Die Wahlwienerin Dora Deliyska hat mit ihren ausgeklügelt zusammengestellten Programmen in den letzten Jahren viele Fans gewonnen. Sowohl auf ihren CD-Alben als auch bei ihren Konzerten scheint alles bis ins kleinste Detail durchgeplant zu sein. Umso mehr überrascht es nun, dass Deliyska auf ihrem neuen Album Encore! ein Zugaben-Recital vorlegt. Haben wir es hierbei nun plötzlich mit einer Lose-Blatt-Sammlung an populären Rausschmeißern zu tun? Mitnichten, wie René Brinkmann im Pizzicato-Gespräch mit Dora Deliyska feststellen konnte.

Dora Deliyska
(c) Lukas Heistinger

Frau Deliyska, was ist für Sie eine Zugabe – eher so etwas wie ein „Bonus“ für das Publikum oder eine willkommene Gelegenheit, um ein ausgeklügeltes Programm um noch ein weiteres Stück zu bereichern?
Das Ende eines Konzerts stellt für mich als Interpretin einen bittersüßen Augenblick dar. Einerseits empfinde ich Freude und Dankbarkeit, so viel gemeinsam mit dem Publikum erlebt zu haben, andererseits weiß ich, dass der Abschluss des Programms ein Ende des erreichten emotionalen Zustands ist. Es ist eine künstlerische Trennung, die auch wehmütig sein kann. In meiner Bühnenerfahrung betrachte ich die Zugabe als einen Ausklang; eine Möglichkeit, sich von dem Publikum zu verabschieden.
Dieses emotional aufgeladene Konzept der Zugabe hat mich inspiriert, die einzelnen Stücke einer größeren musikalischen Struktur zuzuordnen. Wie verändert sich die musikalische Bedeutung der Zugaben, wenn man sie nebeneinander positioniert und nicht nur als Abschluss betrachtet? Kann durch diese neue musikalische Struktur der Augenblick augmentiert werden? Das waren Fragen, die mich während der Entstehung des Encore!-Albums beschäftigt haben und deren Antworten man in der Auswahl der Stücke entdecken könnte.

Viele Pianistinnen und Pianisten greifen für eine Zugabe auf allseits bekanntes Standardrepertoire zurück, wohl mit dem Gedanken, dass das Publikum als letztes Stück noch einmal etwas hören soll, was weithin bekannt ist und dann als Erinnerung an das Konzert hängen bleibt. Wenn man das Programm Ihres Encore!-Albums durchschaut, scheint es bei Ihnen nicht immer so zu sein, oder?
Für mich ist es wesentlich, dass die Zugabe zu dem Konzept des Konzertprogramms passt. Ich überlege vorher viel, welche emotionale Auswirkung die Zugabe auf das Publikum haben wird. Abhängig von dem Programm, treffe ich die Entscheidung, den erreichten emotionalen Zustand zu erweitern oder die Stimmung mit dem letzten Stück abrupt in eine Gegenrichtung zu steuern. Die Zugabe hat eine starke Auswirkung auf das Publikum, weil sie ungewiss ist und unerwartet kommt. In dieser Ungewissheit liegt die Kraft der Zugabe.

Ein weiteres Vorurteil gegenüber Zugaben ist, dass eine Zugabe eine Art heiterer Kehraus sein sollte, ein fröhlicher Rausschmeißer, könnte man auch salopp sagen. Ihr Album beinhaltet jedoch mindestens genauso viele ruhig-kontemplative Stücke wie flotte und vielleicht eher Zugabentypisches. Die verbreitete Meinung, dass eine Zugabe eher heiter und eher kurz sein sollte, scheint für Sie nicht zu gelten?
Eine ruhige, in sich geschlossene Zugabe kann eine wunderschöne Auswirkung auf das Publikum haben. Oft erleben wir viele und ganz unterschiedliche Emotionen an einem Konzertabend.
Eine kontemplative Zugabe gibt dem Publikum den Raum, die eigenen Gedanken und Gefühle zu reflektieren. In diesem kurzen Augenblick entsteht die Möglichkeit, die eigene Interpretation des Konzertabends abzuschließen.
Die Zugabe kann man als einen Übergang zwischen dem musikalischen Universum und der Realität betrachten. Mann muss das mit Vorsicht behandeln.

Dora Deliyska
© Andrej-Grilc

Was qualifiziert ein Stück in Ihren Augen als gut für eine Zugabe geeignet?
Ein Stück ist geeignet, wenn es stark ausdrucksvoll ist.

Das Programm Ihres neuen Albums zeigt, welche musikalische Bandbreite sich durch Ihre Zugaben eröffnet – das Portfolio reicht von Schubert bis Piazzolla, von Rachmaninow bis Say. Durch Letzteren haben es sogar ein wenig Jazz auf das Album geschafft. Haben Sie keine Sorge, dass sich in der Verdichtung dieses Repertoires als Albumprogramm eine fast schon zu große Bandbreite ergibt, sodass manche Hörerinnen und Hörer überfordert werden könnten?
Wenn man die Auswahl der Stücke liest, scheint das Repertoire vielleicht sehr oder sogar zu breit zu sein. Jedoch gibt es eine klare musikalische Struktur in meinem Konzept, die auch einen definierten Rahmen bildet. Das animiert dazu, das Programm als ein Gesamtkunstwerk zu betrachten und zu hören. Beim Konzert spiele ich die Stücke oft ohne Unterbrechung. Es entsteht eine musikalische Dramaturgie, der man folgen kann, ohne ihr einen Kompositionsstil zuordnen zu müssen. Diese Methode gibt dem Publikum eine aktive Rolle beim Zuhören.
Ich habe das Programm in drei Blöcke eingeteilt: Der erste besteht aus Stücken von Franz Schubert. Er ist wahrscheinlich der Komponist, dessen Stücke ich am häufigsten als Zugabe gespielt habe. Der zweite Block bildet eine Ruheinsel mit den werken von Arvo Pärt und Johann Sebastian Bach. Dieser Teil des Programms repräsentiert für mich sinnbildlich das innere Verlangen nach einem transzendenten Erlebnis – etwas, was wir in uns tragen und in außergewöhnlichen musikalischen Momenten erleben dürfen. Der dritte Block schafft einen Kontrast. Hier entfaltet sich das Konzept der romantischen und virtuosen Zugaben. Man erlebt schließlich ein fulminantes Ende und den euphorischen Abschluss eines Konzerts.

Dora Deliyska
(c) Lukas Heistinger

Sie sind seit vielen Jahren in Wien ansässig. Einerseits: Was schätzen Sie besonders an dieser Musikmetropole? Und andererseits: was ist für eine Pianistin in Wien vielleicht sogar eher schwieriger, als wenn man in einer anderen Stadt seinen Karrieremittelpunkt hätte?
Die Karriere war nie im Mittelpunkt meines Lebens. Deswegen betrachte ich die viele Konkurrenz in Wien eher als eine Bereicherung. Es ist wunderbar inspirierend, andere Pianistinnen und Pianisten zu hören und zu bewundern. Aber die meiste Inspiration bekomme ich in vielen Theater-, Oper- und Tanzvorstellungen, die ich besuche. Es interessiert mich sehr, wie die darstellende Kunst funktioniert und wie ich Musik dramaturgisch umsetzen kann.

Sie spielen viel live und kommen dabei auch viel rum: Wo haben Sie das dankbarste Publikum erlebt?
In Wien! Das Wiener Publikum kommt mit offenem Herzen ins Konzert und zeigt tiefes Verständnis für die Interpretation. Das ist wunderbar! Es inspiriert mich, etwas zu riskieren und neue Dimensionen auf der Bühne zu suchen.

Werden Sie Ihr Encore!-Album auch live präsentieren? Und können Sie schon Erfahrungen mitteilen, wie alle diese Zugabenstücke als Konzertprogramm zusammen funktionieren?
Die Premiere ist im Wiener Konzerthaus am 9. März. Ich werde das Programm ohne Pause spielen, weil ich es als zusammengehörig empfinde.

Abwechslungsreich

 

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