Paavo Järvi
(c) Bruno Fidrych

Als Gast im Wiener Konzerthaus hatte Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zwei Symphonien von Franz Schubert mitgebracht, in die sie das Violinkonzert von Richard Strauss einbetteten. Uwe Krusch verfolgte für Pizzicato, wie das Orchester spielte, wie Paavo Järvi das Programm dirigierte und wie Alena Baeva den Solopart im Violinkonzert gestaltete.

Eröffnet wurde das Konzert der drei nahezu gleich langen Kompositionen mit der Symphonie in B-Dur, der fünften, von Schubert. Dieses in einem lichten Tonfall geschriebene Werk, vom Charakter her bei den Vorbildern Mozart und Haydn ansetzend, bildete einen beseelten Start ins Geschehen. Die Kammerphilharmonie und Järvi, ihr langjähriger künstlerischer Leiter, übermittelten die energischen, rhythmisch punktierten Passagen des ersten Satzes sowohl mit der notwendigen Strenge wie auch der lebensbejahenden Mentalität bis hin zum Einsatz der Reprise, den sie mit neuer Frische und federnder Wirkung anboten. Im Andante sangen sie instrumental auf eine liedhafte Weise, die sich als schlicht und warm empfinden ließ. Das Menuett zeigten sie als energisch düstere Gestalt, von einem Ländler im Trio aufgebrochen. Hurtig spielte das Orchester das Finale, nicht ohne das Seitenthema elegant schwingend einzureihen. Mit einer konventionellen Reprise ohne Coda brachten sie den Bogen des klassisch formulierten Werkes zum Abschluss.

Franz Schubert

In der abschließenden 6. Symphonie in C-Dur, gerne auch als „Kleine C-Dur“ im Unterschied eben zur Großen bezeichnet, war der von ihnen gewählte Ton ein gänzlich anderer. Sofern man dem Verlauf ein wenig gedankenverloren folgte, konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, eben genau in der großen C-Dur Symphonie gelandet zu sein. Denn die dort zu hörenden geheimnisvollen Töne sowie das energische Dreinfahren konnte man auch in dieser Interpretation der 6. Symphonie erleben. Duftete die Fünfte nach Haydn und Mozart und hatte die 4. Symphonie ihre Nähe zu Beethoven, so ließ sich in der Sechsten der Einfluss des damals in Wien grassierenden Rossini Fiebers spüren. Doch zunächst bauten die Bremer und Järvi in der langen Introduktion die Spannung aus Sforzato-Schlägen und gesangvollen Passagen lyrischer Natur auf, die sie erst mit Eintritt des Hauptthemas auflösten. Im Wechsel von höchst famosen Holzbläsern und anderen nicht weniger exzellenten Orchestergruppen gestalteten sie den gesamten Satz. Im Andante boten sie den wiegenden Anfang im Gegensatz zum von Triolen und zunächst starker Dynamik geprägten Folgeteil an, bis sie die besonders subtil orchestrierten Schlusstakte hinhauchen konnten. Im Scherzo kam nochmal Beethoven nahe, wie es schon die Bezeichnung anklingen lässt, allerdings im Gusto von Schubert. Das Finale ließen die Musiker dann wie bei Rossini sprühen. In der Art einer seiner Ouvertüren wurden verschiedene Episoden aneinander gereiht, die wie ein Divertissement präsentiert wurden. Die Kammerphilharmonie formulierte nicht zuletzt diesen Satz dank des Dirigats von Järvi in seiner Buntheit und Heiterkeit mit delikaten Holzbläserpassagen in unwiderstehlicher Weise.

Ebenfalls hinreißend ergänzte das Ensemble als Zugabe Ellens Gesang III »Ave Maria« in einer Bearbeitung für Violine und Streicher von José Wellington Sousa de Castro, bei der dem Konzertmeister eine feine Sonderrolle für das Solo zukam.

Alena Baeva
(c) Anrej Grilc

Dazwischen eingefügt erklang das Violinkonzert von Richard Strauss, dass er mit 17 Jahren schrieb. Da er selber Geigenunterricht genossen hatte, konnte er für den Solopart einen sowohl höchst fordernden wie auch trotzdem einem Geiger in die Finger geschriebenen Weg finden. So musste sich auch die Solistin des Abends, Alena Baeva, gleich zu Beginn von der tiefsten bis in die höchsten Lagen ihres Instrumentes katapultieren. Auch im weiteren Verlauf zeigte sie die glänzende und wirkungsvolle Schreibweise für die Geige in ihrem intensiv und gestalterisch sehr sicher geprägten Spiel. Den zweiten Satz, der auf den ersten Blick doch recht einfach wirkte, wusste sie mit ihrem fein gestalteten Wirken zu einem Juwel zu formen. Danach widmete sie sich, zusammen mit der Flöte, im Finalsatz der als halsbrecherisch zu bezeichnenden Tarantella, ohne deswegen in ihrer wirkungsvollen Deutung nachzulassen. Dirigent und Orchester wusste sie dabei immer in bester Abstimmung an ihrer Seite.

Dem Applaus des Publikums dankend bot sie noch zusammen mit dem Solobratschisten Chris Rogers-Beadle  als Zugabe aus den „Duetti per due violini“ von Luciano Berio das 24. Stück, dem italienischen Geiger Aldo Bennici gewidmet. Diese Duos, als Zwiegespräche der Instrumente und auch mit Freunden gedacht, sollten zugleich Lehrwerke wie auch sich selbst tragende Musik sein. Das machten Baeva und Rogers-Beadle in einer ausgehorcht feinen Interpretation bestens deutlich.

 

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