Peter Schreier, Vollendung in reinster Form’: Von Anneliese Rothenberger stammt die Formulierung, die einem neuen Buch über Peter Schreier den Titel gab. Der Dresdner Musikwissenschaftler Matthias Herrmann hat es verfasst und im Donatus-Verlag Niederjahna herausgegeben Michael Oehme stellt es vor.
Das Zusammenwirken Peter Schreiers mit Dirigenten, Sängern und Pianisten ist in dieser Publikation festgehalten. Karl Böhm, Nikolaus Harnoncourt, Herbert von Karajan, Herbert Kegel, Kurt Masur, Karl Richter, Wolfgang Sawallisch, Jörg Demus, Camillo Radicke, Swjatoslaw Richter András Sciff, Norman Shetler, Erik Werba, Anneliese Rothenberger, Adele Stolte, Theo Adam, Dietrich Fischer-Dieskau und Fritz Wunderlich sind nur einige derjenigen, die in dem Buch vor- und zu Wort kommen.
Dabei spielt nicht nur die Bewunderung für den Jahrhundertsänger eine Rolle, sondern wird auch die intensive musikalische Auseinandersetzung und – besonders berührend – manch intensive Freundschaft deutlich. Von Schreier selbst, der eher als wortkarg galt, stammen hochinteressante Aussagen zur Musik Bachs, Mozarts, Schumanns, Pfitzners, Mendelssohns und Schuberts. So nimmt die Beschäftigung mit der Aufführungspraxis der Bach’schen Musik besonders breiten Raum ein, die, geradezu spannend, zwischen den Polen Karl Richter (den Schreier besonders verehrte und von ihm geprägt war) und Nikolaus Harnoncourt (den er streitbar schätzte und durch ihn besondere Anregungen erfuhr) zu seinem einmaligen, unverwechselbaren Gesangsstil führte und ihn zu dem Evangelisten und Bach-Interpreten seiner Epoche werden ließ. Interessante Dokumente dazu hat Herrmann aufgespürt, so ein ausführliches Interview, das Schreier im Bach-Jahr 1985 der ´Tribüne´ (einer ostdeutschen Gewerkschaftszeitung!) gewährte, in dem er einerseits der jungen Generation geradezu euphorisch die Musik Bachs ans Herz legte, sich andererseits sehr differenziert mit speziellen Aspekten der Aufführungspraxis, so dem Dogma der Terrassendynamik oder der Verwendung historischer Instrumente, die Schreier strikt ablehnte, auseinandersetzte. Interessant dann auch die Wortmeldungen zu Schreiers, sein Stimmfach grenzüberschreitenden Partien. Denn sie wollten ihn alle: Carlos Kleiber den Max im ´Freischütz´, Herbert von Karajan den Loge, Marek Janowski den Loge und den Mime, Nikolaus Harnoncourt den Florestan.
Für diejenigen, die Peter Schreier gehört und erlebt und mit seiner Kunst geradezu gelebt haben, ist das Buch von Matthias Herrmann ein Schatz, der viele Erinnerungen wachruft und zugleich weitere interessante Fakten hinzufügt.
Naturgemäß werden zugleich Lücken offenbar und Ergänzungen notwendig. So fehlt im Kapitel zur ‘Winterreise’ die Tatsache, dass Schreier in seinem letzten Sängerjahr 2005 den Liedzyklus noch einmal eingespielt hat und zwar in der Fassung für Singstimme und Streichquartett von Jens Josef. Im März des genannten Jahres fand die durch den Mitteldeutschen Rundfunk realisierte Aufnahme in der Dresdner Lukaskirche statt. Jugendfrisch wie eh und je lieferte er schon beim ersten Take jeden Liedes eine vollendete Fassung, während das Dresdner Streichquartett noch einige Wiederholungen brauchte. Veröffentlich ist diese definitiv letzte Tonaufnahme von Peter Schreier als Sänger beim Label Günter Hänssler Profil. Wenig Auskunft gibt Hermanns Buch über die Zusammenarbeit mit Martin Flämig, dem Nachfolger Rudolf Mauersbergers als Kreuzkantor in Dresden seit 1972. Interessant wären auch mehr Aussagen zu Schreiers intensiver Zusammenarbeit mit Chören gewesen, allen voran mit dem Rundfunkchor Leipzig, dem späteren MDR Rundfunkchor.
Hervorgehoben sei da als Beispiel sein Einsatz für Franz Schmitdts Oratorium ´Das Buch mit sieben Siegeln´, das 1984 in eine Aufführung mit ihm als Evangelisten (Dirigent: Jörg-Peter Weigle) und 1997 in eine mit ihm als Dirigenten (Evangelist: Christoph Prégardien), beide im Leipziger Gewandhaus, mündete. Auch mit dem Thüringischen Akademischen Singkreis, einem erlesenen semiprofessionellen Kammerchor verband Schreier eine besondere Beziehung. Begonnen hatte diese Zusammenarbeit mit einer legendären Matthäuspassion bei den Ansbacher Bachwochen 1991, gefolgt von einer Johannespassion beim Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd, Händels Messias in der Mozartfassung beim Sächsischen Mozartfest in Chemnitz und Schumanns ‘Der Rose Pilgerfahrt’ bei Schreiers Schumanniade in Kreischa bei Dresden (mit András Schiff am Klavier). Mager auch die Zeugnisse von Schreiers beachtlicher Zuwendung zur nachfolgenden Sängergeneration. Sie enden in dem Buch mit einer lapidaren Aussage zu dem inzwischen großartigen Sebastian Wartig beim Schumann-Wettbewerb in Zwickau. Doch da gab es beispielweise im Dezember 2015 noch ein Weihnachtsoratorium im Gewandhaus Leipzig, das als endgültig letzter Auftritt von Peter Schreier als Dirigent vermutet wurde(was sich als nicht richtig herausstellte, siehe die im Buch besprochene Johannespassion vom 25. Februar 2018 in der Leipziger Thomaskirche), die Solopartien allesamt mit blutjungen Sängern besetzt, unter ihnen als Evangelist der ehemalige Thomaner Patrick Grahl, der ein Jahr später den 1. Preis beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb erlangen sollte. In der Leipziger Volkszeitung war darauf zu lesen: « Von diesem Handschlag wird Patrick Grahl noch seinen Enkeln am Kaminfeuer erzählen. Lang dauert er. Tief schaut Peter Schreier ihm dabei in die Augen. Und noch aus der Ferne ist zu sehen, dass Wertschätzung und Respekt in diesem Blick liegen. So wird dieser Hand- zum Ritterschlag für den jungen Tenor aus Leipzig, der in diesem Weihnachtsoratorium die Evangelistenpartie gesungen hat. » Grahl hat diesen Ritterschlag längst eingelöst. Welch Glück, dass das Erbe Peter Schreiers weiterlebt.
Matthias Herrmann: Peter Schreier. Vollendung in reinster Form. Sein Zusammenwirken mit Dirigenten, Pianisten und Sängern in Wort und Bild. Donatus Verlag ISBN: 978-3-946710-78-3
















