-- Interview --
Interview mit dem Dirigenten Franz Welser-Möst

"Ein Kunstwerk muss sich in jeder Epoche aufs Neue beweisen"

- von Alain Steffen (Pizzicato 02/04) -

'Tannhäuser', 'Tristan und Isolde', 'Meistersinger', Sie haben diese drei Opern innerhalb kürzester Zeit hintereinander aufgeführt. Da kommt man dem Komponisten Richard Wagner doch sicherlich sehr nahe. Was bedeuten die Werke Wagners für Sie?

Die Musik von Richard Wagner beschäftigt mich schon seit längerer Zeit. Abgesehen von der Qualität seiner Kompositionen selbst, ist er ohne Zweifel einer der größten Visionäre der Operngeschichte. Wagner war ja nicht nur Musiker, sondern auch Dichter. Diese sehr spezielle Beziehung zwischen Wort und Ton ist etwas, auf das man immer ein großes Augenmerk legen muss. Der Fluss des Textes bestimmt das musikalische Tempo. Das ist etwas sehr Wesentliches! Text und Musik müssen zusammen stimmen. Es geht einzig und allein um das Gesamtkunstwerk. Dieses in den Mittelpunkt zu stellen, soll die Aufgabe jedes Interpreten sein. Außerdem müssen nicht nur wir uns unserem Kunstwerk beweisen, sondern auch das Kunstwerk muss sich in jeder Zeit, in jeder Epoche wiederum aufs Neue beweisen. Gerade das hält die Kunst am Leben.

Wie würden Sie die Zürcher Neuinszenierung der 'Meistersinger' von Nikolaus Lehnhoff beschreiben und inwieweit deckt sich diese mit Ihrem eigenen 'Meistersinger-Bild?

Lehnhoff betont in seiner Inszenierung, dass man die Meistersinger auf verschiedenen Ebenen verstehen soll; einerseits handelt es sich um eine Komödie und andererseits sind die 'Meistersinger' weit mehr als nur ein herkömmliches Lustspiel. Hier geht es vor allem um Begriffe wie Demokratie und Begeisterung für die Kunst. Insofern deckt sich Lehnhoffs Konzept völlig mit meinen Ansichten über diese doch sehr spezielle Oper von Richard Wagner.

Gerade die 'Meistersinger' haben heute noch immer unter dem Missbrauch durch die Nazis zu leiden. Kann man dagegen als Künstler eigentlich etwas tun? Wie politisch sollte ein Musiker als Interpret sein?

Ich bin der Meinung, dass man irgendwann auch fähig sein muss, ein Kapitel der Geschichte abzuschließen. Deshalb ist es gerade bei den 'Meistersingern' wichtig, dass wir wieder lernen, unvoreingenommen an dieses Werk heranzugehen und versuchen, den ursprünglichen Sinn, so wie Wagner ihn sah und wollte, wieder zugänglich zu machen. Das hat außer dem historischen Kontext mit Politik nicht viel zu tun. Und Parteipolitik hat ja nun in der Musik und in der gesamten Kunst überhaupt nichts verloren.

Wie stehen Sie zum Antisemitismus in Wagners Werk? Beckmesser wurde ja früher gerne als Judenkarikatur gesehen.

Wir wissen aus Wagners Briefen, dass die Figur des Beckmesser tatsächlich eine Karikatur ist, aber nicht des Juden, sondern allgemein des Deutschen. Später, in der Nazizeit, wurde diese Figur aber dazu missbraucht, den Juden als eine Witzfigur erscheinen zu lassen, die eben nichts in der elitären Gesellschaft der Meister und Künstler zu suchen hat und Schande über sie bringt. Aber das waren nie Wagners Absichten.

Ihr Kollege Kent Nagano hat mir vor kurzem in einem Gespräch gesagt, dass es momentan einen wahren Rush auf die Oper gibt und dass die Menschen das Live-Erlebnis regelrecht aufsuchen. Können Sie das bestätigen?

Meine Erfahrung als Opern- und Konzertdirigent zeigt, dass gerade heute die Menschen das direkte Erleben und Miterleben der Musik im Opernhaus oder im Konzertsaal brauchen. Vielleicht heute mehr als sonst. Und das hat wohl etwas mit unserer technisierten Welt zu tun.

Wie stehen Sie zum Repertoiretheater? Hat es noch etwas mit einer wahren künstlerischen Auseinandersetzung zu tun oder ist es eher gehobene Unterhaltung?

Sicher, die wirkliche künstlerische Auseinandersetzung findet nicht im Repertoiretheater statt. Aber Repertoiretheater ist trotzdem sehr wichtig, weil wir sonst in zwanzig Jahren kein breites Fundament an Sängernachwuchs mehr haben. Singen lernt man halt auf der Bühne und demnach ist die Bühne des Repertoiretheaters ein sehr wichtiger und guter Übungsplatz für die Sänger. Andererseits darf man nicht vergessen, dass es so viele verschiedene Publikumsschichten gibt und dass sich das Publikum eben nicht nur aus Kennern zusammensetzt, die ein Stück schon zigmal gesehen haben.

Wie sehen Sie den allgemeinen Zustand der Klassik-Branche? Man redet ja in der letzten Zeit viel von einer Krise.

Also für mich gibt es keine Krise in der Musikbranche an sich. Die vollen Opern- und Konzerthäuser belehren uns eines Besseren. Wenn wir von Krise reden, dann reden wir von einer Krise in der Medienbranche. Die gibt es tatsächlich, aber wiederum nicht nur in der Klassik, sondern auch in der Pop-Musik und in anderen Bereichen.

Seit kurzem sind Sie Chefdirigent des renommierten Cleveland Orchestra. Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Das Cleveland Orchestra wurde von Georg Szell zu einem Klangkörper der Weltklasse aufgebaut. Meine Vorgänger haben jeder für sich dieses Orchester auf ihre Art geprägt, mein direkter Vorgänger Christoph von Dohnanyi hat gezeigt, wie gut sich deutsche Tradition und modernes Interpretationsempfinden ergänzen. Auch ich will meine künstlerische Arbeit mehrspurig anlegen. Die Tradition, die ja sehr wichtig ist, gibt vor, dass wir uns wieder intensiv mit der Wiener Klassik und ihren Komponisten auseinandersetzen. Aber es ist auch für mich ungemein wichtig, dass wir uns in Cleveland mit der zeitgenössischen Musik beschäftigen und sie regelmäßig aufführen.

Konzert, Oper, Operette, Sie gelten als Allroundmusiker. Doch gibt es eine Musikrichtung, die Franz Welser-Möst nicht dirigieren mag?

Ich will das mal so sagen. In jeder Musikepoche gibt es erstklassige Werke und es gibt auch ganz sicher weniger gute Kompositionen. Deshalb versuche ich bei jeder Art von Musik sorgfältig auszuwählen und mich dabei auf die wirklich wertvollen Werke zu konzentrieren.

Gibt es Vorlieben im Repertoire?

Ich kann natürlich meine Herkunft und die Einflüsse, die mich geprägt haben, nicht verleugnen. Die Musik von Franz Schubert liegt mir besonders am Herzen, aber daneben habe ich vor allem eine besondere Beziehung zur französischen Musik.

Welches Konzert oder welche Opernaufführung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Das war 'Lulu' von Alban Berg, die wir vor drei Jahren hier in Zürich in der ursprünglichen zweiaktigen Fassung aufgeführt haben. Sven-Eric Bechtolf führte Regie, übrigens seine erste Opernregie, und für mich war diese Züricher 'Lulu' ein echtes Gesamtkunstwerk, weil hier wirklich alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben und für uns diese Aufführung hundertprozentig stimmte. (siehe unsere Besprechung im DVD-Teil dieser Ausgabe)

Soweit ich informiert bin, haben Sie mit behinderten Menschen zusammengearbeitet.

Ich betätige mich einfach als Botschafter für ein Institut für Behinderte in Österreich und versuche, durch verschiedene Aktionen Bewusstseinsbildung in der breiten Öffentlichkeit zu betreiben.

Wann wird das luxemburgische Publikum den Dirigenten Franz Welser-Möst zum ersten Mal erleben dürfen. Soviel ich weiß, sind Sie noch nie in Luxemburg aufgetreten?

Nein, ich war bisher noch nie in Luxemburg und habe, ehrlich gesagt, auch kein Bild von diesem Land. Aber das 'Cleveland Orchestra' und ich sind eingeladen, in zwei Jahren in Ihrer neuen Philharmonie ein Gastspiel zu geben.

Was werden Sie spielen?

An der Programmierung der Konzerte sind wir noch dran. Da steht im Augenblick noch nichts fest. Wenn das Programm steht, wird es dem Intendanten Matthias Naske rechtzeitig bekannt gegeben

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