Konzerthaus Wien,
(c) Victoria Coeln

Das Klangforum Wien gab sein jüngstes Konzert im Wiener Konzerthaus im Mozart-Saal auf einer vergrößerten Bühne. Für die Besetzung des Doppelkonzertes für präpariertes Klavier, Schlagwerk und Ensemble von Unsuk Chin wurde ausreichend Platz benötigt. Als weiteres Werk für den Abend hatte das Ensemble die ungefähr doppelt so lange Komposition ‘Körper’ von Enno Poppe, der auch der Dirigent war, vorbereitet. Johannes Piirto, der den Klavierpart kurzfristig hatte übernehmen müssen, spielte neben Vivi Vassileva am Schlagwerk als Solist. Uwe Krusch folgte der Aufführung, für die Markus Wallner die Klangregie führte.

In Unsuk Chins Doppelkonzert wurde ihr besonderes Interesse an Klangfarbe und -formung deutlich. Dabei diente die Virtuosität der Solisten als ein Mittel zur Schaffung der komplexen, einheitlichen Klangmasse. Die Solisten waren gezwungen, an der Entstehung und Entfaltung einer umfassenderen Klangwelt mitzuwirken, was im teilweise von balinesischen Gamelan-Traditionen inspirierten Konzert sehr deutlich wurde. Zugunsten der Verschmelzung der Klangfarben von Solo und Ensemble zu einem komplexen, einem von der Komponistin Hyperinstrument genannten Organismus, rückten die Kontraste zwischen den Beteiligten in den Hintergrund. Das mit verschiedenen Metallgegenständen präparierte Klavier wurde neben dem Schlagwerk auch in Richtung des perkussiven Spektrums gerückt. Anstelle ausgedehnter Solopassagen setzte Chin für dieses Konzert mit höchst anspruchsvollen Passagen vor allem auf Klangfarbe und perkussives Timbre. Komplexe Klangformen und -farben wurden selbst kleinsten Partikeln entlockt und Wiederkehrendes transformiert.

Unsuk Chin
(c) (Priska Ketterer

Die Aufführung durch Piirto, Vassileva und das Klangforum Wien führte die beabsichtigten Ideen stringent vor. Eher eingebettet, wenn auch vor dem Orchester aufgestellt und immer gut wahrnehmbar, führten die beiden Solisten ihre Partien vor. Mit eleganter Leichtigkeit hüpfte Vivi Vassileva nicht nur jeweils zu den zu spielenden Instrumenten der als Schlagwerk zusammengefassten Sammlung, sondern setzte ihr Spiel mit ebensolcher Simplizität um, um die Spielanweisungen auszuführen. Johannes Piirto hatte sich die Solopartie in nur wenigen Tagen aneignen müssen. Von Mühen oder gar Schwächen war nichts zu bemerken. Mit konzentrierter Sicherheit bewältigte er das Solo.

Das Klangforum Wien, wie immer in Höchstform, bot dazu wie gewohnt jede Stimme einzeln besetzt auf klassischen Instrumenten das Umfeld, in das die Solisten eingebunden waren.

Die begeisterte Aufnahme durch das Publikum im beinahe vollbesetzten Saal bot Vassileva und Piirto die Gelegenheit, als Zugabe den dritten Satz, Angelus, aus dem Werk Halo von John Psathas vorzuführen. Dieser zeigte sich als eine Art manische Sturm und Drang Episode, an deren Ende sich die Konfliktenergie entlud. Dissonante Akkorde trafen auf Ausbrüche frenetischer Melodik und bildeten ein mitreißendes Finale.

Fesselnd für die Hörer war die kraftvolle Dynamik und das komplexe Zusammenspiel von Klavier und Schlagzeug, das die beiden Protagonisten unbeschwert zeigten. Vorab aufgenommene Klänge für dieses Stück wurden subtil, bei einer Live-Aufführung unbemerkbar, von der Klangregie beigesteuert.

In der Umbaupause führte Enno Poppe mit ebenso erhellenden wie launig wirkenden Worten in sein nachfolgendes Werk ein. „Körper“ stellt seine Sicht auf den Big Band Sound mit seinen Mitteln dar. Einerseits verwendet er typische Instrumente, wie Saxophone, andererseits spielten als Streicher elektronische Instrumente, was andere Klänge und Klangproportionen ermöglichte. Zusätzlich setzte er zwei unterschiedliche Synthesizer ein.

In vier Abschnitte untergliedert, bot der erste Teil über etwa zehn Minuten ein massives, also so gewollt stark besetztes und auch beinahe durchgehend laut zu interpretierendes Wirken, dass einerseits auch für den Zuhörer fordernd, andererseits mit seinem Swing und seinem Drängen unbändig mitreißend wirkte. Der gewünschte Big Band Sound war somit zwar verfremdet, aber doch auch typisch für das Genre nachvollziehbar.

In den folgenden drei Abschnitten wurden andere Ausprägungen geboten. Der zweite Satz folgte mit dezenterem Auftreten und auch dunkleren Farben. Mit dem Wah-Wah-E-Bass im folgenden Satz kam wieder die Energie zurück, die zwischen Scatgesang und leichtem Dialog wanderte. Aus kleinen Floskeln entwickelte sich der vierte Satz mit Jazzfragmenten.

Eine Dreiviertelstunde dauerte das Werk. Poppe führte mit lockeren Armbewegungen, aber immer markanter Zeichengebung als Dirigent durch seine Komposition. Dabei mochte man anfangs den Eindruck gewinnen, dass der erste Satz mit seiner dicken Textur am schwersten nachzuvollziehen sei.

Die anderen drei Sätze waren zwar dünner instrumentiert, aber stärker in kleine Phrasen zerlegt und damit auf ihre Weise mindestens ebenso so anspruchsvoll für das lauschende Publikum und das Klangforum Wien. Dieses ließ sich aber von den Vorgaben nicht abschrecken. Schließlich ist es solche Aufgaben gewohnt und meistert sie souverän.

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