Gewandhaus Leipzig

Die Großen Concerte im Leipziger Gewandhaus am 22.und 23. Januar dürfen als besondere, denkwürdige hervorgehoben werden. Sie galten zwei im mitteleuropäischen Konzertalltag weitgehend ungekannten, weil kaum aufgeführten Werken. Ihre Autoren konnten in Europa nicht nachhaltig wirken, wurden ab Mitte der 1930er Jahre zunächst gar nicht, dann nur nur punktuell rezipiert. Allmuth Behrendt berichtet.

Paul Ben-Haim und Ernest Bloch gehören zu jenen, die sich als Juden gezwungen sahen, Deutschland bzw. die von den Nationalsozialisten unter ihre Herrschaft gebrachten europäischen Länder zu meiden und zu verlassen. Welche ideellen und künstlerischen Verluste die physische Vertreibung des Einzelnen auch für die Nachwelt nach sich zog, machte dieser Abend – schmerzlich – deutlich.

Paul Ben Haim

Zu Chanukka 2025 (14. Dezember) begann das mit ‘Tacheles’ überschriebene ‘Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen’. Das Programm ist ungemein vielfältig, auch im Gewandhaus zu Leipzig; regelmäßig erklingende ‚Repertoire-Säulen‘ wie etwa die Oratorien Mendelssohns stehen neben Komponisten-Entdeckungen und -porträts. In diesem Kontext erwies sich die vielleicht außergewöhnlich anmutende Werkkombination als ebenso konsequent wie erfolgreich.

Avaodath Hakodesh von Ernest Bloch und die 1. Sinfonie von Paul Ben-Haim, 1934 in Turin bzw. 1941 in Eretz Israel uraufgeführt, fesselten und beeindruckten – trotz oder/und ob der in Teilen unvertrauten Klang- und Formensprache. (Blochs packendes Werk wurde im Sommer 1934 in Berlin durch den Jüdischen Kulturbund erstaufgeführt, im Gewandhaus Leipzig erklang es erstmals 2006 mit MDR-Rundfunkchor und MDR-Sinfonieorchester unter Roman Kofman, am gleichen Ort führte 2022 ein Gastensemble Ben-Haims Oratorium Jora auf.)

Omer Meir Wellber
© Felix Broede

Bloch, aus der Schweiz stammend, erwog bereits 1915, ins Exil zu gehen. Seit 1916 in den USA lebend, setzte er sich forschend, musizierend und schließlich schöpferisch mit seinen jüdischen Wurzeln auseinander. Einen Gottesdienst mit komponierter Musik zu versehen, war ein außergewöhnliches Unterfangen: In der Version für Vorsänger, Chor und großes Orchester ermöglicht(e) Avodath Hakodesh außerhalb einer religiösen Handlung den Hörern (unabhängig von einem bzw. welchem religiösen Hintergrund) einen Zugang zu Texten u. a. aus Thora und Mischna – und in Blochs eindringlicher, Elemente jüdischer Musikpraxis einbeziehender Vertonung zu einer außergewöhnlichen, universellen Friedensbotschaft. Deren reiche Facetten entfalteten das Gewandhausorchester und der bestens präparierte Gewandhauschor (Einstudierung: Gregor Meyer) sicher und in guter Balance; die hebräische Sprache bildete in Sachen Textverständlichkeit eine spürbare, nicht durchgängig gemeisterte Herausforderung, die sehr knappen Chorsoli erklangen überwiegend souverän.

Warum der Text im Programmheft nur deutsch abgedruckt war und der im 5. Satz in der Landessprache der Aufführung wählbare Text auf Englisch gesprochen bzw. gesungen wurde, erschloss sich nicht. Passagen wie ‘O möchten alle Menschen erkennen, dass sie Brüder sind…’ dürften andernfalls noch eindringlicher gewirkt haben. Der Part des Vorsängers war mit Erwin Schrott prominent besetzt; mit musikalischer Sicherheit und kräftigem, dunklem Stimmklang verkörperte er gleichsam das Zentrum des Stückes, vermittelte allerdings mehr den Eindruck einer objektivierten, denn betont emotionalen Interpretation.

Welch großes Verständnis zwischen Omer Meier Wellber, der zum wiederholten Male beim Gewandhaus zu Gast war, und dem Orchester lebt, wurde bereits eingangs in der höchst anspruchsvollen 1. Sinfonie Ben-Haims offenbar. Das dreisätzige, 1939/40 entstandene Werk fesselt von der ersten Phrase an mit enormer Expressivität – und erinnert daran, dass das Palestine Orchestra (es spielte unter Ben-Haim die Uraufführung), die besten der ins Exil gezwungenen europäischen Instrumentalisten versammelte, für die es keine technischen Grenzen gab. Die Stimm- und Themenführung mit ‚spätromantisch‘ dick besetzten Orchester ist oft mehrschichtig, steckt voller wunderbarer Überraschungen und kulminiert am Ende des ersten Satzes bereits finaltauglich Wellber vermochte es, die verschiedenen Schichten wie kleinsten Nuancierungen zum Klingen zu bringen, ohne Einzelnes zu überdecken. Berührend der langsame zweite Satz, der Zitate einbindet und wechselnde zarte Klangfarben in den Vordergrund holt. Immer wieder beklemmend der dritte: In Kenntnis von Entstehungszeit und -ort sowie der Exilbiographie des 1933 nach Palästina geflüchteten Paul Frankenburger, in seiner Heimatstadt München als Assistent von Bruno Walter geprägt, ist ein ‚erlösender‘ Ausklang, eine feierliche Apotheose nicht zu erwarten. Ben-Haim fasst Leid und Bedrohung in mitunter martialische Klänge, er entwickelt ein sinfonisch hochkomplexes Geschehen von unleugbarer Eigenständigkeit; wenn die Bemühungen, seine Individualität aus einer (vermeintlichen) Nähe etwa zu Strauss und Mahler oder Debussy zu erklären oft fehlgehen, scheint eher eine Betrachtung im Kontext zu den direkten Zeitgenossen Hartmann und Schostakowitsch an der Zeit. Ein beeindruckender, berührender, zu Nachdenken und Weiterhören anregender Abend.

 

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