Mit der sechsten Symphonie wollte Daniele Gatti seinen Dresdner Mahler-Zyklus fortsetzen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Proben abbrechen. Ganz kurzfristig ist Marie Jacquot für ihn eingesprungen, allerdings mit einem völlig anderen Programm. Die Mahler-Symphonie mit Gatti wird es in der nächsten Saison geben. Michael Oehme berichtet.
Nun stand also Marie Jacquot am Pult der Sächsischen Staatskapelle und das nicht zum ersten Mal. Sie hatte zum Beispiel schon 2022 das ZDF-Adventskonzert der Kapelle in der Frauenkirche dirigiert. Studiert hat die junge französische Dirigentin u. a. in Weimar, dort, wo 1893 unter der Leitung von Richard Strauss Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel uraufgeführt wurde – Musik, die von allen Orchestern und Dirigenten geliebt wird. Kaum einer der Großen hat sie ausgelassen. In Dresden entstanden beispielweise Studioaufnahmen mit Otmar Suitner und Colin Davis. Und Christian Thielemann hat hier einige Vorstellungen der hochgelobten Produktion von Katharina Thalbach dirigiert.
Die Ouvertüre daraus gab es zum Auftakt dieses Konzerts. Natürlich klingt sie auf dem Konzertpodium nicht so geheimnisvoll wie aus dem Orchestergraben. Aber die Struktur dieses Geniestreichs zu erleben – mit makellos klangschönem Hörner- und Streicherklang – war ein Genuss.

Marie Jacquot
(c) Werner Kmetitsch
Dann ein Werk der derzeitigen Capell-Compositrice in Dresden Unsuk Chin: ‘subito con forza’, eine Hommage der koreanischen Komponistin an Ludwig van Beethoven. Und in der Tat wurde man ganz plötzlich von den Eingangstakten Coriolan-Ouvertüre überrumpelt, bevor sich dann vier Minuten farbenreicher, auch feinziselierter Musik ausbreiten konnten. Die Kapelle brillierte natürlich an allen Positionen.
Noch vor der Pause Richard Strauss´ ‘Till Eulenspiegels lustige Streiche’. Für die Staatskapelle Dresden wieder erneut eine willkommene Gelegenheit, ihre Kompetenz als Strauss-Orchester unter Beweis zu stellen. Höchste Virtuosität sowie schönste Bläser- und Violinsoli ließen wieder einmal staunen. Marie Jacquot ging das Stück vielleicht ein wenig zu forsch an. Es brauchte geradezu etwas Mühe, um beim Begreifen der einzelnen Episoden und Narreteien des Till hinterherzukommen.
Eine rundum überzeugende, vollendet maßvolle Interpretation der vierten Symphonie von Johannes Brahms bildete den Abschluss dieses Konzerts in der Semperoper. Dirigent und Orchester verschmolzen – auch optisch – zu einer Einheit. Gleich der Pianissimo-Beginn des Eingangssatzes ging unter die Haut. Die Wechsel zwischen Moll und versöhnlichem Dur im anschließenden Andante berührten nachhaltig. Diesseitig, aber keineswegs derb gelang das Scherzo. Ihre Qualitäten bewiesen Marie Jacquot und die Kapelle nicht zuletzt in der kunstvollen Passacaglia, dem Finale dieses Meisterwerks, mit dem Johannes Brahms sein symphonisches Schaffen beendete. Hier beeindruckte das Verhältnis von immer wieder erneuter Rücknahme und Steigerung besonders.
Marie Jacquot wird schon im Januar 2026 eine Neuproduktion von Francis Poulencs ´Dialoques des Carmélites´ an der Semperoper dirigieren. Die sympathische freundliche Musikerin wird sicher auch da auf die Begeisterung des Dresdner Publikums treffen.

















