Face2Face #2: Ludwig van Beethoven: Streichquartette B-Dur op. 18 Nr. 6 + Es-Dur op. 74 (Harfenquartett) - Rudolf Kelterborn: Streichquartett Nr. 6; Amaryllis Quartett (Gustav Frielinghaus, Lena Sandoz, Violine, Mareike Hefti, Viola, Yves Sandoz, Cello); # Berlin Classics 0304463BC; Aufnahme 03.+05.+06.2024; Veröffentlichung 30.01.2026 (72'28) – Rezension von Uwe Krusch ** (For English please scroll down)

Mit seiner Reihe Face2Face stellt das Amaryllis Quartett Streichquartette Beethovens jeweils einem modernen Werk gegenüber. Hier ist letzteres das 6. Quartett von Rudolf Kelterborn aus der Schweiz, das vom Werk in B-Dur op. 18 Nr. 6 sowie dem Quartett op. 74 umrahmt wird.

Wie schon in früheren Aufnahmen und auch dem ersten Teil dieser Reihe gibt das Ensemble seine Sicht mit der Freude der Gestaltung bei einem souveränen eigenen Ansatz wieder.

In den beiden Quartetten von Beethoven zeigt es wieder die ungeschminkte natürliche Freude am Spiel. Mit dem Wirken von Licht und Schatten bei Beethoven, bei der langsamen Einleitung des Finalsatzes von Opus 18, vom Komponisten La Malinconia überschrieben und in den wechselvollen Stimmungen des Es-Dur Quartetts, während der blutigen Schlachten Napoleons geschrieben, bieten die vier Musiker die unterschiedlichen Stimmungen an. Denn in den beiden Stücken kommen durchaus auch lebensfrohe Passagen zum Tragen. Geradezu poetisch und lyrisch wird hier mancher Aspekt Beethovens zugänglich gemacht.

Mit der Frage, ob sich die Musikgeschichte als Ausdruck eines historischen Fortschritts begreifen lässt oder lediglich als Aneinanderreihung von Wiederholungen vergleichbarer künstlerischer Probleme, diskutiert das Amaryllis Quartett diese in der Musikwissenschaft kontrovers untersuchte Frage in Tönen. Dabei sehen sie selber hier den Aspekt der Innovation vor allem in scharfen Kontrasten. Diese werden entweder offensichtlich oder subtil integriert abgearbeitet. Das Quartett begeistert sich vor allem an der in den Kompositionen zum Ausdruck kommenden Experimentierfreude durch musikalische Nuancen.

Das eingebettete 6. Streichquartett von Rudolf Kelterborn zeigen sie als virtuoses Werk. Mit vermischten Stilen und Techniken stellt es sich wie das gesamte Schaffen Kelterborns der geschichtlichen Dimension und bliebt gleichzeitig unideologisch.

Die das Werk eröffnende Kadenz der ersten Violine stellt so eine Sonderheit dar. Dazu kommen ungewöhnliche Spieltechniken, wie das Glissando, das laut Spielanweisung in der Partitur ›violente‹, also gewaltsam, ausgeführt werden soll.

Die Musiker das Amaryllis Quartett bringen den sehr dicht gewobenen Satz genau aber trotzdem strukturiert zu Gehör. Erst am Schluss des Satzes verbinden sich die Vier zu einer Einheit. Auch in der virtuosen Phase der Musik, in der unzählige musikalische Ereignisse komplex verbunden sind, behalten die Musiker den Durchblick und strahlen die Intensität ihrer Auseinandersetzung aus.

Die Musiker des Amaryllis Quartetts treffen stilistisch sicher agierend den Tonfall der Werke. In höchster Eintracht musizierend bieten sie eine Konzentration auf den Augenblick, ohne deswegen das ganze Bild zu unterlaufen. Ihr Spiel mag man im Hinblick auf die angezeigten Kontraste eher mit der subtilen Ausführung kennzeichnen als mit herausgeputzter Schärfe.

In its Face2Face series, the Amaryllis Quartet juxtaposes Beethoven’s string quartets with a modern work. Here, the latter is Rudolf Kelterborn’s Sixth Quartet from Switzerland, framed by the work in B flat major, Op. 18 No. 6, and the Quartet, Op. 74.

As in earlier recordings and also in the first part of this series, the ensemble expresses its vision with the joy of interpretation in a confident approach of its own. In Beethoven’s two quartets, it once again displays an unadorned, natural joy in playing. With the interplay of light and shadow in Beethoven, in the slow introduction to the final movement of Opus 18, titled La Malinconia by the composer, and in the changing moods of the E-flat major quartet, written during Napoleon’s bloody battles, the four musicians offer a range of different moods. For there are also passages full of joie de vivre in both pieces. Many aspects of Beethoven are made accessible here in an almost poetic and lyrical way.

With the question of whether music history can be understood as an expression of historical progress or merely as a series of repetitions of comparable artistic problems, the Amaryllis Quartet discusses this controversial issue in musicology in tones. In doing so, they themselves see the aspect of innovation primarily in sharp contrasts. These are either obviously or subtly integrated. The quartet is particularly enthusiastic about the joy of experimentation expressed in the compositions through musical nuances.

They present Rudolf Kelterborn’s embedded 6th string quartet as a virtuoso work. With its mixture of styles and techniques, it, like Kelterborn’s entire oeuvre, confronts the historical dimension while remaining non-ideological. The cadenza of the first violin that opens the work is a special feature. In addition, there are unusual playing techniques, such as the glissando, which, according to the playing instructions in the score, should be performed “violently,” i.e., forcefully. The musicians of the Amaryllis Quartet perform the densely woven movement with precision and structure. Only at the end of the movement do the four come together as one. Even in the virtuoso phase of the music, in which countless musical events are intricately interwoven, the musicians maintain their focus and radiate the intensity of their engagement.

The musicians of the Amaryllis Quartet strike the right tone for the works with stylistic confidence. Playing in perfect harmony, they focus on the moment without undermining the overall picture. In view of the contrasts indicated, their playing can be characterized more by subtle execution than by exaggerated sharpness.

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