Die Wiener Philharmoniker waren bei ihrem rezenten Auftritt im Wiener Konzerthaus wieder einmal ohne ein Solokonzert im Programm zu Gast. Dass ihr Dirigent Jakub Hrusa dennoch nicht nur die orchestralen, sondern auch die solistischen Passagen der vorgestellten Werke von herausragenden Musikern, nämlich aus dem Ensemble selber, darstellen lassen konnte, hat Uwe Krusch für Pizzicato erlebt.
Der erste Teil des Abends bot Stücke ungarischer Herkunft. Mit ‘Tänze aus Galánta’ von Zoltán Kodály sowie der Konzertsuite ‘Der wunderbare Mandarin’ von Béla Bartók hatte Hrusa Stücke ausgewählt, die zwei der herausragenden Komponisten dieses Staates zeigten.
Im zweiten Teil erklangen Kompositionen tschechischer Herkunft, als ältestes Werk des Abends von Antonín Dvorak ‘Die Waldtaube’. Diese Symphonische Dichtung wurde noch im romantischen Klangideal mit eingewobenen impressionistischen Ideen geschrieben. Die Rhapsodie für Orchester ‘Taras Bulba’ von Leos Janacek wie zuvor die beiden Stücke von Kodaly und Bartok vermittelten musikalisch deutlich modernere Charaktere.
Damit boten die Beteiligten durchaus unterschiedliche Ausformungen an. In den folkloristisch geprägten Tänzen aus Galánta mit ihren prägenden elegischen Abschnitten sorgte der Einstieg mit der Kantilene der Cellostimme für einen streicherbetonten Beginn. Dem folgte aber sofort eine bläsergewichtete Komposition, die den Holzbläsern sowie Horn und Klarinette beste Möglichkeiten bot, ihr Können zu zeigen. Das nutzten die entsprechenden Musiker exzellent, um die ersten Ausrufezeichen des Abends zu setzen.
Bei der Suite ‘Der wunderbare Mandarin’ dagegen wurde zum Einstieg das Orchester in großer Besetzung gefordert. Dabei lagen die hochvirtuosen Anforderungen hier auch bei den Streichern, einschließlich der für Bartók natürlichen Glissandi. Doch auch das dominierende Blech und das hervorragende Schlagwerk konnten sich im Sinne der Komposition einbringen.
Mit ‘Die Waldtaube“ zeigten Dirigent und Orchester eine Tondichtung von Antonín Dvořák, die mit harten Harmonierückungen, der Variationstechnik sowie der magisch-realistischen Instrumentierung in eine moderne Richtung zeigte. So mag es nicht überraschend sein, dass Janacek, der die Uraufführung der Waldtaube dirigierte, die Fortsetzung dieser Ideen in seinem Werk wie etwa in ‘Taras Bulba’ weiter entwickelte.
Auch in den beiden tschechischen Werken erzeugten die Wiener Philharmoniker einen außerordentlichen Klangrausch, den sie in technischer Überlegenheit eingehüllt zeigten. Wie an vielen Stellen des Abends servierte Konzertmeister Manfred Honeck auch hier mit seinen souverän ausstrahlenden Soli Sahnehäubchen.
Und Jakub Hrusa bewies überzeugend, dass er einer der beachtenswertesten Dirigenten unserer Zeit ist. Der inneren Größe entsprechend konnte er sich völlig bescheiden, wenn sicher auch selbstbewusst, ganz der Koordination des Orchesters widmen und nicht der Selbstdarstellung. Interpretatorisch schürte er in allen vier Werken, ohne in konzentrierter Zuwendung nachzulassen, ein Feuer, das in seinem klingenden Ergebnis jeden berührte. Zwar handelte es sich um selten gespielte Werke, doch hatte Hrusa die Partituren so genau studiert, im zweiten Teil auch auswendig dirigierend, dass er mit den Musikern den Eindruck erweckte, diese höchst anspruchsvollen und nur selten gezeigten Werke wie tägliches Brot zuzubereiten. Dabei wusste Hrusa seine Handreichungen so zu dosieren, dass er alle musikalischen Effekte stilvoll übermitteln konnte, ohne sie über Gebühr herauszufordern.
Dieses osteuropäische Programm zeigte, insbesondere in so überwältigenden Interpretationen angeboten, dass es in der Welt der Musik viel mehr Zwischentöne gibt, die erlebenswert sind.

















