Konzerthaus Wien,
(c) Victoria Coeln

Im Matriarchat ist alles genauso, nur andersherum. So jedenfalls könnte man das Drama giocoso in drei Akten ‘L’uomo femmina’ von Baldassare Galuppi aus dem Jahre 1762 auf den ersten Blick zusammenfassen. Im Rahmen des Festivals Alter Musik Resonanzen im Wiener Konzerthaus erlebte Uwe Krusch für Pizzicato, wie diese Welt in der Musik funktionierte.

Oder ist es doch anders? Wenn man die von Karin Zeleny aus dem Italienischen ins Deutsche übertragenden Schlussworte des Librettos im Abendprogramm las, mochte man zweifeln: « Wer Vernunft und eine gute Nase hat, kann ohne großen Aufwand verstehen, dass der Autor gewusst hat, wovon er schreibt. »

In dieser Utopie regieren auf einer Insel die Frauen, allen voran die Prinzessin Cretidea. Die Männer dagegen geben sich der Handarbeit, dem Schminken und damit ihrem schönen Aussehen hin, wie Gelsomino, der Günstling der Königin. Als zwei schiffbrüchige Männer aus einer patriarchalischen Welt auf der Insel angespült werden, beginnen die Dinge ins Wanken zu geraten. Natürlich spielt auch die Liebe eine Rolle. Denn gefunden haben die Schiffbrüchigen Ramira, die Vertraute von Cretidea sowie eine Hofdame namens Cassandra.

Sofort hat sich Cassandra in Roberto, einen der Schiffbrüchigen verliebt. Cretidea will diesen Roberto und seinen Diener Giannino auch optisch den Sitten der Insel anpassen. Und sie begehrt diesen Roberto, quasi tyrannisch alles für sich fordernd. Erst als sich herausstellt, dass Roberto und Cassandra Geschwister sind, löst sich dieser Konflikt und Cassandra bleibt allein zurück. Allerdings muss Cretidea die Kröte schlucken und dem Matriarchat zugunsten des Patriarchats abschwören, um Roberto zu gewinnen. Ramira hat sich Giannino geangelt.

In einem szenisch angehauchten Konzert spielen die Sänger auch mit vielen kleinen witzigen Darstellungen ihre Rollen. So begrabschen die Damen die Herren und wer die Macht hat, darf sitzen: zuerst Cretidea, dann Roberto. Auch der Text geht diesen Weg, wenn gesagt wird, dass (bisher) auf der Insel die Männer treu sein müssen, die Frauen aber mehrere Liebhaber haben dürfen, je mehr, desto besser.

Dieses sehr humorvolle Oper, wer mochte, konnte dem im Abendprogramm abgedruckten Libretto folgen, bot nicht nur aus sich heraus selbst beste Unterhaltung, sondern auch in der Interpretation der Beteiligten. Die scharfe Kritik an der Gesellschaft, vom Textdichter Pietro Chiari, den man als Konkurrenten von Carlo Goldoni bezeichnen kann, dreht sich erst am Ende in die von den Zeitgenossen gewünschten Konventionen. Diese erst kürzlich wieder gefundene Partitur wurde erst im letzten Jahr wieder zuerst aufgeführt.

Die Musik von Galuppi, heute weitgehend aus dem Blick geraten, bot den Boden für die Werke von Haydn und Mozart. So schuf er als einer der ersten Aktschlüsse der Art, die in dramaturgischer Zusammenfassung durch das Ensemble Punkte setzen. Auch in rhythmischen und harmonischen Aspekten führte sie in neue Welten.

Dafür hat Vincent Dumestre neben seinem Orchester Le Poème Harmonique sechs Sänger verpflichtet, die sich dieser utopischen Erzählung mit faszinierendem Engagement und großartigen Stimmen angenommen haben.

Eva Zaicik strahlt selbstbewusst als Cretidea, Ramira findet in Lucile Richardot, einem Contralto, eine genauso treu gegenüber der Vertrauten wie ihre eigenen Ziele verfolgend ihren Weg, auf dem auch die dritte Dame Cassandra, gesungen von Floriane Hasler als junge selbstbewusste Frau mit ihrem Mezzosopran glänzt.

Der Bariton Marc Mauillon formt mit seiner Baritonstimme einen zunächst verunsicherten, dann aber auflebenden Roberto, François Rougier verkörpert als Giannino zwar keinen Heldentenor, aber einen gestandenen Mann, der nur kurz auch mal strauchelt. Anas Séguin als neurotischer Gelsomino gestaltet mit seinem Bassbariton ausdrucksvoll den Spielball der Herrscherin.

Alle lassen ihren Stimmen einzeln, im Duett oder auch im Ensemble über die Rampe strahlen. Sicher gestaltend und den unterschiedlichen emotionalen Situationen mit subtilen gesanglichen Gestaltungen nachkommend, ist dieses Sextett eine nahezu optimale Besetzung.

Vincent Dumestre, der die Noten mit Unterstützung gefunden und vorbereitet sowie die Aufführung vorbereitet hat und nun als Dirigent agiert, führt mit leichter, aber immer zielsicherer Hand durch den Abend. Er inspiriert das Orchester zu lebendigem und die Partitur mit Elan und Ausdrucksfülle umsetzender Spielfreude. Solche Wiederentdeckungen kann es gerne noch viele geben.

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