einem Spiegel der Seele und eröffnen Raum für Begegnung, Reflexion und die Erfahrung dessen, was wirklich zählt. Für mich ist es ein Privileg, mit diesem Festival einen kulturellen Beitrag zu leisten.

Festsaal im Sorbischen Museum Bautzen
Was ist das Besondere an WinterKlassik im Sorbischen Museum Bautzen?
Das Sorbische Museum Bautzen ist ein Ort voller Geschichte, Kultur und Erinnerung. Hier entsteht ein einzigartiger Resonanzraum, in dem Musik, Literatur und Sprache unmittelbar aufeinandertreffen. Ein wesentlicher Aspekt der WinterKlassik ist die besonders enge Verflechtung von Musik, Biografie und Literatur: Drei dramaturgisch gestaltete Programme verweben historische Hintergründe mit poetischen Texten und schaffen ein nahezu szenisches Konzerterlebnis. Schauspieler eröffnen dabei eine zusätzliche theatrale Ebene, in der Musik und Sprache einander begegnen und die Programme unmittelbar, emotional und vielschichtig erfahrbar werden lassen. Auf diese Weise entstehen eine besondere Intensität und Nähe, die das Festival zu einem einmaligen Erlebnis werden lassen – Kultur, Geschichte und persönliche Resonanz verbinden sich hier auf eindrückliche Weise.
Wie kamen Sie auf das Motto ‘Von Brecht zu Broadway’ des nächsten Festivals?
Die Idee zu ‘Von Brecht zu Broadway’ entstand aus der thematischen Entwicklung der WinterKlassik. Begonnen hatte alles mit dem Thema ‘Heimat’, gefolgt von ‘Klangwege der Via Regia’ – ein Blick auf die legendäre Handelsroute von Paris bis Kiew, die mitten durch Bautzen führte. Mit dem diesjährigen Motto öffnet sich das Festival nun noch weiter. Wir widmen uns musikalischen Stimmen, deren Lebenswege von Migration, Umbruch und Neubeginn geprägt sind. Werke von Weill, Korngold, Gershwin, Dvořák und anderen erzählen, wie aus Bewegung, Verlust und Begegnung neue Kunst entsteht. Zwischen Europa und Amerika, zwischen Erinnerung und Aufbruch, zwischen lyrischer Intimität und Broadway-Glamour entsteht ein Programm, das kraftvoll, berührend und zutiefst menschlich ist – ein Spiegel für unsere eigene Suche nach Zugehörigkeit, Heimat und Identität.

Franziska Pietsch
(c) Sonja Werner
Sie stehen nun vor der dritten Edition des Festivals. Was ist, knapp umrissen, Ihr persönliches Fazit nach bereits zwei Ausgaben?
Die Resonanz auf die WinterKlassik war von Anfang an außergewöhnlich. Sie hat es ermöglicht, international renommierte Künstlerinnen und Künstler zu gewinnen, die dem Festival ein klares künstlerisches Profil verleihen. Die intensiven und nachhaltigen Reaktionen des Publikums zeigen, dass die inhaltliche Idee trägt und Menschen wirklich erreicht.
Kam alles so, wie Sie es erwartet hatten, oder was entsprach ggf. nicht Ihren Erwartungen?
Ein Festival neu zu etablieren, ist natürlich eine Herausforderung: Es braucht verschiedene tragfähige Säulen und ein überzeugendes Konzept, um künstlerische Qualität, organisatorische Struktur und Finanzierung miteinander in Balance zu halten. Dieser Prozess ist fortlaufend und verlangt Geduld, Kreativität und Ausdauer – und er bestätigt mir immer wieder, wie entscheidend eine klare Vision für die Entwicklung eines Festivals ist.

















