Beim Konzert des Toronto Symphony Orchestra am vergangenen Montag, mit dem Gustavo Gimeno erstmals nach seinem Abschied vom Luxembourg Philharmonic wieder in die Philharmonie zurückkehrte, wäre etwas weniger mehr gewesen, meint Pizzicato-Mitarbeiter Alain Steffen.
Dies betrifft jedoch nicht Gimeno und sein Orchester, sondern die Solistin des Abends, Patricia Kopatchinskaja.
Diese ist eine viel zu große Künstlerin und Interpretin, als dass sie dieses Gehopse und Grimassieren auf der Bühne nötig hätte. Bartoks Musik ist wirklich stark genug und muss nicht noch durch eine übertriebene Mimik und störendes Hin-und Herspringen doppelt und dreifach unterstrichen werden. Kopatchinskaja vermittelt eine so tolle Musikalität und Dynamik und besitzt ein so großes spielerisches Können, dass ihre Interpretationen diese szenische Choreographien wirklich nicht brauchen.
Die Interpretation von Bela Bartoks zweisätzigem 1. Violinkonzert war überragend. Besonders im intimistischen und stimmungsvollen ersten Satz begeisterte die Violinistin durch ein ebenso subtiles wie tief empfundenes Spiel. Der zweite Satz lag ihr natürlich ebenfalls, denn hier konnte Kopatchinskaja zeigen, welche große Virtuosin sie ist und mit welcher Leichtigkeit sie die doch diffizilen Läufe und sprunghaften Eskapaden beherrscht. Als Zugabe durfte dann das Publikum mitsingen, und zwar das im zweiten Satz zitierte Kinderlied Der Esel ist ein dummes Tier, dies sogar vierstimmig, zum großen Spaß der meisten.

Gustavo Gimeno
(c) Alfonso Salgueiro
Das Konzert des Toronto Symphony Orchestra begann mit Curiosity, Genius and the Search For Petula Clark der (im Saal anwesenden) kanadischen Komponistin Kelly-Marie Murphy. Es ist ein tolles Stück voller virtuoser musikalischer Einfälle, bei der man die Freude am Komponieren herausspürt. Das bereits 2017 komponierte Auftragswerk des Toronto Symphony Orchestra, mit Unterstützung der kanadischen Regierung und der Glenn Gould Foundation, entstand zu Ehren des 80. Geburtstages von Gould und dem 70. Jahrestags seines Debüts mit dem TSO. Der exzentrische Gould hatte Gefallen an Petula Clarks Hit ‘Who am I’ gefunden und beschäftigte sich intensiv damit. « Die Musik Murphys begreift – laut Birger Petersen im Programmheft – das Spannungsfeld von Glenn Gould und seiner Begeisterung für Petula Clark im Kontext des kanadischen Nordens – als Komposition aus, aber eben auch über Kanada und seine Landschaft.“ Dies alles muss man aber nicht wissen, um sich an der mitreißenden Musik von Kelly-Marie Murphy zu erfreuen. Manchmal wünsche ich mir, dass unsere europäischen zeitgenössischen Komponisten mit ihrem intellektuell – verknöcherten Stil sich ein Beispiel an der Musik der amerikanischen resp. kanadischen Kollegen ein Beispiel nehmen würden. Dann könnte die zeitgenössische Musik tatsächlich auf einmal Spaß machen.
Nach der Pause stand dann Prokofievs 5. Symphonie auf dem Programm und bekräftigte den guten Eindruck, den das TSO in der ersten Konzerthälfte hinterliess. Von Gustavo Gimeno war man nicht überrascht, denn es war ein typisches Gimeno-Konzert, so, wie wir den Dirigenten aus den letzten Jahren beim Luxembourg Philharmonic kannten. Das Dirigat war kalkuliert und kontroliiert, wie immer schuf Gimeno seine berühmten Klangräume, die dem Orchester und der Musik Tiefe und Atem verliehen. Das kam insbesondere Murphys Werk und natürlich der 5. Symphonie von Prokofiev zugute, die beide sehr ausbalanciert und homogen im Klang wirkten.
Die gewaltigen Steigerungen des ersten Satzes der Symphonie hätten etwas mehr Expressivität und Innenspannung vertragen können, aber Gimeno war noch nie ein Dirigent der großen Effekte. So blieben die Ecksätze gezügelt und z.T. sogar etwas brav, ansonsten muss man die Orchesterarbeit des Dirigenten sehr loben.
Besonders der 2. Satz Allegro marcato mit seinen vielen Wendungen geriet Gimeno und seinen Musikern hervorragend. Und schön auch, dass sich die Musiker und Organisatoren für dieses Programm mit drei ungewöhnlichen resp. eher selten gespielten Werken entschieden hatten. Das Publikum reagierte begeistert und feierte am Schluss Gimeno und das sehr gute TSO, die sich mit zwei kurzen Prokofiev-Zugaben bedankten.
















