Musikverein Wien

An zwei Abenden präsentierten die Wiener Symphoniker ihr rezentes Programm im Goldenen Saal im Musikverein Wien. Alexander Soddy als Dirigent und der Geiger Augustin Hadelich wirkten dabei mit. Dass die Darbietung des auf den ersten Blick fast gewöhnlich wirkenden Programms formidabel gelang, berichtet Uwe Krusch für Pizzicato vom zweiten Konzert.

Die Programmfolge war auf den ersten Blick normal, als sie mit einer ouvertürenartigen Komposition eröffnete, gefolgt von einem Solistenkonzert und einem großen Werk zur Darstellung orchestraler Möglichkeiten zum Abschluss.

Beim genauen Hinsehen und Hören gab es dann doch feine, aber gewichtige Abweichungen. Denn am Beginn erklang das Vorspiel zur Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner, gefolgt von Isoldes Liebestod aus dem gleichen Werk. Diese beiden aus der Oper gekoppelten Stücke sind regelmäßig im Konzert zu erleben. Dirigent und Orchester zeigten sich bereits hier in tiefster Eintracht und loteten die Emotionen der beiden Sätze aus, ohne sie übertrieben auszureizen, manchmal vielleicht ein wenig zu spröde. Manche Passagen wirkten noch zu dicht und unstrukturiert im Klang, so dass etwa die wiederholten Aufstiegspassagen der Geigen steif im Gefüge eingebettet und kaum herauszuhören waren, wie es üblicherweise zu erleben ist.

Augustin Hadelich
© Suxiao Young

Es schloss sich das g-Moll Violinkonzert von Serge Prokofiev an, also sein zweites. Der Solist Augustin Hadelich tauchte vom ersten Ton an mit dem großartig warmem Ton seines Spiels, in das Werk ein, unterstützt durch seine Giuseppe Guarneri del Gesù Violine. Noch mehr als bei manchem anderen hatte man bei ihm den Eindruck, dass er jeden Ton wie seinen letzten mit ungeteilter Hinwendung anging. Mit gewohnt ernsthafter Leichtigkeit, die auch einen Schuss Wehmut einwob, schuf er reine Empfindungen. Er entwickelte das Konzert als vielfältig gestaltete Landschaft auf der Basis eines dunkel tragenden Timbres. Ungebremst virtuos, aber ohne zu blenden, blieb ihm immer noch genug Spielraum, seine Interpretation frei im Gestus und nach außen locker im Anschein ohne Forcierungen auszudrücken.

Der warme intensive Applaus des Publikums animierte Hadelich noch, den ‘Louisiana Blues Strut: Ein Kinderspiel’ von Coleridge-Taylor Perkinson vorzutragen. Mit afroamerikanischem Flair ausgerichtet, zeigte Hadelich das Werk mit einem breiten musikalischen Spektrum. Der Verbund aus barocker Sensibilität und lyrischen Ausdruck mit Elementen aus Blues, Jazz und Spirituals bot einen bemerkenswert zeitgenössischen Klang. Obwohl für eine Suite geplant, blieb dieser Strut ein eigenständiges Glanzstück. Hadelich kostete den reizvollen Dialog zwischen Geige und Blues mitreißend auf seinem Niveau aus, also auf Meisterniveau.

Es folgten statt einer Symphonie die Variationen über ein Originalthema (Enigma) für Orchester von Edward Elgar. Nachdem Soddy und das Orchester schon beim Prokofiev ihre Zuwendung in die Musik gezeigt hatten und transparent verwirklicht hatten, um auch der in diesem Werk erstmals umgesetzten neuen Objektivität der Komposition Rechnung zu tragen, hielten sie an dieser gut durchleuchteten Gestaltung fest. In den 16 Sätzen des Werkes boten sie auch so viele Blicke an, die mit jedem Abschnitt die Neugier auf die folgenden schürte. Soddy sorgte dafür, dass die unterschiedlichen Charaktere der hinter jeder Variation stehenden Person eindrucksvoll zum Tragen kamen. Neben schroffem Ton waren auch viele Zwischentöne bis zu lyrischer Feinheit zu hören. Jede Stimme im Orchester kam zu solistischem Recht, wobei Soddy der Pauke und dem Schlagwerk eine höchst beachtenswerte Rolle zudachte. Denn diese Instrumente wurden planvoll und gestaltend hervorgehoben, ohne andere zu verdecken. Sie wurden nicht nur als rhythmischer Untergrund abgehakt. Mit diesem ebenso typisch englisch anmutenden wie auch das Orchester virtuos fordernden Stück schloss dieser Abend ambitioniert zur verständlich großen Begeisterung des beinahe ganz gefüllten Auditoriums. Nach einer Durststrecke vor etwa zwei Jahren hält das Orchester wieder ein höchst beachtliches Niveau.

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