Gewandhaus Leipzig
(c) Remy Franck

Dirigentinnen sind seit längerem willkommene Gäste beim Gewandhausorchester Leipzig. Die Leitung der traditionellen Aufführungen von Ludwig van Beethovens Neunter Symphonie zum Jahreswechsel erstmals durch eine Frau wäre allerdings ein mit Spannung erwartetes Ereignis gewesen. Leider musste Mirga Grazinyte-Tyla krankheitsbedingt absagen. Alan Gilbert ist kurzfristig eingesprungen. Michael Oehme berichtet.

Ludwig van Beethoven

Beim weltweit ersten Zyklus aller Beethoven-Symphonien war dessen Neunte im März 1826 erstmals in Leipzig erklungen. Seitdem folgten Aufführungen meistens am Ende einer jeden Spielzeit des Gewandhausorchesters. Zu Silvester 1918 begründete Arthur Nikisch mit einer Friedens- und Einheitsfeier eine Tradition von Aufführungen der Neunten zum Jahreswechsel, die für viele Orchester der Welt zum Vorbild wurde. In Leipzig war die Leitung dieser Aufführungen in der Regel den amtierenden Gewandhauskapellmeistern vorbehalten: u. a. Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Franz Konwitschny, Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Riccardo Chailly, Andris Nelsons, mit einigen Ausnahmen allerdings.

Alan Gilbert
(c) Chris Lee

So hatte Alan Gilbert bereits 2017 drei Aufführungen zum Jahreswechsel dirigiert. Der in Leipzig gern gesehene Gast ging das Werk mit Verve und Temperament an.

Fast zu kompakt, aber für den Hörer durchaus deutlich und verständlich gestaltete er den Kopfsatz, in dem Gilbert zum Beispiel dem phänomenalen Pauker fast zu viel Spielraum und Laustärke einräumte. Ein breites differenziertes Klangspektrum des ganzen Orchesters blieb hier zunächst aus. Aber wir Heutigen ahnen mit dieser Musik bestürzt, welche Bedrohungen der Zeiten Beethoven schon damals gespürt haben muss.

Voller selbstverständlicher Perfektion stürzte sich das Orchester dann in das Weltgetümmel des Scherzos. Herrlich das Trio à la Pastorale, in dem die Bläser frei singen und jubilieren konnten.

Große Ruhe und Innerlichkeit verströmte der langsame Satz Adagio molto e cantabile – Andante moderato, wohltuend unaufgeregt fließend, nur durch die mahnend-majestätischen Worte des Blechbläserchores unterbrochen.

Blieb das ersehnte Finale, dass Beethoven aus einer Art Urchaos hervorgehen lässt. Wie organisch Gilbert und das Gewandhaus die Freudenmelodie vom äußersten Pianissimo der tiefen Streicher bis hin zum strahlenden Orchestertutti entwickelten, gehörte zum Schönsten und Berührendsten dieses Konzertabends. Doch Beethoven warnte noch einmal mit heftigen Tönen, um nun vokal sein Ansinnen vorzutragen – mit einem jungen, ganz und gar nicht stimmgewaltigen, aber homogenen Solistenquartett: Sarah Traubel, Sopran, Xenia Puskarz Thomas, Mezzosopran, Patrick Grahl, Tenor und Michael Nagy, Bass, einem Quartett, in dem zum Beispiel der eigentlich lyrische, aus Leipzig stammende Tenor Patrick Grahl nicht forcieren musste. Die Gewandhauschöre – GewandhausChor und GewandhausKinderchor – sowie der MDR Rundfunkchor taten ihr Übriges, hatten Kraft und die nötige stimmliche Fülle, wobei mir in den Fortestellen ein wenig der textliche Biss fehlte, aber die lyrischen Passagen (`Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen`) besonders klangschön und bewegend gerieten. Den Chören galt auch der besonders starke Jubel des Publikums.

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