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BEETHOVEN IN MAGISCHER VOLLKOMMENHEIT

L. van Beethoven: Klaviersonaten Nr. 21 op. 53 (Waldstein) und 29 op. 106 (Hammerklavier); Michael Korstick, Klavier; 1 CD Ars Musici AM 1365-2; 8/03 (75'10)

- - EXELLENTIA - -

Wenn ein Künstler mit zum Teil wirklich extremen Interpretationen an sehr bekannte Werke herangeht, wird der Hörer entweder bedenkenlos mitgerissen oder er sperrt sich und nimmt eine abweisende Haltung ein. Sehr leicht kommt es dann zu Bewertungen wie' Masche!', 'Mache!' oder 'Selbstgefälligkeit!'. Ein derartiges Risiko läuft Michael Korstick mit diesem Programm zweifellos. Seine Tempi, seine Akzente, seine Rhetorik können missverstanden und als manieriert hingestellt werden. Die knisternde Spannung und die explosiven Attacken im ersten Satz der 'Waldstein', das betont Rustikale oder sogar unelegant Tänzerische im Rondo derselben Sonate, das rasante Tempo im ersten Satz der 'Hammerklavier'-Sonate und deren stark gedehntes 'Adagio Sostenuto', all das kann schon verwirren.
Und dennoch: bringt Korstick nicht hier Lösungen, die letzten Endes vollends überzeugen, wo man sich an den Kopf fasst und sagt: "Ja klar, so muss es sein! Wieso hat das noch niemand so gesehen?" Und urplötzlich wirkt ein Brendel manieriert im ersten Satz der 'Waldstein', der bei Korstick in seiner ganzen elektrisierenden Spannung so völlig natürlich fließt, ohne zirzensische Akrobatiken, ohne dynamische Nuancen, dass einem die Ohren wackeln. Zwischen Korstick und Brendel ist der Unterschied größer als zwischen Beethovens Neunter mit Furtwängler und jener von John Eliot Gardiner. Oder noch anders: Aus der kurvenreichen kleinen Landstraße, die Brendel benutzt, wird bei Korstick eine schöne breite Schnellstraße, auf der das Fahren so richtig Spaß macht. Und wie unverbindlich klingt doch bei Brendel das 'Rondo' dieser Sonate, während Korstick den Gedanken des 'Rondeau' musikalisch einbringt und durchaus das Artige und Naive, das damit in Verbindung gebracht wird, zum Ausdruck bringt.
Vom schnellen Tempo im ersten Satz der 'Hammerklavier' war schon die Rede: Korstick beruft sich hier auf die Metronomangaben, die in dieser Sonate – und es ist die einzige – von Beethoven selbst stammen. In den schnellen Sätzen beachtet er die Metronomangaben rigoros und distanziert sich so von den allermeisten anderen Interpreten, die langsamer sind (viele davon weil sie die Musik wohl nicht schneller spielen können). Den langsamen Satz spielt Korstick freilich erheblich langsamer als von Beethoven gefordert und er unterstreicht, dass mit Beethovens Angabe höchstens ein 'Andante con moto' zu erreichen sei, aber niemals ein 'Adagio sostenuto'. Daher, so Korstick, habe er sich entschieden, in diesem Fall Beethovens Charakterangabe hierarchisch über die Metronomangabe zu stellen.
Das Resultat ist verblüffend, sowohl in den schnellen wie auch im langsamen Satz. Dabei wurde, immer laut Textheft, der langsame Satz nur ein einziges Mal eingespielt. Korstick fand, er habe in dem hier fast halbstündigen Stück nach einem einzigen Take alles so gesagt, wie er es haben wollte und beließ es dabei, sehr zum Entsetzen der Tontechniker, die mindestens gerne eine Sicherheitsaufnahme gehabt hätten.
Ein Vergleich der Spielzeiten zeigt, wo es hier lang geht: Brendel braucht für den ersten Satz des Opus 106 elf Minuten und 22 Sekunden, Korstick 8'59. Im 'Adagio sostenuto' stehen sich Zeiten von 17'46'' bei Brendel und 28'42'' bei Korstick gegenüber. Wer nun meint, da müsse die Musik doch bei Korstick auseinander brechen, der irrt. Dieses lange Adagio gewinnt hier an innerem Zusammenhalt, es spiegelt ein langes tiefes Nachdenken, es gibt wohl sehr treffend Beethovens Einsamkeit und seinen bei aller Störrischkeit so ausgeprägten Humanismus wieder. Wie im Zeitlupentempo zieht dieser Gedanke an uns vorbei, ernsthaft, gar nicht melancholisch, gar nicht sentimental, von Korstick mit einer genialen Kunst des Singens, des Abtönens und Abschattierens in der unendlichen Weite des musikalischen Raums zu Gehör gebracht.
Wer sich diese CD nicht kauft, ist sehr ärmer als der, der sie sein eigen nennt. RéF
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