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Christoph König wird neuer Chefdirigent
der Solistes Européens. Nach einigen erfolgreichen
Konzerten mit dem Orchester entschied sich die Leitung der
Luxemburger Formation, den jungen deutschen Dirigenten als
Nachfolger von Jack Martin Händler zu engagieren. König
ist auch Chefdirigent des Orquestra Nacional do Porto und
zudem als Gastdirigent in ganz Europa gefragt. Der aus Dresden
stammende Preisträger der Herbert von Karajan Stiftung
übernimmt das Amt des Chefdirigenten der SEL am 1. September
d.J. für zunächst drei Jahre. Alain Steffen hat
sich mit ihm unterhalten.
Herr König,
Ihr künstlerischer Werdegang über den Korrepetitor
und den Kapellmeister bis hin zum Opern- und Konzertdirigenten
erinnert an den Weg, den die großen Dirigenten früher
gegangen sind, den heute aber nur noch die wenigsten einschlagen.
In deutschsprachigen Landen ist dieser Weg auch heute noch
der übliche, nur, dass viele Dirigenten, die ihn einschlagen,
dem großen Publikum möglicherweise nicht so bekannt
sind oder nicht so häufig internationale Aufmerksamkeit
erlangen. Ich bin in Dresden aufgewachsen, und für mich
war der Weg vom Korrepetitor über den Kapellmeister nichts
Außergewöhnliches, sondern natürlich und auch
gesund für meine künstlerische Entwicklung, für
das behutsame Wachsen meiner Erfahrungen.
Heutzutage führt der übergeordnete Prozess des von
den Medien geförderten Starrummels dazu, dass Götter
erschaffen werden müssen. Und schnell!!! Ich habe den
Eindruck, dass dieser Prozess nicht immer auf Qualität
baut, sondern sich vermehrt den Gesetzen des Marketings unterwirft.
Dass das so ist, liegt womöglich daran, dass die wirkliche
Leistung, die ein Dirigent erbringt, nur ganz schwer und von
wenigen zu beurteilen ist. In einem Konzert hört man
das Resultat vieler kleiner Details. Die Form des Orchesters,
die Beziehung zwischen Orchester und Dirigent, die Akustik,
die Atmosphäre, die klimatischen Bedingungen, die Vorschusslorbeeren
und Rezensionen, der Nimbus, auch die Energie und Physis des
Dirigenten, das alles spielt eine Rolle.
Die Arbeit des Dirigierens immer klar zu benennen und abzugrenzen,
fällt selbst mir schwer. Für mich ist der Dirigent
in erster Linie ein Künstler, der bewusst versucht, den
musikalischen und philosophischen Dingen auf den Grund zu
gehen und die Botschaft der Musik und des Komponisten zu begreifen.
Wenn er das seinem Orchester vermitteln kann, muss er nicht
unbedingt technisch sehr versiert sein. Natürlich ist
es hilfreich, denn es verkürzt die Zeit. Jeder Musiker
wird Ihnen sagen, dass das Dirigieren an sich ein ganz einfacher
Prozess ist. Es ist Übertragung. Wenn Sie den Musikern
durch Ihre Gestik geschickt und präzise das vermitteln
können, was Sie von ihnen wollen, dann führt das
auch relativ schnell zu einem Ergebnis. Und der Zauber, um
den es letzten Endes geht, entsteht erst in der Kommunikation
zwischen Dirigent und Orchester, zwischen den Musikern, wenn
sie musizieren, und zwischen Orchester und Publikum.
Sie haben unter
anderem bei Sergiu Celibidache und Sir Colin Davis studiert,
also bei zwei sehr unterschiedlichen Dirigenten. Was haben
Sie von beiden gelernt?
Celibidache war eine faszinierende Persönlichkeit mit
der Aura des großen alten Mannes, aber im engeren Sinne
gelernt habe ich bei ihm nicht viel, weil ich vermute, dass
er an dem Vermittlungsprozess mit jungen Dirigenten und Musikern
nicht sonderlich interessiert war. Es war schon eine Enttäuschung
zu sehen, wie er sich selbst inszenierte und genoss, aber
Neugier für uns junge Schafe nicht wirklich aufzubringen
bereit war. Es gab manchmal fast surrealistische Szenen: Celibidache
als Buddha im Kraftzentrum der Elemente, in mitten eines Kreises
von Epigonen. Aber die Fäden eines Buddhas spann er nicht.
Leider!
Bei Colin Davis war das anders, da hat mich die Flexibilität
und Geschmeidigkeit beeindruckt. Es war ein leichtes Musizieren,
das er dem Orchester vermittelte. Unter ihm spielten die Musiker
total entspannt und unverkrampft. Auch wenn es mal hektischer
zuging, Davis vermittelte immer Ausgeglichenheit. Ich erinnere
mich an eine Aufführung von 'Figaro', in der das Zusammenspiel
im Orchester plötzlich sehr gefährdet war. Davis
reagierte blitzartig und brachte mit energischen, kapellmeisterlichen
Gesten schnell wieder alles ins Lot. Dann ließ er die
Zügel wieder locker und die Vorstellung entspannt weiterlaufen.
Sicher ist es bei einem Orchester wie der Staatskapelle Dresden
einfacher als bei manchen anderen, sich im Dirigat auf die
musikalische und weniger auf die organisatorisch-technische
Seite zu konzentrieren. Doch es ist gerade das, was einen
guten Dirigenten ausmacht. Es gibt viele, die Karriere machen,
obwohl sie auf dem Podium überwiegend Gymnastik betreiben.
Natürlich nimmt der unbedachte Konzertgeher als Können
des Dirigenten vor allem dessen Show und Choreographie wahr.
Ich meine gar nicht so sehr die physische Präsenz, das
Charisma, die Ausstrahlung, von der ein Dirigent doch etwas
haben sollte. Ich meine vor allem das wilde und musikalisch
unmotivierte Rumhampeln. Letzten Endes spielt das Orchester
bei weniger Rumhampeln meistens viel schöner, nur wird
das in der Öffentlichkeit und im Publikum weniger registriert.
Das liegt sicher daran, dass der Mensch optisch viel schneller
wahrnimmt als akustisch. Aber diese Show hat es bei Colin
Davis, Celibidache, Carlos Kleiber oder Bernard Haitink nie
in diesem Maße gegeben.
Worin besteht
eigentlich der Zauber beim Dirigieren? Was passiert da, beim
Dirigenten, beim Orchester, beim Publikum?
Also, wenn ich dieses Rätsel vollständig lösen
könnte, würde sich vielleicht unser Beruf teilweise
überflüssig machen: ich weiß es selbst nicht.
Ich vermute schon, dass ein Teil der vorhin genannten öffentlichen
Machtausübung eine Rolle spielt. Die eine anziehende
Wirkung auf Teile des Publikums haben kann. Aber das hat ja
alles gar nichts mit der Musik zu tun. Es verwischt sich auch
die Grenze: Gehe ich ins Konzert, weil ich den gutaussehenden,
energischen jungen Dirigenten 'sehen' oder das Orchester und
die Musik 'hören' und 'spüren' möchte? Überhaupt
vermischen sich da die Funktionen; ist das Konzert dafür
da, schöne oder anregende Musik in einem ebensolchen
Rahmen zu hören, oder gibt es da noch das gesellschaftliche
Element, gesehen zu werden und Anderen zu begegnen, ein bisschen
Show, ein bisschen Zirkus, ein bisschen Abwechslung …
?
Wenn ich selbst auf der Bühne stehe, mache ich mir über
diese Dinge naturgemäß keine Gedanken: ich habe
keine Zeit dafür, und die künstlerische Anspannung
lässt es auch nicht zu. Beim Dirigieren empfinde ich
als den größten Zauber, wenn es mir gelingt, meine
Vorstellungen gänzlich ohne Reibungsverluste auf das
Orchester und dann auf das Publikum zu übertragen. Ein
Beispiel: In der 2. Symphonie von Rachmaninov gibt es im langsamen
Satz eine Fermate; ich habe erlebt, wie das ganze Orchester
mit mir innehielt, ich habe die Pause und die Stille und Spannung
ausgekostet, wie es nur irgend ging, und ich habe mit dem
Rücken zum Publikum gespürt, wie allen der Atem
stockte. Das ist der Himmel, das sind die kostbaren Momente!
Sie sind momentan
Chefdirigent des Orquestra Nacional do Porto, vorher hatten
Sie den gleichen Posten beim Orchester in Malmö. Unterscheiden
sich die Mentalitäten dieser Orchester, die ja aus zwei
sehr unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, wesentlich voneinander?
Da, wo die Arbeit des Dirigenten mit dem Orchester im Kern
ansetzt, gibt es überhaupt keinen Unterschied. Darüber
hinaus muss man auch der Tatsache ins Auge sehen, dass es
heute die typisch regional besetzten Orchester nicht mehr
gibt. Beim Orchester in Porto beispielsweise kommen die Musiker
aus 22 verschiedenen Ländern. Malmö ist zwar etwas
homogener, aber auch da ist die Besetzung international. Es
gibt sicherlich Unterschiede in den tangierenden Elementen,
wie z.B. der Disziplin in den Proben. Aber wenn man ein Orchester
kennt, dann kennt man auch die Innenspannung des Ensembles.
Das Orchester in Porto ist montags immer hervorragend aufgelegt,
dienstags aber gibt es dort meistens einen Durchhänger.
Die Musiker in Porto brauchen daher öfters eine strenge
Hand, weil sonst die Disziplin leiden kann. Daher kann ein
Gastdirigent, der das Orchester in Porto nicht kennt, auf
Schwierigkeiten stoßen. In Schweden machte ich andere
Erfahrungen: da war die Disziplin innerhalb des Orchesters
immer exzellent, aber vielleicht waren manche Konzerte nicht
so lebendig...
Und wie verhält
sich das bei einem Ad hoc Orchester wie den Solistes Européens
Luxembourg, also bei Musikern, die nur für bestimmte
Projekte zusammenkommen?
Auch ohne die Permanenz haben Ad-hoc-Orchester oft ihre eigene
Persönlichkeit, zumal wenn sie regelmäßig
zusammenarbeiten, und ich spüre das sehr gut bei den
Solistes Européens. Das ist ja eine Truppe, die schon
viele Jahre zusammenspielt und die sich sehr gut kennt. Sicher,
es fallen auch mal Musiker weg und es kommen neue hinzu, aber
das ist in anderen Ensembles nicht anders. Man darf auch nicht
vergessen, dass alle Musiker in anderen Spitzenorchestern
spielen und deshalb schon ein hohes musikalisches Niveau mitbringen.
Und die Solistes Européens haben im Laufe der Jahre
eine Tradition aufgebaut, die ungemein musikantisch ist und
das kammermusikalische Prinzip, nämlich das des aufeinander
Hörens, auf wunderbare Weise umsetzt. Und ich muss sagen,
es war genau diese Qualität des Zusammenmusizierens,
die die Sache für mich interessant macht. Ich kann die
musikalische und spielerische Qualität der Solistes Européens
Luxembourg guten Gewissens mit einem Mahler Chamber Orchestra
vergleichen. Das Niveau ist identisch. Nur sind wir noch nicht
so bekannt wie das Mahler Chamber Orchestra. Aber daran wird
sich sicherlich in den nächsten Jahren etwas ändern.
Vor allem erkennt das hiesige Publikum, das durch die international
bekannten Ensembles verwöhnt ist, welches orchestrale
Schmuckstück Luxemburg mit den SEL besitzt. Und diese
Tradition, die das Orchester heute aufweist, hat es Jack-Martin
Händler zu verdanken, der das Ensemble seit seiner Gründung
1989 als Chefdirigent geleitet und geprägt hat.
Wie erleben
Sie als Dirigent die doch stark mediatisierte Krise in der
Musik?
Na ja, wenn ich es kurz und salopp sagen darf: Nur der mediatisierte
Teil des Musiklebens ist in der Krise – die Musik gar
nicht. Wenn man von Krise spricht, dann sollte man vielleicht
etwas differenzieren. Ich glaube, es gibt keine Krise der
klassischen Musik, es gibt nur eine Krise des Geschäftes
mit der klassischen Musik, also der Schallplattenindustrie.
Und diese Schallplattenindustrie, die ja überleben will,
muss zwangsläufig nach neuen Wegen, sprich Einnahmequellen
suchen. Und dann kommt es vor, dass sich hochkarätige
Musiker zu zumindest diskutierbaren Cross-Over-Produktionen
überreden lassen und von den Musikkennern und -liebhabern
stark kritisiert werden.
Aber der Markt ist einfach komplett übersättigt.
Ein Beispiel: Als das Antrittskonzert von Simon Rattle bei
den Berliner Philharmonikern mit Gustav Mahlers 5. Symphonie
aufgenommen und anschließend vermarktet wurde, verkaufte
sich die CD – wir müssen bedenken, wir haben es
hier mit dem Top-Ereignis der Musikwelt und einem sehr dankbaren
Werk zu tun – in Nordamerika nur achthundert Mal. Rechnet
man noch geschätzte 4000 Kopien in Europa dazu, sind
es ca. 5.000 Stück. Das weltweite Interesse nimmt einfach
ab, und diese Tendenz ist auch verständlich. Wir haben
doch heute die Qual der Wahl. Es gibt heute so viele gute
Aufnahmen von Mahlers Fünfter, dass selbst der Mitschnitt
eines einmaligen Ereignisses kaum noch jemanden vom Hocker
reißt. Auf der anderen Seite führt dieser Überfluss
- übrigens in allen Bereichen - dazu, dass die Menschen
die Orientierung verlieren. Und so muss fast jedes Produkt
mit marktschreierischen und extremen Methoden angeboten werden,
um überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Und das marktschreierischste,
aber mit Sicherheit nicht beste Angebot gewinnt. Wenn überhaupt!
Möglicherweise stehen wir kurz vor dem Aus der Schallplattenindustrie
im klassischen, uns vertrauten Sinne.
Erstaunlicherweise zeichnet sich diese Krise im Konzertbetrieb
überhaupt nicht ab. Das Angebot ist enorm und die Konzertsäle
sind voll. Und die Musik ist ja ursprünglich für
das Live-Erlebnis geschrieben, war früher in erster Linie
als Unterhaltung gedacht. Auf einer CD wird meines Erachtens
nach der wesentliche Teil, nämlich die menschliche Komponente
der Kommunikation und Dynamik, komplett ausgeblendet. Und
somit kann keine CD je ein Konzerterlebnis ersetzen. Und überhaupt:
Musik hat es immer gegeben, sie hat es nie nötig gehabt,
aufgenommen und künstlich konserviert zu werden. Insofern
ist das langsame Sterben der Schallplattenindustrie nicht
so beklagenswert, wie die Schallplattenindustrie uns weismachen
will. Diese Industrie ist in einer Zeit entstanden, als man
die Aufnahmetechnik entdeckte, sie hat einen erstaunlichen
Aufschwung in der Klassik mit Toscanini und später mit
Karajan genommen, sie hat ihren zweiten Frühling mit
der Einführung der Compact Disc erlebt, und jetzt hat
sie sich entbehrlich gemacht durch Gier und durch die Überschwemmung
des Marktes mit einer Unzahl neuer, junger oder extravaganter
Künstler, so dass der normale Verbraucher den Überblick
verloren hat. Also: Auf, in die Konzerte!
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