Gewandhaus Leipzig
(c) Remy Franck

Erst im April dieses Jahres hatte Francesco Piemontesi mit dem Gewandhausorchester das zweite Klavierkonzert in B-Dur von Johannes Brahms aufgeführt und eingespielt. Jetzt folgte das erste in d-Moll. Dirigent war erneut Manfred Honeck. Auf dem Programm standen außerdem Werke von Joseph Haydn und Erwin Schulhoff. Michael Oehme berichtet.

Konzerte in Leipzig sind für Manfred Honeck immer wieder so etwas wie eine Rückkehr zu seinen dirigentischen Wurzeln. Der ehemalige Bratscher der Wiener Philharmoniker wirkte nach einem ersten Kapellmeisterengagement in Zürich von 1996 bis 1999 als einer der drei Hauptdirigenten des MDR Sinfonieorchesters in Leipzig – zusammen mit Fabio Luisi und Marcello Viotti. Beim jetzigen Konzert in Leipzig stellte Honeck eine Symphonie  von Joseph Haydn an den Anfang, die erste der zwölf Londoner Symphonien D-Dur mit der Nummer 93 aus dem Jahr 1791. Vermutlich wollte Haydn dem Londoner Publikum (und seinen Auftraggebern) imponieren. Das kontrastreiche Stück hat etwas Pompöses an sich, das von Honeck noch unterstrichen wurde. Zwar glanzvoll gespielt überwog das Pathetische gegenüber den Feinheiten, die noch mehr Schliff und Akkuratesse verdient hätten. Überirdisch schön gelangen die fast solistischen Passagen der ersten Oboe im Largo und Finale.

Danach wollte Manfred Honeck eine Lanze für Erwin Schulhoff brechen, den verfemten und nach wie vor verkannten Komponisten, der 1942 in einem bayerischen Internierungslager an Tuberkulose verstarb. Seine 1923 entstandenen Fünf Stücke für Streichquartett zählen zu den meistgespielten Stücken des Komponisten. Die feinsinnigen, hintergründig-witzigen Miniaturen beginnen mit einem Walzer und enden mit einer Tarantella. Ob sie einer Aufblähung für großes symphonisches Orchester bedürfen, sei dahingestellt. (Honeck hat ein Faible für solche Bearbeitungen und hat mit dem tschechischen Komponisten Tomás Ille beispielweise eine sehr hörenswerte Konzertsuite aus Dvoráks Oper „Rusalka“ zusammengestellt.) Die Effekte dieser Fassung von Schulhoffs Fünf Stücken für Streichquartett, die Ravels ´La Valse´ und seinem ´Bolero´ bedrohlich nahe kamen, wurden vom Gewandhausorchester lustvoll ausgespielt und vom Publikum mit ausgesprochen großer Begeisterung bedacht.

Dass die Leipziger Erstaufführung von Brahms´ erstem Klavierkonzert im Januar 1859 – fünf Tage nach der Uraufführung in Hannover – mit Brahms selbst am Flügel zum Desaster geriet, ist allgemein bekannt. Dem Siegeszug des Werkes und auch der Beziehung von Brahms zu Leipzig (Hier fand u. a. die erste vollständige Aufführung von ´Ein deutsches Requiem´ statt.) tat das keinen Abbruch. Und dennoch ist diese ´Symphonie  für Klavier und Orchester´ immer wieder etwas Außergewöhnliches, das von den Mitwirkenden großen Weitblick und von den Zuhörern besonderes Verstehen und Mitgehen erfordert.

Mit wohldosierter Dramatik ging Honeck die große lange Einleitung an. Ganz sanft und klangschön erfolgte der Einstieg Piemontesis. Sein Spiel erinnerte mich an den jungen Pollini, mit dem ich in den 1970er Jahren dieses Konzert unter Herbert Blomstedt in Dresden erleben konnte: heller klarer Klavierton, ohne kalt zu wirken, perlend in den Arpeggien und äußerst vollgriffig-gehaltvoll in den dramatischen Passagen. Da hatte Piemontesi mit dem herrlichen einprägsamen Hauptthema schon längst die Führung übernommen, die er während des ganzen Werkes nicht mehr verließ, immer über und im Orchester hör- und durchhörbar war. Makellos und prächtig natürlich das Gewandhausorchester, das unter Honecks kluger und zugleich anspornender Disposition sowohl die berührend warmen als auch die strahlend-glänzenden Farben und Momente dieses genialen Werkes einlöste.

https://www.pizzicato.lu/kein-brahms/

  • Pizzicato

  • Archives