Der deutsch-usbekische Pianist Nuron Mukumi ist aus Kyjiv zurückgekehrt, wo er ein Konzert gab und Meisterkurse abhielt. Für Pizzicato schildert er seine tiefe berührenden Eindrücke.
Mukumi sagt: « Die acht Tage dort waren sehr schwierig – aber auch sehr bewegend. Wenn ich von ‘schwierig’ spreche, dann meine ich vor allem die nahezu unmöglichen Lebensbedingungen meiner Freunde und Kollegen vom Nationalen Sinfonieorchester der Ukraine sowie der Studierenden, die ich über den Vere Music Fund unterrichtet habe. »
Seine Reisen nach Kyjiv seien ihm besonders wichtig, « um mit Meisterkursen und Solidaritätskonzerten den Menschen vor Ort nah zu sein: sie zu unterstützen, ihnen zuzuhören, sie zu verstehen und über die Bedingungen sowie über jene Menschen zu berichten, die das kulturelle Leben unter extremen Umständen aufrechterhalten. Für die Menschen vor Ort ist es wichtig, dass sie sich nicht allein gelassen fühlen und dass wir sie aktiv unterstützen. Denn Musik gibt Kraft und Wärme. Gemeinsam erlebte Kultur stärkt Identität und Resilienz. »
Mukumis Zeitplan war ähnlich wie bei seiner letzten Reise: zwei Tage Meisterkurse sowie ein Konzert mit dem Nationalen Sinfonieorchester der Ukraine unter der Leitung von Volodymyr Sirenko in der Nationalphilharmonie. Zusätzlich hat er im Anschluss ein kurzes Live-Online-Konzert mit Mykola Liubenko, dem Solocellisten des Orchesters, gegeben.
Bereits vor seiner Reise hatte er außerdem ein Benefizkonzert organisiert, bei dem er gemeinsam mit dem polnisch-britischen Geiger Filip Cwizewicz auftrat: « Dabei konnten wir Spenden zur Unterstützung des Vere Music Fund sammeln – einer gemeinnützigen Organisation, die 2017 gegründet, 2022 eröffnet wurde und seither ein sicherer Ort für Musikerinnen und Musiker in Kyjiv ist. Dort können sie kostenlos proben, Konzerte organisieren, Meisterkurse besuchen und Unterstützung für internationale Projekte erhalten. »
Auf die Frage, wie denn die Reise verlaufen sei, sagt Mukumi: « Was ich auf dieser Reise erlebt habe, war deutlich schlimmer als letztes Mal. Bei keinem der Musiker gab es Heizung; viele schlafen seit Wochen bei unter 10 Grad, einige sogar bei nur 3 Grad. Es gibt oft nur ein bis drei Stunden Strom pro Tag – und an manchen Tagen gar kein Wasser. Draußen liegen die Temperaturen bei etwa -10 Grad, nachts bei bis zu -20.

« In der Nacht zum 19.01. gab es heftige Angriffe auf Kraftwerke, sodass am folgenden Tag etwa 80 % von Kyjiv von einem nahezu vollständigen Blackout betroffen war. Die Straßen sind seit Wochen eisglatt und lebensgefährlich, U-Bahn und Züge funktionierten kaum, und Schlaf war aufgrund der lauten Kampfdrohnen und ballistischen Raketen fast unmöglich. Ich selbst war bis 8 Uhr morgens im Bunker. Trotzdem waren am Dienstag um 10 Uhr alle bei der Probe. Ohne Strom und Heizung haben wir bei 9 Grad geprobt – und trotz der Kälte, die das Denken fast lähmt, am nächsten Tag das Konzert unter denselben Bedingungen gespielt. Aufgrund der Kälte begann das Orchester zunächst mit der Coriolan-Ouvertüre (anstatt mit der 7. Sinfonie von Beethoven, die für die zweite Konzerthälfte geplant war), danach folgte das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms. Ich war überrascht, welche Qualität die Musiker trotz dieser Umstände erreichten – insbesondere wenn man bedenkt, dass die Instrumente eiskalt waren und Blasinstrumente unter solchen Bedingungen nahezu unspielbar werden. »
Und er fügt hinzu: « Während meiner acht Tage in Kyjiv setzte Russland über 700 Kampfdrohnen, mehr als 60 ballistische Raketen und Marschflugkörper sowie eine Hyperschallrakete allein auf Kyjiv ein. Solche Nächte versetzen die Nerven in einen permanenten Ausnahmezustand: Ich zuckte bereits zusammen, wenn der Holzschrank im Hotelzimmer nachts knackte. Die kritische Energieinfrastruktur wird systematisch angegriffen und zerstört, mit dem Ziel, die Bevölkerung zu terrorisieren und die Menschen zur Flucht aus den Städten zu zwingen. Sich unter diesen Bedingungen nicht geschlagen zu geben, ist unvorstellbar anstrengend und erfordert immense Kraft. Trotz allem war ich zutiefst berührt und inspiriert von der Widerstandskraft der Menschen. Je härter die Bedingungen werden, desto stärker scheint ihre innere Stärke zu wachsen. »
Diese geistige Kraft wurde Mukumi am Konzerttag in einem Satz besonders deutlich: « Sie (die russische Armee) kriegen an der Front nichts hin und versuchen jetzt, uns frieren zu lassen – aber das werden sie auch nicht schaffen. Wir bleiben hier, wir leben weiter, wir musizieren weiter, und das Publikum wird weiterhin kommen. Sie werden uns niemals besiegen.“
Auch die Studierenden sind unaufhaltbar: « Ich habe zwei Tage Meisterkurse gegeben, und alle waren hervorragend vorbereitet – obwohl die Räume der Akademie und der Musikuniversität ebenfalls ohne Heizung und Strom sind. Die Bewerbungen erfolgten über Videoaufnahmen. Eine Studentin ließ sich nicht einmal davon abhalten, im völligen Dunkel (ohne Strom) mehrere Lampen an den Flügel zu stellen, um ihr Video aufzunehmen. Niemand beschwert sich, es gibt keine Ausreden. Stattdessen helfen sich alle gegenseitig und finden immer den richtigen Humor, um den anderen ein Lächeln zu schenken. Sehr gefreut hat mich auch die Information des Leiters des Vere Music Fund, dass im vergangenen Jahr deutlich mehr ausländische Künstlerinnen, Künstler und Lehrende nach Kyjiv gekommen sind. Jede Unterstützung – und insbesondere die Präsenz vor Ort – ist sehr wichtig. »
Der 1996 in Tashkent geborene Pianist Nuron Mukumi hat in seinem Heimatland, in Frankfurt, Hamburg, Zürich und Paris studiert. Er war und ist auch eng verbunden mit der Internationalen Musikakademie Liechtenstein, und macht heute eine internationale Karriere.
















