Beim letzten Pizzicato-Interview feierte das Klavierduo Genova und Dimitrov gerade sein 25-jähriges Bestehen, nun sind es 30 Jahre! Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Szene in den vergangenen fünf Jahren verändert?
Selbstverständlich könnte man Einiges davon, was in den letzten fünf Jahren in der Musikszene passiert ist oder auch gerade passiert eingehender analysieren, stärker unter die Lupe nehmen und ggf. kritisieren. Aber es gibt genug schlechte Nachrichten und Hiobsbotschaften, die uns alle tagtäglich aus der ganzen Welt buchstäblich überrollen, ob wir es wollen oder nicht.
In diesem Sinne denken wir, dass es an der Zeit wäre, uns auch den ‘Good News’ zuzuwenden und möchten uns bei diesem Interview viel lieber auf das Positive konzentrieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Tatsache, dass wir sogar in der schrecklichen Pandemie-Zeit mit drei der umfangreichsten CD-Projekte unseres Lebens beschäftigt waren und dadurch kaum gemerkt haben, dass es insgesamt weniger Konzerte gab und die Musikwelt buchstäblich stillstand. Das war die Veröffentlichung des Gesamtwerks für Klavierduo von Rachmaninow sowie die Aufnahme und Veröffentlichung der Gesamtwerke für Klavierduo von Amy Beach und für zwei Klaviere von Carl Reinecke. Diese großartigen Entdeckungen halfen uns, ohne Turbulenzen durch die schwierige Zeit durchzukommen. Darüber sind wir sehr dankbar. Hinzu kamen aber auch Konzertprojekte, die für uns und für das Publikum eine besonders große Bedeutung hatten, z.B. die Auftritte in Italien mit Liszts Dante-Symphonie anlässlich des 700. Geburtstags von Dante Alighieri.
Für die Zukunft wünschen wir uns, dass die Ängste und die Unsicherheiten, die diese Corona-Zeit mit sich gebracht hat, sowie auch die Kriege, die zurzeit in unserer Welt leider geführt werden und die wachsende Gier nach Geld und Macht trotz allem nicht in der Lage sein werden, Kunst und Musik weiter so stark zu beeinträchtigen und die menschliche Seele durch Zurückhaltung von der Teilnahme am aktiven kulturellen Leben auszutrocknen.
Nicht nur die Welt um uns herum verändert sich kontinuierlich, sondern man selbst verändert sich ja auch. Wie gelingt es Ihnen, die Qualität Ihres Duos so bemerkenswert konstant zu halten?
Die grenzenlose und aufrichtige Liebe zur Musik, der unerschütterliche Glaube an Gott, die ehrliche und tief empfundene Verantwortung gegenüber unserem Publikum geben uns eine Kraft, die unbeschreiblich ist, die uns bei jedem Schritt begleitet und manchmal uns selbst überrascht, was wir durch sie zu bewerkstelligen im Stande sind.
Rein pianistisch kommt natürlich die Tatsache hinzu, dass wir beide in einer sehr tiefgründigen und stets lebendigen Klaviertradition ausgebildet worden sind, nämlich der von Heinrich Neuhaus. Hier gilt unser ewiger Dank unseren Lehrern Julia und Konstantin Ganev sowie auch später unserem Mentor Vladimir Krainev.
Diese Tradition hat uns eine enorm stabile, künstlerisch-musikalische Grundlage ermöglicht. Darauf aufbauend konnten wir unsere persönlichen hohen künstlerischen Qualitätsziele und -Standards etablieren, durch die Jahre bewahren und damit das Publikum weltweit erfreuen.
Auch in den vergangenen fünf Jahren haben Sie unermüdlich neue Alben aufgenommen, zum Teil mit erstaunlichen Entdeckungen wie beispielsweise der Musik für Klavierduo von Amy Beach oder von Carl Reinecke. Man wundert sich, dass es überhaupt so viel hochklassiges Repertoire für Klavierduo gibt. Stoßen Sie nicht irgendwann einmal an Grenzen?
Unser ‘Problem’ ist nicht das fehlende Repertoire für Klavierduo, sondern, wann wir all dem, was schon existiert, die nötige Aufmerksamkeit schenken können. Es ist so viel wertvolle und herzergreifende Musik für diese Gattung geschrieben worden, dass ein ganzes Menschenleben dafür gar nicht ausreichen würde.
Zum 30-jährigen Bestehen Ihres Duos haben Sie sich die Musik für Klavierduo von Claude Debussy vorgenommen, darunter auch Klavierduo-Versionen einiger seiner größten Meisterwerke wie z.B. La Mer, Prélude à l‘après midi d’un faune oder Trois Nocturnes, aber auch die seltener eingespielten Originalwerke für Klavierduo. Haben Sie nach den Aufnahmen ein Lieblingsstück gehabt?“
Wie kann man bei einem so unbeschreiblich genialen Komponisten mit so vielen verschiedenen Gesichtern und Nuancen überhaupt ein Lieblingswerk haben? Hat man denn ein Lieblingskind in der Familie? Man liebt ja alle gleichermaßen. Da darf man als Künstler und als Zuhörer den Entwicklungsprozess einer genialen Persönlichkeit von Werk zu Werk gespannt verfolgen und jeden noch so kleinen und überraschenden Schritt hautnah miterleben.
Wenn man sich andere Klavierduos anschaut, dann stellt man fest, dass Sie sich im Ansatz schon unterscheiden: Ihren Alben liegt fast immer ein enzyklopädischer Gedanke zugrunde. Sie versuchen – wenn schon, denn schon – am besten gleich das Gesamtwerk für Klavierduo eines Komponisten zu erkunden. Andere Klavierduos machen auch mal eine Motto-Platte oder ein Rezital-Album.
Ja, Sie haben absolut Recht! Das ist eine wichtige Seite in unserem künstlerischen Leben, die uns von vielen Kollegen unterscheidet. Darauf dürfen wir auch ein bisschen stolz sein. Von allen Integralen und Gesamtaufnahmen, die wir bis jetzt realisiert haben, könnte man aber, wenn man wollte, etliche Rezitals kreieren und gestalten. Und die elf Konzerte mit Orchester kämen noch dazu…
Die bunten Programme, die wir live auf der Bühne präsentieren, wurden häufig von internationalen TV- und Radioanstalten mitgeschnitten oder live gesendet, und das alles ist noch eine ganz andere, nicht unmittelbar vergleichbare Seite unseres Duos.
Die tollen Reaktionen der internationalen Presse auf unsere Einspielungen und deren begeisterte Aufnahme durch das weltweite Publikum sowie der erfolgreiche Verkauf unserer CD-Alben haben uns sehr deutlich gezeigt, dass unser Ziel, die Zuhörer an der menschlichen Entwicklung einer genialen Komponisten-Persönlichkeit zu beteiligen, als extrem wertvoll und referenzfähig empfunden wird. Dabei lassen wir uns bei der Auswahl des nächsten Aufnahmeprojekts niemals von der Überlegung verführen, ob und wie viele Konzerte diese Komponistin oder dieser Komponist uns sozusagen im Gegenzug wohl ermöglichen würde. Das gibt uns die Kraft, unseren einmal eingeschlagenen Weg treu weiter zu verfolgen. Die oben erwähnte kompromisslose Qualität unserer solistischen Ausbildung hilft uns dabei, die Werke viel schneller und effektiver künstlerisch zu erarbeiten und tiefgründiger zu präsentieren.
Für die Debussy-Reihe haben Sie nach Jahrzehnten zum ersten Mal Ihr Label gewechselt. Wie kam es dazu?
Es hat sich einfach wunderbar ergeben, dass wir gerade zu unserem 30. Duo-Geburtstag bei einem neuen Label zu finden sind! Nachdem wir mit den Studioaufnahmen im WDR Köln fertig waren, war Christian Dieck von Oehms Classics/Naxos so begeistert von unserem Riesenprojekt mit Debussy und vom Klangergebnis, dass er gleich vorgeschlagen hat eine Trilogie von drei Volumina beim Label Oehms zu veröffentlichen. Hier möchten wir auch dem WDR3-Produzenten Dr. Michael Breugst herzlich danken, dass er alles Mögliche dafür getan hat, um die Debussy-Aufnahmen unter den besten Bedingungen zu realisieren. Und nicht zuletzt konnten wir auf ein fantastisches WDR-Aufnahmeteam mit Tonmeister Stephan Hahn, Toningenieur Dirk Franken und Klaviertechniker Hans Giese zählen.
Sie sind in Deutschland fest verwurzelt, aber wie man an Ihren Live-Aktivitäten sieht, sind Sie auch Ihrer Heimat Bulgarien weiterhin eng verbunden. Bulgarien hat in den letzten Jahren einige bedeutende Veränderungen durchlaufen, hat sich sehr modernisiert und hat gerade jetzt im Januar 2026 frisch den Euro als Währung eingeführt. Trotzdem gibt es innenpolitisch noch einige Unruhe im Land. Wie haben Sie die Entwicklungen der letzten Jahre wahrgenommen?
Ja, es stimmt! Wir sind tatsächlich unserer Wahlheimat Deutschland bereits seit 30 Jahren tief verbunden und teilen mit ihr unser Leben. Auf Grund aller unserer künstlerischen Errungenschaften wurde uns schon damals ehrenhalber die deutsche Staatsangehörigkeit als « Künstler von öffentlichem Interesse für die BRD » verliehen.
Neben Miami, haben wir in Bulgarien immer unser anderes Zuhause bewahrt und wenn uns überhaupt freie Zeit bleibt, genießen wir die wunderschönen Berge und das Meer dort in vollen Zügen.
Bulgarien hat sich sehr stark entwickelt, hat sich modernisiert und ist ein sehr attraktives Land geworden. Es ist wunderbar, dass der Euro ab jetzt als Währung eingeführt worden ist und dies Vieles leichter und effektiver machen wird. Damit gibt es nun die ersten Euro-Münzen mit kyrillischen Buchstaben.
Wie viele andere Ländern Europas kämpft leider auch Bulgarien immer noch mit Kriminalität und Korruption und die Mittelschicht der Gesellschaft ist noch zu dünn. Wir sind aber optimistisch für die Zukunft, da die jüngere Generation sich sehr aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligt und engagiert für eine sichere und bessere Lebensqualität kämpft.
Aktuell läuft Ihre Konzertsaison zum 30-jährigen Bestehen Ihres Duos. Wie sind die Publikumsreaktionen bisher auf das Jubiläumsprogramm?
Wir feiern das ganze Jahr 2026 hindurch, weil wir die Geburtsstunde unseres Duos auf Ende 1995 rechnen. Damals spielten wir eher zum Scherz synchron an zwei Klavieren die Etüde op. 25, Nr.11 von Chopin an der Musikhochschule Hannover. Erst einige Monate danach, nach den gewonnenen Wettbewerben in Hannover, Caltanisetta, Tokio, München (ARD-Wettbewerb) und zuletzt in Miami (Dranoff Competition) konnte man eventuell erahnen, dass hier Klavierduo-mäßig tatsächlich etwas Interessantes auf der Bühne passiert. Unser Jubiläum haben wir zuerst in Bulgarien angefangen zu feiern, wo wir das Internationale Europäische Festival in Varna eröffnet haben und danach bei mehreren TV- und Radio-Shows zu Gast waren. Im Oktober 2025 haben wir bereits Teil 1 unseres nächsten CD-Projekts im WDR Köln aufgenommen, und jetzt bereiten wir uns für die bevorstehenden Konzertauftritte in Deutschland und in den USA sowie für viele weitere spannende Projekte vor.
25 Jahre Genova & Dimitrov: « Als hätten sich Brigach und Breg gerade zur Donau zusammengefunden »
















