Das altgriechische 'Panta rhei', 'alles fließt', liefert die Grundidee für Interpretationsstudien des deutschen Tenors Julian Prégardien, der sich die Frage stellt: "Welchen Veränderungen ist ein Musikwerk im Laufe der Zeit unterworfen?". Anders als die Protagonisten der historischen Aufführungspraxis interessiert sich Prégardien also nicht nur für den Urzustand, sondern wie und warum ein Werk sich im Laufe der Zeit verändert hat. Remy Franck hat sich mit Prégardien unterhalten und sich die ersten CDs angehört.

Julian Prégardien

Die Idee zu seiner Medienplattform ‘P.RHÉI’ kam dem Sänger in Luxemburg, bei den Aufführungen von Hans Zenders Werk ‘Schuberts Winterreise’ und aufgrund der Aussage des Komponisten, dass « durch die Erfindung der musikalischen Schrift also gerade nicht die Möglichkeit entstanden ist, ein ‘musikalisches Objekt’ eindeutig zu fixieren ».

Auf der Medienplattform ‘P.RHÉI’ sollen künftig bestimmte Musikwerke nach aufführungspraktischen und interpretationsgeschichtlichen Gesichtspunkten durchleuchtet werden. So ist Prégardien überzeugt davon, dass « das Format des Liederabends von heute nicht dem entspricht, was Schubert im Kopf hatte. » Das will nicht heißen, dass der Sänger jetzt Authentizität anstreben will, er will vielmehr « aus den Interpretationen, die man sammelt, eine neue künstlerische Freiheit erreichen ». Er will letztlich aber vor allem begreiflich machen, inwiefern « die Veröffentlichung, die Präsentation, die Rezeption, die Bearbeitung und die Interpretation von Musikwerken deren Gehalt und deren Gestalt » beeinflussen. Das alles zu untersuchen, mache ihm Spaß, sagte Prégardien Pizzicato gegenüber, denn er sei schließlich viel unterwegs und habe es sich zur Aufgabe gemacht, auf Reisen vor allem nachzudenken und sich wissenschaftlich und konzeptuell mit diesem Thema der musikalischen Entwicklung zu beschäftigen.

DIE INTERNETSEITE

Julian Prégardien

Julian Prégardien

Die ersten Resultate dieses Nachdenkens sind jetzt für jedermann zugänglich: da gibt es zunächst die Internetseite ‘P.RHÉI’,  auf der das ganze Projekt erklärt wird und die auch die verschiedenen Veröffentlichungen begleiten soll. Kern der Arbeit ist die Erstellung einer CD-Reihe im Eigenverlag.

Das erste Editionsprojekt für die Jahre 2016 und 2017 befasst sich mit Franz Schuberts ‘Winterreise’ nach Gedichten Wilhelm Müllers. Drei CD-Veröffentlichungen gehen einher mit dem Erstellen eines Medienpools auf prhei.com – hier werden diverse Medien (historische Quellen, Audio- und Videolinks) zur Verfügung gestellt, und damit soll auf unterschiedliche Bearbeitungs- und Erscheinungsformen des Musikwerkes aufmerksam gemacht werden. Im ‘Digitalen Salon’ werden Liebhaber wie auch Interpreten ermutigt, über die verschiedenen Erscheinungsformen oder Interpretationsansätze zu diskutieren.

Neben der Produktion von Tonträgern und der Präsentation von begleitenden Medien steht das sehr ambitiöse Projekt ‘P.RHÉI’ auch als Partner von Konzertveranstaltern zur Verfügung und konzipiert aufführungspraktisch durchdachte Konzertreihen oder Einzelveranstaltungen. Erste Kooperationen sind die Durchführung einer Konzertreihe auf verschiedenen Tasteninstrumenten im ‘Haus zum Lindengarten’ in Zürich und die Konzeption einer ‘Musiklounge’ für das ‘Mozartfest Würzburg’. In Planung sind ein Ideenwettbewerb für Hochschulabsolventen und Berufsanfänger und als weiteres Editionsprojekt Bachs ‘Johannespassion’.

DIE ERSTEN CDs

Zwei CDs sind jetzt bereits veröffentlicht worden. Vol. 1 der ‘Winterreise’-Reihe enthält etwas ganz, ganz Besonderes: die Rezitation der 24. Gedichte von Müller durch eine der bedeutendsten ‘Winterreise’-Interpretinnen, Lotte Lehmann. Die deutsche Sopranistin war 1938 in die USA ausgewandert und nahm diese Rezitation an der ‘University of California’ auf (deren Konzertsaal übrigens nach ihr benannt ist).

Lotte Lehmann hat immer wieder auf die tonmalerische Qualität der Texte von Wilhelm Müller hingewiesen, und dieser spürt sie in ihrer Rezitation nach. In ihrem 1971 veröffentlichtem Buch ‘Eightheen Song Cycles’ schreibt die Sängerin: « This cycle is certainly one of the most beautiful which has ever been written. » Es ist faszinierend zu lesen, wie Lotte Lehmann sich den Gedichten nähert und für jedes einen präzisen Charakter und einen detaillierten  Ablauf beschreibt. So beginnt sie ihre Lehrstunde mit den Worten: « In this song the greatest lack of expression is the acme of expression. Stand very stiffly, with an expression of absolute emptiness, your eyes half closed. Words fall from your lips in uniformly light tones, without any accents. » Zusätzlich interessant wird die CD durch die im Booklet abgebildeten Aquarellzeichungen von Lotte Lehmann zu den 24 Winterreise-Gedichten.

Vol. 2 der  Winterreise-Edition präsentiert die komponierte Interpretation der Schubertschen Winterreise für Tenor und kleines Orchester durch Hans Zender.

Zenders Komposition entstand 1993 und fasziniert, wie Ian Bostridge sagt: « …with a technique that reflects and refracts Schubert’s original through a series of mirrors and kaleidoscopes, while retaining its essential identity. »

Und der Komponist Hans Zender selber meint zu seiner Neu-Interpretation: « Meine ‘lecture’ der Winterreise sucht nicht nach einer neuen expressiven Deutung, sondern macht systematisch von den Freiheiten Gebrauch, welche alle Interpreten sich normalerweise auf intuitive Weise zubilligen: Dehnung bzw. Raffung des Tempos, Transposition in andere Tonarten, Herausarbeiten charakteristischer farblicher Nuancen. Dazu kommen die Möglichkeiten des „Lesens“ von Musik: innerhalb des Textes zu springen, Zeilen mehrfach zu wiederholen, die Kontinuität zu unterbrechen, verschiedene Lesarten der gleichen Stelle zu vergleichen … »

Zender komponiert aber auch hinzu, verschiebt Klänge im Raum und arbeitet mit suggestiven Orchesterfarben. Fast könnte man von einer Filmmusik sprechen, die so entstand und als Projektion hinter dem Gesang Handlung wie Handlungsumfeld beschreibt. Das ist auf eine andere Weise erhellend als Lotte Lehmanns Beschreibungen.

Und in gewissem Sinn ist die ‘Winterreise’ in der Zender-Fassung zugänglicher als das Original. Die Musik ist expressionistisch, sie ist dramatisch, farbig und geht aber gleichzeitig über die Intimität der Gedankenmitteilung des Originals hinaus. Sie lässt Schubert spektakulärer werden und gleichzeitig vordergründiger, ja fast sogar trivialer. Sie ist dem Zuhörer eine Hilfe, so wie die filmische Auseinandersetzung Ians Bostridges und David Alden mit der Original-‘Winterreise’ eine Hilfe war, in dem sie Bilder zum Text lieferte.

Die Zender-Fassung zeigt in ihrer kleinen Besetzung mit den dominierenden Bläsern auch, wie zukunftsweisend das Original ist, wie gut es sich für eine solche Projektion in das 20. Jahrhundert eignet.

Die Deutsche Radio Philharmonie spielt unter Robert Reimer mit viel klanglicher Schärfe und einem zwischen grellen und matten Klängen faszinierend reichen Farbenspiel.

PRÉGARDIEN WIRD EINS MIT DEM MATERIAL

cd-prhei-winterreise-preg2Der Sänger Julian Prégardien stellt sich in diesem Werk Konkurrenz-Aufnahmen mit seinem Vater Christoph Prégardien und dem Tenor  Hans-Peter Blochwitz. Und so belobigend man sich auch über den Orchesterpart äußern kann, es ist vor allem Julian Prégardien, der hier für Mehrwert sorgt. Seine Gestaltungsphantasie ist phänomenal, und weil ihm seine stimmlichen Mittel alles zu erlauben scheinen, ist diese Interpretationen eine absolute Spitzenleistung. Der unmittelbare Ausdruck des Gesangs ist von einer Wahrhaftigkeit, die jeden Hörer packen muss. Er ist deklamatorisch und doch frei von jedem Pathos, weil er nicht Bedeutsamkeit zu akzentuieren braucht, sondern mit völlig natürlich wirkenden Gestaltungsmitteln zum Kern der Sache vordringt. Prégardien wird eins mit dem Material und bewegt sich völlig frei in der Musik.

Die Erinnerungen, Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Todesgedanken des einsamen und unglücklichen Gesellen kommen so ungemein dramatisch zum Ausdruck und werden zu einer packenden emotionalen Reise, auf einer ganz anderen Ebene bewegend als das Original.

Im Booklet der CD-Produktion befinden sich interessante Beiträge, u.a. ein  Gespräch mit Hans Zender, Thomas Seedorf (Internationale Schubert-Gesellschaft) und Julian Prégardien.

Vol. 3 (erhältlich im Januar 2017) bringt Franz Schuberts ‘Winterreise’ nach dem Vorbild historischer Programmzettel aus dem 19. Jahrhundert mit Julian Prégardien, Tenor und Michael Gees, Klavier.

Erhältlich sind die CDs in Prégardiens ‘Online Shop‘ und bei einigen Vertriebspartnern, die ebenfalls auf der Webseite aufgelistet sind.

Julian Prégardien verdient für dieses einmalige Projekt höchstes Lob, denn allzu selten sind die Künstler die so viel denken und forschen und ihr Wissen dann auch noch mit dem Publikum nicht nur musikalisch teilen. Zu hoffen bleibt, dass die Medienplattform ‘P.RHÉI’ den Erfolg erlangt, den sie verdient und nicht die Bedeutung des Wortes ‘perei’ in der Esperanto-Sprache bekommt, denn dort heißt ‘perei’ sterben. Lang lebe ‘P.RHÉI’!

  • Pizzicato

  • Archives