Das Festival Alter Musik Resonanzen im Wiener Konzerthaus genießt im Kalender der Interessierten höchste Priorität, bietet es doch zumeist tolle Aufführungen und zusätzlich auch Wiederentdeckungen alter Werke. Uwe Krusch, Pizzicato, war beim Auftakt 2026 dabei.

Das Motto des Jahres lautet Les Femmes, also die Frauen. So war es kaum überraschend, dass ein nur mit Frauen besetztes Ensemble auftrat, nämlich Les Musiciennes du Concert des Nations Ensemble. Lediglich der Dirigent Jordi Savall passte nicht in das Geschlechterprofil.

Einen Bezug zum Jahresmotto durfte man auch in der Auswahl des Komponisten annehmen. Denn der rote Priester, der Il prete rosso, Antonio Vivaldi hat viele Jahre als Lehrer in einem Mädcheninternet Ospedale della Pietà in Venedig unterrichtet und auch für das eben mit jungen Frauen besetzte Orchester etliche seiner Werke komponiert.

Dazu wurden im Abendprogramm Gedanken von Jordi Savall zitiert, der den besonderen musikalischen Ansatz seines nur aus Frauen bestehenden Orchesters hervorhob, da es ein nach seinem Empfinden ein freies Spiel mit Delikatesse und Feuer ermöglicht.

Im Konzert setzte das Orchester das mit aufmerksamen und agilem Wirken um, dass sich auch bei den stehend spielenden Geigen und Bratschen in lebhaften Körperbewegungen manifestierte. Damit erreichten sie auch eine ausgefuchste Abstimmung im Zusammenspiel, die sie zur Gestaltung einsetzten. Die mündete in abwechslungsreiche Deutungen, die Savall mit fokussierten sparsamen Dirigierhinweisen modellierte.

Den ersten Teil des Abends hatten die Musikerinnen und Savall drei Konzerten mit unterschiedlicher solistischer Besetzung reserviert. Zwei davon, das Concerto d-Moll RV 565 für zwei Violinen, zwei Violoncelli, Streicher und Basso continuo und das in h-moll RV 580 für vier Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo entstammen der Sammlung L’estro armonico, die Vivaldi auch in der Zeit im Internat komponierte. Als Eröffnung des Abends hatten sie das Concerto F-Dur RV 544 für Violine, Violoncello und Streicher »Il Proteo o sia Il mondo al rovescio« ausgewählt. Bereits hier wie auch im d-Moll Werk agierte Alfia Bakieva als Violinistin, im d-Moll Werk um Catalina Reus in der zweiten Solostimme ergänzt. Im Konzert mit vier Soloviolinen traten noch andere Solistinnen aus dem Ensemble auf. Alle setzten ihre Aufgaben mit Aplomb um. Vor allem aber konnte Bianca Riesner den ganzen Abend über an ihrem Cello in ihren Solopartien Glanzpunkte setzen.

Der Altmeister Jordi Savall, der in seiner langen Karriere immer wieder mit Maßstäbe setzenden Notenfunden sowie Entdeckungen musikalischer Raritäten vor allem im spanischen Raum und Interpretationen in der Musikwelt aufgefallen war, zeigte sich nach körperlicher Schwäche vor einiger Zeit erfreulicherweise wieder gesundheitlich bestens erholt.

Im zweiten Teil des Konzertes standen die immer wieder gern gespielten und im Grunde auch gern gehörten vier Violinkonzerte unter dem gemeinsamen Titel „Die vier Jahreszeiten“ zur Disposition. Hier durfte dann vor allem die Hauptsolistin Alfia Bakieva agieren, der Savall das Temperament für diese Werke attestierte. Im Konzert fiel aber mehr ihre Beschäftigung mit ihrem immer wieder dem Publikum zugewandten Aufmerksamkeit heischenden breiten Lächeln auf und das extra für die Aufführung angefertigte Kleid auf. So auf Äußerlichkeiten fixiert, so wirkte es jedenfalls, blieb der sachgerechten Interpretation mit der Musik nur eine

nachgeordnete Rolle übrig. Denn gute Solistin konzentrieren sich auf das Werk und ihr Instrument. So bewältige sie die Soli vielleicht mit Feuer. Aber wie das bei Feuer so ist, es kann auch unkontrolliert lodern und mehr schaden als nutzen. Der genaue Zuhörer musste sich deswegen mit einer Reihe von spieltechnischen Mängeln und auch intonatorisch zweifelhaften Ecken auseinandersetzen. Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Mit der Unsauberkeit des Spiels sind nicht die lautmalerischen Umsetzungen der Partitur gemeint, sondern die sonstigen Nachlässigkeiten. Zwar wird man jedem Interpreten im Konzert eine Unachtsamkeit nachsehen; aber nicht eine Vielzahl davon. War der Sprung von der Konzertmeisterin des Ensembles, die sie sonst ist, zur Solistin, doch zu groß?

Das Publikum ließ sich jedenfalls in seinem frenetischen Applaus nicht von den Mängeln beeindrucken. Vielleicht wirkten auf die meisten das zugegebenermaßen außergewöhnliche und ansehnliche Kleid und das Lächeln stärker als auf den Rezensenten die Umsetzung der Musik.

Als Zugabe kam dann noch das Andante aus dem Concerto B-Dur RV 583 für Violine, doppelchörige Streicher und Basso continuo zur Geltung.

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