Grigory Sokolov

Jedes Jahr kehrt Grigori Sokolov in die Luxemburger Philharmonie zurück, um seinem treuen Publikum ein einmaliges Konzerterlebnis zu schenken. Pizzicato-Mitarbeiter Alain Steffen war beim diesjährigen Konzert dabei.

Kaum ein anderer Pianist ist so begehrt und beliebt wie der Spanier Sokolov, obwohl er in seinen Konzerten keinen wirklichen Kontakt zum Publikum besitzt. Sokolov kommt, verneigt sich und spielt. Zwischen den einzelnen Werken macht er keine Pause, jede Konzerthälfte wird also bis zum Schluss durchgespielt. Am vergangenen Sonntag gastierte der Meister mit Werken von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms im restlos ausverkauften großen Saal der Philharmonie Luxemburg. Erstaunlicherweise gab es, im Gegensatz zu seinen vorherigen Konzerten, viele Störer im Publikum, die zwischenklatschten oder hemmungslos und meistens sehr laut husteten, dies natürlich hauptsächlich an den langsamen und leisen Stellen.

Sokolov schien aber während seines Spiels in seiner eigenen musikalischen Welt zu leben und ließ sich von dem unangenehmen Lärm nicht stören.

Das Programm, das er mitgebracht hatte, war schon anspruchsvoll. Beethovens frühe Klaviersonate Nr. 4 ist kein Werk, das man auf die leichte Schulter nehmen kann. Diese Grande Sonate aus dem Jahre 1797 ist viersätzig und sollte bis zur Hammerklaviersonate op. 106 die einzige Sonate derartiger Ausmaße bleiben. Grigori Sokolov war sich des Charakters dieser Sonate wohl bewusst, spielte das Werk aber ohne großes Gehabe. Wie immer vertraute der Pianist ausschließlich auf die Musik, so dass man sich bei ihm erst gar nicht um Interpretation kümmern musste. Sokolovs Spiel, und das macht wohl sein Genie aus, war in jedem Moment unaufdringlich, ehrlich, faszinierend und vor allem hundertprozentig richtig.

Sokolov ist ein Pianist, der ganz hinter die Musik zurücktritt. Und das tat auch den Sechs Bagatellen op. 126 von 1824 sehr gut. Sokolov zeigte durch seine einmalige Kunst, welch großartige Miniaturen diese Werke doch sind. Hochkonzentriert, wohldosiert und sehr expressiv vermitteln sie das Wesentliche. Und diese Vermittlung gelang Sokolov exemplarisch

Mit den Vier Balladen op. 10 und den zwei Rhapsodien op. 79 von Johannes Brahms betrat Sokolov dan eine ganz andere Welt. Nach der klassischen Strenge Beethovens stand nun wohldosierte Expressivität im Mittelpunkt. Sokolov konnte auf geniale Weise diese oft feinen Emotionen mit einem durchaus dramatischen, narrativen Charakter kombinieren, so dass auch hier keine musikalischen Wünsche offenblieben.

Wie gesagt, Sokolov ist kein Musiker der großen Gesten oder des feinen Zaubers, er ist ein Pianist, der in jedem Moment den Kern und das Wesen der Musik erkennt und es seinem Publikum nahebringt. Dass das selbst bei komplexen Programmen funktioniert, das zeigte die Reaktion des Publikums an diesem Abend. Standing Ovations und rauschender Applaus für die lebende Legende Sokolov, und für das Publikum gab es fünf Mazurken von Chopin und einen Satz aus der G-Dur Suite von Rameau obendrauf.

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