Unter dem Titel ‘Spring in the Heart of Winter’ hatten Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields für ihr Konzert in der Luxemburger Philharmonie ein recht schlüssiges Programm mit Earth von Kevin Puts, dem 3. Violinkonzert von Camille Saint-Saëns und der 1. Symphonie von Robert Schumann zusammengestellt. Alain Steffen berichtet.

Dass sich ein so richtiges Frühlingsgefühl trotzdem nicht einstellen wollte, lag in erster Linie an der recht rustikalen Interpretation der Schumann-Symphonie. Dabei hatte das Konzert sehr vielversprechend mit dem wunderbar lyrischen Werk Earth (2023) von Kevin Puts (*1972) angefangen, das mit wunderbar lyrischen Klängen und einer präzisen Klangbalance auftrumpft und durch seine musikalische Schönheit wohl jeden intellektuell resp. experimentell ausgerichteten zeitgenössischen Komponisten vor Schreck erstarren lassen dürfte.

Der herrliche Klang der Academy mit ihrer silbrig schwebenden Atmosphäre und das grandiose Spiel des Violinisten Joshua Bell boten dem Publikum einen wirklichen Ohrenschmaus.

Joshua Bell

Frühlingsklänge findet man im 3. Violinkonzert von Saint-Saëns, vor allem im zweiten Satz mit seinen pastoralen Farben, die von den Holzbläsern wunderbar moduliert werden. Ansonsten ist das Werk relativ spröde. Bell, in Personalunion von Solist und Dirigent, strebte in den Ecksätzen einen eher dunklen Klang an, der exzellent zu der Musik passte.

Der Solist agierte als Primus inter Pares, so dass das Violinkonzert in der Interpretation durch Bell und die Academy in jedem Moment recht kompakt und geschlossenen wirkte. Das akzentreiche, allerdings wenig brillante Spiel des Orchesters und Joshua Bells zurückgenommene Interpretation verdeutlichten den Kammermusikcharakter, was das Werk dann auch besonders interessant machte. Wie oft bei solchen Aufführungen, wo der Solist zugleich als Orchesterleiter fungiert, fehlte die ordnende Hand eines wirklichen Dirigenten, die hier sicherlich ein Plus gewesen wäre.

Besonders stark merkte man dies dann in der 1. Symphonie von Robert Schumann, wo Joshua Bell das Orchester von der Position des Konzertmeisters aus dirigierte. Dies führte, besonders weil Bell ein recht schnelles und markantes Tempo anstrebte, zu etlichen Ungenauigkeiten im Orchester.

Bell wollte den revolutionären Charakter dieser Symphonie, die einerseits einen deutlichen Bruch mit der Welt Beethovens, andererseits eine Fortführung der Großen C-Dur Symphonie von Schubert darstellt, wohl doppelt und dreifach unterstreichen. Das schlug aber fehl, denn Bell und die Academy hatten ihr ganzes Pulver schon im ersten Satz verschossen. So laut, grimmig und ruppig habe ich schon lange keine Schumann-Symphonie mehr gehört und ehrlich gesagt, Bells gutgemeinte Interpretation mit ihren letztendlich ins Leere verpuffenden Effekten konnte mich an keiner Stelle zufriedenstellen.

Hier fehlte einerseits das handwerkliche Können, um den Nuancen, Farben und  Melodien die notwendige Präsenz und Schlüssigkeit zu verleihen, anderseits vermisste ich das tiefe Verständnis für das Werk selbst. Sicher, es liegt nahe, dass man als Dirigent heute Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis miteinfließen lässt und sich auch von einem zu romantisch-pathetischen Interpretationskonzept distanziert, aber Bells Ideen waren noch nicht so ausgreift, als dass sie wirklich hätten greifen können.

Immerhin ist der Dirigent Joshua Bell auf dem richtigen Weg, doch er sollte sich Zeit nehmen, die Symphonien Schumanns, die ja nicht ungefährlich sind, architektonisch und dynamisch besser umzusetzen, und sie vielleicht nicht unbedingt aus dem Orchester heraus zu dirigieren.

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