Es müssen nicht immer das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder die Münchner Philharmoniker sein. Das Bayerische Staatsorchester macht das genauso gut, wenn nicht sogar besser. Für unseren Mitarbeiter Alain Steffen gehört der Klangkörper der Bayerischen Staatsoper München gehört ohne Zweifel zu den Top-Opernorchestern Europas.

Doch auch im symphonischen Bereich trumpfen die Musiker aus dem Operngraben mit höchster Spielkultur, Raffinesse und einem ungeheuren Klangpotential auf.

Vladimir Jurowski steht seit 2021 an der Spitze des Bayerischen Staatsorchesters. Mit ihm hat das Orchester einen der interessantesten und aufregendsten Dirigenten der Gegenwart gewonnen, ein Dirigent, der sich sowohl im Opernbereich wie auf der Konzertbühne wohl fühlt und immer wieder durch spannende Interpretationen begeistert.

Jurowski ist ein Freund der Detailarbeit. Das merkte man sofort bei diesem Konzert, was das zweite von drei Auslandsgastspielen (Antwerpen, Luxemburg, Paris) war.

Vladimir Jurowski

Den Anfang machte Rachmaninovs düster-melancholische Tondichtung Die Toteninsel, die unter der Leitung von Jurowski zu einer atemberaubenden Stimmungsmalerei wurde. Dank der Spielkultur des Orchesters konnte er dieses Werk, das sich auf Döblins gleichnamiges Bild  (eigentlich sind es fünf Gemälde) beruft und in dem der Tod eine zentrale Rolle spielt, packend interpretieren. Rachmaninovs geniale Musik ist eine Reise vom Leben in den Tod.

Jurowski lichtete das Klangbild auf so dass eine räumliche Vision und eine große Tiefe in der Musik entstanden.

Wie gut das Bayerische Staatsorchester begleiten kann, das zeigten die Musiker in Maurice Ravels G-Dur Klavierkonzert. Jurowskis Interpretation unterstrich in den beiden Ecksätzen den grotesken Charakter dieser Musik und den Orchestersolisten machte es hörbar Spaß, ihre Figuren mit dem nötigen Biss zu gestalten. Dabei hatten die Musiker immer ein offenes Ohr für das Spiel des Pianisten Francesco Piemontesi, der die ursprünglich vorgesehene Beatrice Rana ersetzte, und der den Part weitaus weniger virtuos und plakativ anlegte, als die meisten seiner Kollegen.

Piemontesi ging es auch in den schnellen Ecksätzen um eine gewisse Poesie, die natürlich im hinreißenden Mittelsatz ihren Höhepunkt fand. Piemontesis sehr natürliches und jazziges Spiel erinnerte mehr als einmal als die Gestaltungsfähigkeit des großen Keith Jarrett in seinen Solo-Konzerten. Als Zugabe spielte Pianist und Dirigent die vierhändige Originalfassung von Le jardin féerique aus dem Klavierzyklus Ma mère l’oye.

Nach der Pause standen dann zwei Werke auf dem Programm, die der Filmregisseur Stanley Kubrik in seinem legendären Film Space Odyssey aus dem Jahre 1968 verwendet hat. Wie schon Rachmaninovs Toteninsel ist auch Atmosphères von György Ligeti ein sehr dichtes Werk voller orchestraler Farben, wobei sich die Instrumentalstimmen zu einem sich immer weiterentwickelnden pulsierenden Klanggefüge  vermischen und miteinander verschmelzen. Das machte Jurowski dann auch sehr deutlich, indem er auch hier das Klangbild des Orchesters öffnete und einen dreidimensionalen Raum für Schwingungen ermöglichte. Ein tolles Erlebnis, dank der hervorragenden Akustik des Saales und natürlich des in jedem Moment atemberaubenden Spiels des Orchesters.

Den Abschluss machte dann Richard Strauss’ Dauerbrenner Also sprach Zarathustra, den Jurowski nicht als Klangspektakel oder süßliches Melodienallerlei in Szene setzte, sondern vielmehr als eine wohlausbalancierte Reise durch Klang und Raum. Da stimmte alles, die Fanfaren der Einleitung (Sonnenaufgang) klangen prächtig ohne plakativ zu wirken und die folgenden acht, meistens ineinander übergehende Teile boten ein fließendes Ganzes und übernahmen somit die Interpretationskonzepte der Toteninsel und von Atmosphères.

Auch die Soloeinlagen der Instrumentalisten, allen voran Konzertmeister David Schultheiß, waren außergewöhnlich und ließen in jedem Takt das Können dieser Musiker erkennen.

An lange Abende im Orchestergraben gewohnt machte es dem Orchester keine Mühe, mit der Fledermaus-Ouvertüre und der Polka Unter Donner und Blitz noch zwei erstklassig gespielte Zugaben draufzusetzen.

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