Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper ‘Les Dialogues des Carmélites’ war in Dresden bisher nur in einer konzertanten Aufführung zu hören – in den 90er Jahren mit der Dresdner Philharmonie unter Michel Plasson. Jetzt kam Poulencs Meisterwerk auf die Bühne der Semperoper. Michael Oehme berichtet.
Das Stück mit dem Libretto vom Komponisten nach einem Drama von Georges Bernanos geht letztlich auf die Novelle ‘Die Letzte am Schafott’ von Gertrud Le Fort zurück, die auf einer wahren Begebenheit über die Karmeliterinnen von Compiègne beruht, die am 17. Juli 1794 wegen ‘konterrevoutionärer Versammlungen’ zum Tode verurteilt wurden und singend aufs Schafott stiegen. Die Gewalt der Französischen Revolution machte auch vor den Klöstern nicht halt. Wollten sie diese nicht räumen, führte das zum Tode. Der Aufstand gegen die alte Gewalt führte und führt zu neuer Gewalt, was leider bis heute erschreckende Realität ist. Le Fort, Bernanos und Poulenc zeichnen in der Oper aber auch ein bemerkenswertes Bild von Charakteren starker Frauen, die bis in unsere Zeit beeindrucken und vorbildhafte Nachdenklichkeit hervorrufen.

Francis Poulenc
Jetske Mijjnssen, Regie, Ben Baur, Bühnenbild und Gideon Davey, Kostüme hatten eine Produktion aus dem Opernhaus Zürich eindrucksvoll auf die wesentlich größere Bühne der Semperoper gebracht. Der Technikapparat hinter der Bühne (Licht: Franck Evin) leistet dabei Beachtliches. Das erste Bild steht noch ganz im Zeichen der alten adeligen Gesellschaft. Tänzerinnen und Tänzer in Rokoko-Kostümen markieren auf zauberhafte Weise diese Zeit, während der Marquis de la Force vergeblich versucht, seine Tochter Blanche vom Eintritt ins Kloster abzuhalten.
So geschehen, waren die Besucher dann den ganzen Opernabend in den sprichwörtlich hohen in Grau gehaltenen Klostermauern mitgefangen. Hier offenbaren und entwickeln sich im Verlauf des Geschehens berührende Schicksale sowie Gespräche und Abwägungen über den Glauben aus dem Inneren des Klosterlebens.
Im Vordergrund steht zunächst der nahende Tod der alten Priorin Madame de Croissy, die sich trotz ihres Gottvertrauens noch einmal auch gegen ‘ihren Herrn’ aufbäumt und qualvoll stirbt – eine expressive Studie, wie geschaffen für Evelyn Herlitzius in dieser Rolle. Im Mittelpunkt dann die neue Novizin Blanche hin- und hergerissen in all diesen existentiellen Fragen, auch als ihr Bruder Chevalier um Einlass bittet, und sie aus dem Kloster herausholen und retten möchte. Eine männliche Gegenstimme dann auch der Beichtvater, der noch einmal eine Messe hält, während schon der Lärm des Pöbels hereindringt und die Räumung der Klöster verkündet wird. Die Schwestern beharren auf ihrem Gelübde, auch Blanche bekennt sich dazu, nacheinander erfolgt die Auslöschung der Namen einer jeden Nonne. Zum Glück ist die Abschlachtung nicht naturalistisch dargestellt, sondern nur durch die Einschläge in der Musik zu hören. Am Schluss ist die Bühne verwaist.
Durchweg gut und geradezu schön gesungen wird in dieser Produktion. Die deutschen und englischen Untertitel machen alles verständlich. Mir fehlte jedoch fast durchgängig der französische Sprachduktus und etwas mehr Pathos, welches die Gesangspartien Poulencs doch zum Genuss macht.
Mit warmer, weicher Baritonstimme verkörperte Michael Kraus den Marquis de la Force, genau richtig zwischen väterlicher Liebe und Strenge gegenüber Blanche. Wie gesagt hatte Evelyn Herlitzius mit ihrer Bühnenpräsenz und charaktervollen Stimme wieder ihre große Stunde in Dresden. Wunderschön klar und hell die Blanche selbst mit allen Wandlungen, die sie durchmacht, ebenso klangvoll Sinéad Campbell Wallace, Julie Boulianne, Rosalie Cid, Michal Doron und Nicole Chirka in den weiteren Rollen als Klostermüttern und -schwestern. Fast knabenhaft der Gesang der Frauenstimmen des Staatsopernchors (Einstudierung: Jan Hoffman)
Marie Jacquot leitete das Ganze mit Akkuratesse und Verve. Die junge französische Dirigentin war erst im Dezember für Daniele Gatti in einem Sinfoniekonzert der Staatskapelle eingesprungen und hat jetzt den guten Draht zum Orchester fortgesponnen. Was doch mit Poulenc der Tonalität im 20. Jahrhundert noch hinzufügen konnte. Die Farben und harmonischen Feinheiten seiner Musik boten den Dresdnern natürlich alle Möglichkeiten der Entfaltung, herrliche Soli (Klarinette, Harfe), wunderbar differenzierte Artikulation und gestische Ausformung. Wie in einer Passacaglia schreitet die Musik dem tragischen Ende der Nonnen auf dem Schafott entgegen, Musik, die unter dem letztmaligen Gesang des ´Salve Regina´ verklingt, ja geradezu erstirbt. Sehr bewegt ging man schon in die Pause und erst recht am Ende aus dem Opernhaus. Gepasst hätte eigentlich Schweigen statt Jubel, den alle Mitwirkenden dann doch mehr als verdient hatten. Schade, dass die Produktion schon nach sechs Vorstellungen wieder nach Zürich geht.
















