Daniele Gatti

Das sinfonische Schaffen von Gustav Mahler ist ein von Daniele Gatti gewählter Schwerpunkt in seinen ersten Spielzeiten als Chefdirigent der Staatskapelle Dresden. Jetzt fand er mit den Kindertotenliedern und der 7. Sinfonie seine Fortsetzung. Michael Oehme berichtet.

Man mag es kaum glauben, aber die Siebente ist diejenige von Gustav Mahlers Sinfonien, die bisher noch niemals von der Kapelle gespielt wurde. In Dresden war sie zuletzt 1981 mit der Philharmonie unter Herbert Kegel erklungen. Anschließend ging es zu Gastspielen nach Prag (dort, wo 1908 unter Leitung des Komponisten die Uraufführung stattfand) und Budapest. Für die Staatskapelle hat sich das nun geändert und in ein triumphales Ereignis verwandelt. Dabei gibt es bei diesem rätselhaften, widersprüchlichen Werk Einiges zu bewältigen, aber kaum restlos zu deuten. Das beginnt mit dem martialischen Eingangssatz, der mit einem Trauermarsch beginnt und sich zu einem Gesellschaftspanorama aus Opern-, Volks- und Militärmusik, ausweitet, alles in jähen Wechseln, sperrig in manchen Momenten, dass einem der Atem stockt. Das Programmheft verweist interessanterweise auf Analogien zum gerade aufgekommenen Genre Film. Hier war am ersten der drei Konzertabende der Kapelle noch etwas an Anspannung zu spüren, aber schon jetzt und noch weitere Male überwältigte das herrliche Tenorhorn von Robert Langbein.

Fünf Sätze hat Mahlers Siebente. In der Mitte ist ein gespenstisches Scherzo platziert. Vor ihm und nach ihm sind es die berühmten von Mahler selbst so bezeichnenden Nachtmusiken. Die erste, vorwiegend ein Naturidyll, nicht ohne auf gefahrenvolle Situationen zu verzichten, die zweite konzipiert als Serenade, unterstrichen durch den Einsatz von Gitarre und Mandoline, zwei kleinen, keineswegs sinfonischen Instrumenten, die in der Dresdner Aufführung dennoch wunderbar zu hören waren.

Innig zauberten die Kapellmusiker diese Preziosen, Konzertmeisterin Yuka Manuela Janke ihre zarten Violinsoli. Vom Finale wurden dann Zuhörerinnen und Zuhörer geradezu überrumpelt. Der Satz ist eine Festwiese der Musik, ein Rondo, dessen prunkvolles Thema siebenmal wiederkehrt. Dazwischen gibt es andeutungsweise Anklänge etwa an Franz Lehár und Paul Lincke.

Für Gatti und die Kapelle war das natürlich die willkommene Gelegenheit, ihre Trümpfe auszuspielen. Enorm exakte, strahlende, körperreiche Streicher waren neben gleißenden Bläserkaskaden zu hören. Die Platzierung des Blechs über die ganze Breite der Bühne gestaltete sich zu einem Hörererlebnis für sich. Daniele Gatti muss, auch menschlich, wunderbare Arbeit geleistet haben und hatte alles souverän und unaufdringlich in den Händen. Die Liason zwischen ihm und der Kapelle verspricht noch viel Großes.

Daniele Gatti
Photo: Marco dos Santos

Vor der Sinfonie standen, wie gesagt, die Kindertotenlieder von Gustav Mahler auf dem Programm. Dieser Liedzyklus auf fünf Gedichte von Friedrich Rückert gehört zum Berührendsten, was für Singstimme und Orchester für den Konzertsaal geschaffen wurde. Jene bewusste Rührung stellte sich allerdings im Konzert nicht ein

Die mit viel Renommee versehene kanadische Mezzosopranistin Michèle Loisier war eine Enttäuschung. Mit ihrer an sich schönen Stimme kam sie nur bedingt in den Saal herüber, war auch kaum zu verstehen. An der sensiblen und einfühlsamen Begleitung von Gatti und der Staatskapelle kann es nicht gelegen haben. Dankbar war man, wenn sich Michèle Loisier in den wenigen expressiven Ausbrüchen sängerisch entfalten konnte.

Auch nach 54 Jahren bleibt die Live-Aufnahme von den Salzburger Festspielen 1972 mit Christa Ludwig und den Dresdnern unter Karl Böhm der unerreichte Maßstab für diesen Liedzyklus Gustav Mahlers.

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