Konzerthaus Wien,
(c) Victoria Coeln

Im Wiener Konzerthaus wurden von den Wiener Symphonikern und ihrem Dirigenten des Abends, Omer Meir Wellber, zwei Werke angeboten, deren Uraufführungen nicht unterschiedlicher hätten sein können. Traf bei seiner Uraufführung das 2. Klavierkonzert von Prokofiew auf Entsetzen und Enttäuschung, setzte sich die lang erwartete 1. Symphonie von Edward Elgar bei ihrer Erstaufführung sofort beim Publikum durch. Uwe Krusch war für Pizzicato bei der aktuellen Aufführung der Werke dabei.

Für die kurzfristig erkrankte Yuja Wang hatte Vadim Kholodenko den Solopart im Klavierkonzert übernommen.

Prokofiev wollte nach dem als oberflächliche Prahlerei und Tastenakrobatik verstandenen Konzert in D-Dur jetzt mit dem zweiten in g-Moll auch eines mit Tiefe schreiben. Wieweit dabei die Neufassung des Werkes aus dem Jahr 1923 von der zehn Jahre zuvor entstandenen ersten diesbezüglich abweicht, lässt sich nicht mehr rekonstruieren; die Noten der Erstfassung sind nach einem Brand verloren. Zwar ist dem Komponisten auch gelungen, musikalisch gehaltvoll zu schreiben. Aber technisch hoch anspruchsvolle Passagen fehlen auch hier nicht, vielmehr sind diese dann noch virtuoser als im ersten Konzert.

Vadym Kholodenko
Photo: Ralph Lauer/ The Cliburn

Doch das schreckte den Solisten, den im ukrainischen Kyiv geborenen Vadim Kholodenko keineswegs. Vielmehr gelang es ihm, die komponierten Kontraste aus den sehr virtuosen und den vergangenheitsverliebt zarten Momenten prickelnd zu zeigen. Erst im überbrodelnden Finalsatz ließ er das Feuerwerk an technischer Überlegenheit vollends zur Geltung kommen. Schon zwischendurch konnte er mit rhythmischer Schärfe sowie energetischer narrativer Kraft unmittelbare Hörgenüsse an Wirkung und Klarheit herauskitzeln. Dabei achtete er darauf, die Musik nicht zu perkussiv werden zu lassen.

Das Orchester unter der sehr aufmerksamen und fokussierten Leitung des Dirigenten wich dem Interpreten in diesem auch für das Ensemble nicht gerade von selbst spielbaren Stück keinen Moment von der Seite und wusste obendrein noch mit eigener Darstellung und Akzentuierung mehr als nur eine flache Tapete beizusteuern.

Vadim Kholodenko konnte trotz des fordernden Werkes das Publikum erst nach einer Zugabe beruhigen. Zum Abkühlen bot er deshalb von Johannes Brahms das Lied ‘Herzlich tut mich verlangen’, das er mit poetischer Zartheit und spielerischer Noblesse artikulierte.

Omer Meir Wellber
© Felix Broede

Die Wiener Symphoniker und Omer Meir Wellber hatten dann noch mit der Symphonie Nr. 1 von Edward Elgar ein ebenfalls selten zu hörendes Werk programmiert. Zwar mochte man diese Musik versöhnlicher empfinden als das Klavierkonzert, aber die feierlich beginnende Symphonie bot sich ebenfalls nicht einem seicht entspannenden Zuhörer an. Mit der weitgefassten schönen Melodie des Anfangs, die Elgar übrigens nach der Komposition der beiden Suiten ‘Wand of Youth’ und damit einer Reminiszenz an seine Jugend in den Sinn kam, gelang zwar der Einstieg sozusagen erholsamer. Aber das Werk im Ganzen mit seinen oft überraschenden Tonartwechseln wie überhaupt der subtilen Behandlung der Tonarten und der akribischen Ausarbeitung der großen Instrumentation und der dynamischen Abstufungen bot dem Orchester eine große Aufgabe gestalterischer Feinheiten, die sich nur bei wachem Zuhören offenbaren wollte.

Die Wiener Symphoniker und Wellber hatten sich bis auf zwei kurze Momente kleiner Nachlässigkeit in der Darstellung des Tempos im letzten Satz bestens auf die ungewöhnliche Herausforderung eingestellt. So gelang es ihnen, eine trotz der Dichte des Satzes immer gut durchleuchtete Interpretation zu gestalten, die es allen Stimmen im Orchester ermöglichte, sich formidabel zu präsentieren. Wellber hatte dabei immer das Gesamtbild in dem auf das Wesentliche gerichteten Dirigat in den Händen, um so den Ablauf auch über die Sätze hinaus mit einer die warmen Farben zeigenden, aber nicht pathetisch aufgebläht klingenden Deutung stimmig zu gestalten. Man durfte sich an einer tollen Umsetzung dieser jedes Orchester beanspruchenden Musik erfreuen.

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