Für viele Menschen ist die göttliche oder religiöse Seite immer mit einem irgendwie gearteten Himmelsbegriff verbunden. Im Wiener Konzerthaus wurden vier Werke unterschiedlicher Nähe zum Firmament angeboten. Für Pizzicato hat sich Uwe Krusch dem Abend gewidmet, bei dem das ORF Radio-Symphonieorchester Wien (RSO Wien) mit seinem designierten Chefdirigenten Markus Poschner sowie der Flötist Emmanuel Pahud zu hören waren.
Dabei war die Reihenfolge nicht thematisch aufgebaut, schließlich erklangen Tod und Verklärung am Ende, die als Vorstufe zum Elysium gedanklich vorher einzuordnen wären. Doch bot die Programmökonomie eine andere Folge an.

Markus Poschner
So eröffnete das klingende Elysium von Samy Moussa den Abend. Das zunächst göttliche und damit elitäre unvergängliche Paradies der griechischen Mythologie wurde im Laufe der Geschichte ein immer weiter geöffneter Garten Eden, in den auch Tugendhafte einziehen dürfen. Sich verschiebende Glissandi führen in eine das Interesse des Hörers aufsaugende Gestaltung, die über zwölf Minuten spannende Sphären verfolgt. Das RSO Wien und Markus Poschner hatten die Stimmen bzw. die Partitur fest und klar durchdacht im Griff und wussten sie mit differenzierter Ausdrucksfähigkeit zu präsentieren.
Nach diesem Werk aus dem Jahr 2021 folgte mit dem noch ein Jahr jüngeren Lux Stellarum von Erkki-Sven Tüür ein großformatiges Stück für Flöte und Orchester in österreichischer Erstaufführung. Ohne einen fassbaren programmatischen Inhalt beschäftigt sich dieses mit den Empfindungen feierlicher oder auch ehrfürchtiger Natur unter einem Sternenhimmel abseits menschlicher Einflüsse insbesondere durch Lichtquellen.
Aus der Kombination moderner Elemente wie Cluster und Klangflächen mit traditionellen wie Diatonik und Dreiklangsharmonik schafft Tüür eine Versöhnung zwischen musikalischen Welten, indem er scheinbar gegensätzliche Stile aufeinander prallen lässt.

Emmanuel Pahud
(c) Josef Fischnaller/Warner
Mit Emmanuel Pahud stand nicht nur einer der exquisiten Flötisten unserer Zeit für das Solo ein, sondern zugleich der Widmungsträger, der auch schon die Uraufführung gespielt hatte. Diesen mit allen spieltechnischen Möglichkeiten ausgestatteten Instrumentalisten durfte man also schon als vertraut mit dem Stück betrachten. In Anwesenheit des Komponisten wusste er das Werk mit nachdrücklichem Einsatz zu gestalten. Die energetisch intensive Komposition vielfältiger Facetten bot er dem Auditorium in gestalterischer Souveränität an.
Das RSO Wien und Markus Poschner folgten dem Solisten oder forderten ihn auch durch ihr bestens auf ihn abgestimmtes Mitwirken und komplettierten so das Erscheinungsbild des Stückes in höchst überzeugender Weise.
Nach der Pause sah der Programmplan bekannte Werke vor. Richard Wagners Vorspiel zum 1. Aufzug von Parsifal bot den Himmelbezug in dem vom Komponisten übermittelten Eindruck von Wolkenschichten, die sich teilen und bilden. Ensemble und Dirigent hoben die Sprödigkeit der Musik, die in den Choralfragmenten noch rissiger erschien, klar hervor.
Die Tondichtung ‘Tod und Verklärung’ von Richard Strauss schloss den Abend, der ob seiner Vielfalt und Opulenz keine Zugaben nötig hatte, ab. Das Orchester wurde von Markus Poschner zu großer Geste animiert. Mit viel Feingefühl in der Abstimmung und bei der gestalterischen Formung war eine prägende Darstellung des Werkes zu erleben.
So hatte das Konzert vier farbenprächtige Werke geboten, die Höreindrucke hinter die sichtbaren und fassbaren Seiten der Welt ermöglichten. Mit brodelnden Klängen opulenter Anmutung, gefolgt von nordischer kühler Klarheit, folgten eine Reise ins eigene Ich sowie ein Rückblick auf ein Leben. Viele Aspekte für über den Konzertsaal hinaus wirkende Gedanken.


















