Solistes Européens Luxembourg

Als die Solistes Européens, Luxembourg unter der Leitung ihres Chefdirigenten Christoph König gestern Abend den Walzer ‘An der schönen blauen Donau’ anstimmten, hätte man sich für einen Moment wie beim Neujahrskonzert gefühlt (abgesehen von der vergoldeten Ausstattung des legendären Musikvereins). José Voss besuchte das Konzert für Pizzicato.

Johann Strauss (Sohn) wird von vielen Komponisten (Liszt, Wagner, Brahms und später Ravel, der ihm in einem berühmten Walzer Tribut zollte) hoch geschätzt und gilt unbestritten als der Walzerkönig, zum einen aufgrund der Anzahl seiner Kompositionen (er komponierte mehr als 170!), zum anderen, weil er dem Walzer eine neue Dimension verlieh.

Johann Strauss (Sohn) ist zweifellos der Mann des Walzers, zum einen wegen der Anzahl (er komponierte mehr als 170!), zum anderen, weil er dieser sogenannten leichten symphonischen Musik zu Ansehen verhalf.

Christoph König
(c) François Zuidberg

Christoph König spricht Wiener Dialekt wie seine Muttersprache. In einer entspannten und festlichen Atmosphäre, mit einer für Wien typischen eleganten Leichtigkeit, gelang es ihm dank passendem Schwung, den Wiener Atem wiederzugeben – die berühmte Atempause, bei der man den zweiten Takt leicht vorwegnimmt und den dritten Takt scheinbar auslässt, wie Karajan es empfahl (Der Walzer ist einfach. Es ist eins, zwei und… vielleicht drei »). Präzision in der rhythmischen Lebhaftigkeit und Schwerelosigkeit in der Choreografie des Dreiertaktes, darum geht es hier. Dem deutschen Dirigent gelang dies mühelos, aber auf seine eigene Weise.

Nach diesem Standardwerk folgte eine Rarität: das Konzert für Oboe und Orchester op. 29 des Schweizers Gotthard Odermatt, nach Mozarts KV 293. Der aus Luzern stammende Komponist mag zwar erst Anfang dreißig sein, aber in Sachen Komposition ist er ein alter Hase.  Albrecht Mayer, einer der derzeit gefragtesten Oboisten als Konzertmusiker, der sich einer Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern rühmen kann, glänzte, unterstützt von den SEL in Hochform, mit einem besonders warmen Klang und einer klaren, kantablen Phrasierung.

Im Jahr 2016 veröffentlichte das BBC Music Magazine eine Liste der 20 beliebtesten Sinfonien. Auf dem Podium der drei besten Sinfonien aller Zeiten ging die Bronzemedaille an Mozarts Jupiter-Sinfonie, die Silbermedaille an Beethovens Neunte und die Goldmedaille an dessen Eroica. Gibt es einen schöneren Höhepunkt zum Abschluss eines Konzerts eines durch und durch europäischen Ensembles als diese Symphonie, die von den Idealen der Französischen Revolution geprägt ist, die für den Komponisten in der Persönlichkeit Bonapartes verkörpert wurden, dem Symbol für Gerechtigkeit, Humanismus und Freiheit, dem er das Werk widmete, bevor er empört seine Widmung zerriss, als er im Mai 1804 erfuhr, dass sich der Erste Konsul zum Kaiser erklärt hatte!

‘Heroisch’ nannte Beethoven das Werk, weil es in einer Zeit entstand, in der er sich seiner zunehmenden Taubheit bewusst wurde und die Versuchung zum Selbstmord überwinden musste. ‘Heroisch’ auch in seiner Absicht, denn wie die neue Widmung (per festegiarre il sovvenire di un gran’uomo) erklärt, soll es unter dem Deckmantel eines grandiosen Mythos – dem von Prometheus – einen zeitgenössischen Helden feiern, eine symbolträchtige Figur für die neuen Freiheiten, die den Menschen gebracht wurden.

Christoph König verlieh dem Werk zwar die erforderliche Kraft dank einer farbenfrohen Klangpalette, doch warum verzichtete er auf Dringlichkeit, prägnantere Phrasierungen, einen siegreicheren Stil oder sogar konfliktreiche Schärfe, insbesondere im großen, übermenschlichen Doppelfugato der Marcia funebre, das der österreichische Dirigent, Komponist, Pianist und Schriftsteller Felix Weingartner als ‘eschylisch’ bezeichnete?

Die Ausführung des Scherzos war weitaus besser gelungen. Darüber hinaus ist seine Komposition sowohl harmonisch als auch rhythmisch und instrumental besonders originell. Berlioz sprach in diesem Zusammenhang von überraschenden Klängen, « wie sie die Krieger der Ilias um die Gräber ihrer Anführer herum zelebrierten”. Das prometheische Finale ist ‘Beethoven von Beethoven’, so sehr erreicht der Titan aus Bonn hier eine erstaunliche Kraft und Klangdichte! König entschied sich für lebhafte Tempi und bemühte sich, die innere Spannung jeder Phrase hervorzuheben, ohne dabei den Diskurs zu beschweren. Das Ergebnis war eine überzeugende Interpretation, auch wenn sie eher kontrolliert und statisch als einfallsreich und innovativ war.

Das Meisterwerk Eroica, das sowohl in formaler als auch in gedanklicher Hinsicht revolutionär ist, gehört zu den besten Werken, die die Musik je hervorgebracht hat. Aus autobiografischer Sicht ist die Dritte Symphonie vor der Fünften Symphonie die erste Vertonung des begeisternden und wütenden Sieges des Menschen über das Schicksal, Beethovens ständiger Obsession.

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