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'Tannhäuser',
'Tristan und Isolde', 'Meistersinger', Sie haben diese drei
Opern innerhalb kürzester Zeit hintereinander aufgeführt.
Da kommt man dem Komponisten Richard Wagner doch sicherlich
sehr nahe. Was bedeuten die Werke Wagners für Sie?
Die Musik von Richard Wagner beschäftigt mich schon seit
längerer Zeit. Abgesehen von der Qualität seiner
Kompositionen selbst, ist er ohne Zweifel einer der größten
Visionäre der Operngeschichte. Wagner war ja nicht nur
Musiker, sondern auch Dichter. Diese sehr spezielle Beziehung
zwischen Wort und Ton ist etwas, auf das man immer ein großes
Augenmerk legen muss. Der Fluss des Textes bestimmt das musikalische
Tempo. Das ist etwas sehr Wesentliches! Text und Musik müssen
zusammen stimmen. Es geht einzig und allein um das Gesamtkunstwerk.
Dieses in den Mittelpunkt zu stellen, soll die Aufgabe jedes
Interpreten sein. Außerdem müssen nicht nur wir
uns unserem Kunstwerk beweisen, sondern auch das Kunstwerk
muss sich in jeder Zeit, in jeder Epoche wiederum aufs Neue
beweisen. Gerade das hält die Kunst am Leben.
Wie würden
Sie die Zürcher Neuinszenierung der 'Meistersinger' von
Nikolaus Lehnhoff beschreiben und inwieweit deckt sich diese
mit Ihrem eigenen 'Meistersinger-Bild?
Lehnhoff betont in seiner Inszenierung, dass man die Meistersinger
auf verschiedenen Ebenen verstehen soll; einerseits handelt
es sich um eine Komödie und andererseits sind die 'Meistersinger'
weit mehr als nur ein herkömmliches Lustspiel. Hier geht
es vor allem um Begriffe wie Demokratie und Begeisterung für
die Kunst. Insofern deckt sich Lehnhoffs Konzept völlig
mit meinen Ansichten über diese doch sehr spezielle Oper
von Richard Wagner.
Gerade die
'Meistersinger' haben heute noch immer unter dem Missbrauch
durch die Nazis zu leiden. Kann man dagegen als Künstler
eigentlich etwas tun? Wie politisch sollte ein Musiker als
Interpret sein?
Ich bin der Meinung, dass man irgendwann auch fähig sein
muss, ein Kapitel der Geschichte abzuschließen. Deshalb
ist es gerade bei den 'Meistersingern' wichtig, dass wir wieder
lernen, unvoreingenommen an dieses Werk heranzugehen und versuchen,
den ursprünglichen Sinn, so wie Wagner ihn sah und wollte,
wieder zugänglich zu machen. Das hat außer dem
historischen Kontext mit Politik nicht viel zu tun. Und Parteipolitik
hat ja nun in der Musik und in der gesamten Kunst überhaupt
nichts verloren.
Wie stehen
Sie zum Antisemitismus in Wagners Werk? Beckmesser wurde ja
früher gerne als Judenkarikatur gesehen.
Wir wissen aus Wagners Briefen, dass die Figur des Beckmesser
tatsächlich eine Karikatur ist, aber nicht des Juden,
sondern allgemein des Deutschen. Später, in der Nazizeit,
wurde diese Figur aber dazu missbraucht, den Juden als eine
Witzfigur erscheinen zu lassen, die eben nichts in der elitären
Gesellschaft der Meister und Künstler zu suchen hat und
Schande über sie bringt. Aber das waren nie Wagners Absichten.
Ihr Kollege
Kent Nagano hat mir vor kurzem in einem Gespräch gesagt,
dass es momentan einen wahren Rush auf die Oper gibt und dass
die Menschen das Live-Erlebnis regelrecht aufsuchen. Können
Sie das bestätigen?
Meine Erfahrung als Opern- und Konzertdirigent zeigt, dass
gerade heute die Menschen das direkte Erleben und Miterleben
der Musik im Opernhaus oder im Konzertsaal brauchen. Vielleicht
heute mehr als sonst. Und das hat wohl etwas mit unserer technisierten
Welt zu tun.
Wie stehen
Sie zum Repertoiretheater? Hat es noch etwas mit einer wahren
künstlerischen Auseinandersetzung zu tun oder ist es
eher gehobene Unterhaltung?
Sicher, die wirkliche künstlerische Auseinandersetzung
findet nicht im Repertoiretheater statt. Aber Repertoiretheater
ist trotzdem sehr wichtig, weil wir sonst in zwanzig Jahren
kein breites Fundament an Sängernachwuchs mehr haben.
Singen lernt man halt auf der Bühne und demnach ist die
Bühne des Repertoiretheaters ein sehr wichtiger und guter
Übungsplatz für die Sänger. Andererseits darf
man nicht vergessen, dass es so viele verschiedene Publikumsschichten
gibt und dass sich das Publikum eben nicht nur aus Kennern
zusammensetzt, die ein Stück schon zigmal gesehen haben.
Wie sehen Sie
den allgemeinen Zustand der Klassik-Branche? Man redet ja
in der letzten Zeit viel von einer Krise.
Also für mich gibt es keine Krise in der Musikbranche
an sich. Die vollen Opern- und Konzerthäuser belehren
uns eines Besseren. Wenn wir von Krise reden, dann reden wir
von einer Krise in der Medienbranche. Die gibt es tatsächlich,
aber wiederum nicht nur in der Klassik, sondern auch in der
Pop-Musik und in anderen Bereichen.
Seit kurzem
sind Sie Chefdirigent des renommierten Cleveland Orchestra.
Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Das Cleveland Orchestra wurde von Georg Szell zu einem Klangkörper
der Weltklasse aufgebaut. Meine Vorgänger haben jeder
für sich dieses Orchester auf ihre Art geprägt,
mein direkter Vorgänger Christoph von Dohnanyi hat gezeigt,
wie gut sich deutsche Tradition und modernes Interpretationsempfinden
ergänzen. Auch ich will meine künstlerische Arbeit
mehrspurig anlegen. Die Tradition, die ja sehr wichtig ist,
gibt vor, dass wir uns wieder intensiv mit der Wiener Klassik
und ihren Komponisten auseinandersetzen. Aber es ist auch
für mich ungemein wichtig, dass wir uns in Cleveland
mit der zeitgenössischen Musik beschäftigen und
sie regelmäßig aufführen.
Konzert, Oper,
Operette, Sie gelten als Allroundmusiker. Doch gibt es eine
Musikrichtung, die Franz Welser-Möst nicht dirigieren
mag?
Ich will das mal so sagen. In jeder Musikepoche gibt es erstklassige
Werke und es gibt auch ganz sicher weniger gute Kompositionen.
Deshalb versuche ich bei jeder Art von Musik sorgfältig
auszuwählen und mich dabei auf die wirklich wertvollen
Werke zu konzentrieren.
Gibt es Vorlieben
im Repertoire?
Ich kann natürlich meine Herkunft und die Einflüsse,
die mich geprägt haben, nicht verleugnen. Die Musik von
Franz Schubert liegt mir besonders am Herzen, aber daneben
habe ich vor allem eine besondere Beziehung zur französischen
Musik.
Welches Konzert
oder welche Opernaufführung ist Ihnen besonders im Gedächtnis
geblieben?
Das war 'Lulu' von Alban Berg, die wir vor drei Jahren hier
in Zürich in der ursprünglichen zweiaktigen Fassung
aufgeführt haben. Sven-Eric Bechtolf führte Regie,
übrigens seine erste Opernregie, und für mich war
diese Züricher 'Lulu' ein echtes Gesamtkunstwerk, weil
hier wirklich alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben
und für uns diese Aufführung hundertprozentig stimmte.
(siehe unsere Besprechung im DVD-Teil dieser Ausgabe)
Soweit ich
informiert bin, haben Sie mit behinderten Menschen zusammengearbeitet.
Ich betätige mich einfach als Botschafter für ein
Institut für Behinderte in Österreich und versuche,
durch verschiedene Aktionen Bewusstseinsbildung in der breiten
Öffentlichkeit zu betreiben.
Wann wird das
luxemburgische Publikum den Dirigenten Franz Welser-Möst
zum ersten Mal erleben dürfen. Soviel ich weiß,
sind Sie noch nie in Luxemburg aufgetreten?
Nein, ich war bisher noch nie in Luxemburg und habe, ehrlich
gesagt, auch kein Bild von diesem Land. Aber das 'Cleveland
Orchestra' und ich sind eingeladen, in zwei Jahren in Ihrer
neuen Philharmonie ein Gastspiel zu geben.
Was werden
Sie spielen?
An der Programmierung der Konzerte sind wir noch dran. Da
steht im Augenblick noch nichts fest. Wenn das Programm steht,
wird es dem Intendanten Matthias Naske rechtzeitig bekannt
gegeben
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