-- Interview --
Christoph König: Auf, in die Konzerte!

- Ein Gespräch von Alain Steffen mit dem neuen Chefdirigenten der Solistes Européens Luxembourg (Pizzicato 02/10) -

Christoph König wird neuer Chefdirigent der Solistes Européens. Nach einigen erfolgreichen Konzerten mit dem Orchester entschied sich die Leitung der Luxemburger Formation, den jungen deutschen Dirigenten als Nachfolger von Jack Martin Händler zu engagieren. König ist auch Chefdirigent des Orquestra Nacional do Porto und zudem als Gastdirigent in ganz Europa gefragt. Der aus Dresden stammende Preisträger der Herbert von Karajan Stiftung übernimmt das Amt des Chefdirigenten der SEL am 1. September d.J. für zunächst drei Jahre. Alain Steffen hat sich mit ihm unterhalten.

Herr König, Ihr künstlerischer Werdegang über den Korrepetitor und den Kapellmeister bis hin zum Opern- und Konzertdirigenten erinnert an den Weg, den die großen Dirigenten früher gegangen sind, den heute aber nur noch die wenigsten einschlagen.

In deutschsprachigen Landen ist dieser Weg auch heute noch der übliche, nur, dass viele Dirigenten, die ihn einschlagen, dem großen Publikum möglicherweise nicht so bekannt sind oder nicht so häufig internationale Aufmerksamkeit erlangen. Ich bin in Dresden aufgewachsen, und für mich war der Weg vom Korrepetitor über den Kapellmeister nichts Außergewöhnliches, sondern natürlich und auch gesund für meine künstlerische Entwicklung, für das behutsame Wachsen meiner Erfahrungen.
Heutzutage führt der übergeordnete Prozess des von den Medien geförderten Starrummels dazu, dass Götter erschaffen werden müssen. Und schnell!!! Ich habe den Eindruck, dass dieser Prozess nicht immer auf Qualität baut, sondern sich vermehrt den Gesetzen des Marketings unterwirft. Dass das so ist, liegt womöglich daran, dass die wirkliche Leistung, die ein Dirigent erbringt, nur ganz schwer und von wenigen zu beurteilen ist. In einem Konzert hört man das Resultat vieler kleiner Details. Die Form des Orchesters, die Beziehung zwischen Orchester und Dirigent, die Akustik, die Atmosphäre, die klimatischen Bedingungen, die Vorschusslorbeeren und Rezensionen, der Nimbus, auch die Energie und Physis des Dirigenten, das alles spielt eine Rolle.
Die Arbeit des Dirigierens immer klar zu benennen und abzugrenzen, fällt selbst mir schwer. Für mich ist der Dirigent in erster Linie ein Künstler, der bewusst versucht, den musikalischen und philosophischen Dingen auf den Grund zu gehen und die Botschaft der Musik und des Komponisten zu begreifen. Wenn er das seinem Orchester vermitteln kann, muss er nicht unbedingt technisch sehr versiert sein. Natürlich ist es hilfreich, denn es verkürzt die Zeit. Jeder Musiker wird Ihnen sagen, dass das Dirigieren an sich ein ganz einfacher Prozess ist. Es ist Übertragung. Wenn Sie den Musikern durch Ihre Gestik geschickt und präzise das vermitteln können, was Sie von ihnen wollen, dann führt das auch relativ schnell zu einem Ergebnis. Und der Zauber, um den es letzten Endes geht, entsteht erst in der Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester, zwischen den Musikern, wenn sie musizieren, und zwischen Orchester und Publikum.

Sie haben unter anderem bei Sergiu Celibidache und Sir Colin Davis studiert, also bei zwei sehr unterschiedlichen Dirigenten. Was haben Sie von beiden gelernt?

Celibidache war eine faszinierende Persönlichkeit mit der Aura des großen alten Mannes, aber im engeren Sinne gelernt habe ich bei ihm nicht viel, weil ich vermute, dass er an dem Vermittlungsprozess mit jungen Dirigenten und Musikern nicht sonderlich interessiert war. Es war schon eine Enttäuschung zu sehen, wie er sich selbst inszenierte und genoss, aber Neugier für uns junge Schafe nicht wirklich aufzubringen bereit war. Es gab manchmal fast surrealistische Szenen: Celibidache als Buddha im Kraftzentrum der Elemente, in mitten eines Kreises von Epigonen. Aber die Fäden eines Buddhas spann er nicht. Leider!
Bei Colin Davis war das anders, da hat mich die Flexibilität und Geschmeidigkeit beeindruckt. Es war ein leichtes Musizieren, das er dem Orchester vermittelte. Unter ihm spielten die Musiker total entspannt und unverkrampft. Auch wenn es mal hektischer zuging, Davis vermittelte immer Ausgeglichenheit. Ich erinnere mich an eine Aufführung von 'Figaro', in der das Zusammenspiel im Orchester plötzlich sehr gefährdet war. Davis reagierte blitzartig und brachte mit energischen, kapellmeisterlichen Gesten schnell wieder alles ins Lot. Dann ließ er die Zügel wieder locker und die Vorstellung entspannt weiterlaufen. Sicher ist es bei einem Orchester wie der Staatskapelle Dresden einfacher als bei manchen anderen, sich im Dirigat auf die musikalische und weniger auf die organisatorisch-technische Seite zu konzentrieren. Doch es ist gerade das, was einen guten Dirigenten ausmacht. Es gibt viele, die Karriere machen, obwohl sie auf dem Podium überwiegend Gymnastik betreiben. Natürlich nimmt der unbedachte Konzertgeher als Können des Dirigenten vor allem dessen Show und Choreographie wahr. Ich meine gar nicht so sehr die physische Präsenz, das Charisma, die Ausstrahlung, von der ein Dirigent doch etwas haben sollte. Ich meine vor allem das wilde und musikalisch unmotivierte Rumhampeln. Letzten Endes spielt das Orchester bei weniger Rumhampeln meistens viel schöner, nur wird das in der Öffentlichkeit und im Publikum weniger registriert. Das liegt sicher daran, dass der Mensch optisch viel schneller wahrnimmt als akustisch. Aber diese Show hat es bei Colin Davis, Celibidache, Carlos Kleiber oder Bernard Haitink nie in diesem Maße gegeben.

Worin besteht eigentlich der Zauber beim Dirigieren? Was passiert da, beim Dirigenten, beim Orchester, beim Publikum?

Also, wenn ich dieses Rätsel vollständig lösen könnte, würde sich vielleicht unser Beruf teilweise überflüssig machen: ich weiß es selbst nicht. Ich vermute schon, dass ein Teil der vorhin genannten öffentlichen Machtausübung eine Rolle spielt. Die eine anziehende Wirkung auf Teile des Publikums haben kann. Aber das hat ja alles gar nichts mit der Musik zu tun. Es verwischt sich auch die Grenze: Gehe ich ins Konzert, weil ich den gutaussehenden, energischen jungen Dirigenten 'sehen' oder das Orchester und die Musik 'hören' und 'spüren' möchte? Überhaupt vermischen sich da die Funktionen; ist das Konzert dafür da, schöne oder anregende Musik in einem ebensolchen Rahmen zu hören, oder gibt es da noch das gesellschaftliche Element, gesehen zu werden und Anderen zu begegnen, ein bisschen Show, ein bisschen Zirkus, ein bisschen Abwechslung … ?
Wenn ich selbst auf der Bühne stehe, mache ich mir über diese Dinge naturgemäß keine Gedanken: ich habe keine Zeit dafür, und die künstlerische Anspannung lässt es auch nicht zu. Beim Dirigieren empfinde ich als den größten Zauber, wenn es mir gelingt, meine Vorstellungen gänzlich ohne Reibungsverluste auf das Orchester und dann auf das Publikum zu übertragen. Ein Beispiel: In der 2. Symphonie von Rachmaninov gibt es im langsamen Satz eine Fermate; ich habe erlebt, wie das ganze Orchester mit mir innehielt, ich habe die Pause und die Stille und Spannung ausgekostet, wie es nur irgend ging, und ich habe mit dem Rücken zum Publikum gespürt, wie allen der Atem stockte. Das ist der Himmel, das sind die kostbaren Momente!

Sie sind momentan Chefdirigent des Orquestra Nacional do Porto, vorher hatten Sie den gleichen Posten beim Orchester in Malmö. Unterscheiden sich die Mentalitäten dieser Orchester, die ja aus zwei sehr unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, wesentlich voneinander?

Da, wo die Arbeit des Dirigenten mit dem Orchester im Kern ansetzt, gibt es überhaupt keinen Unterschied. Darüber hinaus muss man auch der Tatsache ins Auge sehen, dass es heute die typisch regional besetzten Orchester nicht mehr gibt. Beim Orchester in Porto beispielsweise kommen die Musiker aus 22 verschiedenen Ländern. Malmö ist zwar etwas homogener, aber auch da ist die Besetzung international. Es gibt sicherlich Unterschiede in den tangierenden Elementen, wie z.B. der Disziplin in den Proben. Aber wenn man ein Orchester kennt, dann kennt man auch die Innenspannung des Ensembles. Das Orchester in Porto ist montags immer hervorragend aufgelegt, dienstags aber gibt es dort meistens einen Durchhänger. Die Musiker in Porto brauchen daher öfters eine strenge Hand, weil sonst die Disziplin leiden kann. Daher kann ein Gastdirigent, der das Orchester in Porto nicht kennt, auf Schwierigkeiten stoßen. In Schweden machte ich andere Erfahrungen: da war die Disziplin innerhalb des Orchesters immer exzellent, aber vielleicht waren manche Konzerte nicht so lebendig...

Und wie verhält sich das bei einem Ad hoc Orchester wie den Solistes Européens Luxembourg, also bei Musikern, die nur für bestimmte Projekte zusammenkommen?

Auch ohne die Permanenz haben Ad-hoc-Orchester oft ihre eigene Persönlichkeit, zumal wenn sie regelmäßig zusammenarbeiten, und ich spüre das sehr gut bei den Solistes Européens. Das ist ja eine Truppe, die schon viele Jahre zusammenspielt und die sich sehr gut kennt. Sicher, es fallen auch mal Musiker weg und es kommen neue hinzu, aber das ist in anderen Ensembles nicht anders. Man darf auch nicht vergessen, dass alle Musiker in anderen Spitzenorchestern spielen und deshalb schon ein hohes musikalisches Niveau mitbringen. Und die Solistes Européens haben im Laufe der Jahre eine Tradition aufgebaut, die ungemein musikantisch ist und das kammermusikalische Prinzip, nämlich das des aufeinander Hörens, auf wunderbare Weise umsetzt. Und ich muss sagen, es war genau diese Qualität des Zusammenmusizierens, die die Sache für mich interessant macht. Ich kann die musikalische und spielerische Qualität der Solistes Européens Luxembourg guten Gewissens mit einem Mahler Chamber Orchestra vergleichen. Das Niveau ist identisch. Nur sind wir noch nicht so bekannt wie das Mahler Chamber Orchestra. Aber daran wird sich sicherlich in den nächsten Jahren etwas ändern. Vor allem erkennt das hiesige Publikum, das durch die international bekannten Ensembles verwöhnt ist, welches orchestrale Schmuckstück Luxemburg mit den SEL besitzt. Und diese Tradition, die das Orchester heute aufweist, hat es Jack-Martin Händler zu verdanken, der das Ensemble seit seiner Gründung 1989 als Chefdirigent geleitet und geprägt hat.

Wie erleben Sie als Dirigent die doch stark mediatisierte Krise in der Musik?

Na ja, wenn ich es kurz und salopp sagen darf: Nur der mediatisierte Teil des Musiklebens ist in der Krise – die Musik gar nicht. Wenn man von Krise spricht, dann sollte man vielleicht etwas differenzieren. Ich glaube, es gibt keine Krise der klassischen Musik, es gibt nur eine Krise des Geschäftes mit der klassischen Musik, also der Schallplattenindustrie. Und diese Schallplattenindustrie, die ja überleben will, muss zwangsläufig nach neuen Wegen, sprich Einnahmequellen suchen. Und dann kommt es vor, dass sich hochkarätige Musiker zu zumindest diskutierbaren Cross-Over-Produktionen überreden lassen und von den Musikkennern und -liebhabern stark kritisiert werden.
Aber der Markt ist einfach komplett übersättigt. Ein Beispiel: Als das Antrittskonzert von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern mit Gustav Mahlers 5. Symphonie aufgenommen und anschließend vermarktet wurde, verkaufte sich die CD – wir müssen bedenken, wir haben es hier mit dem Top-Ereignis der Musikwelt und einem sehr dankbaren Werk zu tun – in Nordamerika nur achthundert Mal. Rechnet man noch geschätzte 4000 Kopien in Europa dazu, sind es ca. 5.000 Stück. Das weltweite Interesse nimmt einfach ab, und diese Tendenz ist auch verständlich. Wir haben doch heute die Qual der Wahl. Es gibt heute so viele gute Aufnahmen von Mahlers Fünfter, dass selbst der Mitschnitt eines einmaligen Ereignisses kaum noch jemanden vom Hocker reißt. Auf der anderen Seite führt dieser Überfluss - übrigens in allen Bereichen - dazu, dass die Menschen die Orientierung verlieren. Und so muss fast jedes Produkt mit marktschreierischen und extremen Methoden angeboten werden, um überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Und das marktschreierischste, aber mit Sicherheit nicht beste Angebot gewinnt. Wenn überhaupt!
Möglicherweise stehen wir kurz vor dem Aus der Schallplattenindustrie im klassischen, uns vertrauten Sinne.
Erstaunlicherweise zeichnet sich diese Krise im Konzertbetrieb überhaupt nicht ab. Das Angebot ist enorm und die Konzertsäle sind voll. Und die Musik ist ja ursprünglich für das Live-Erlebnis geschrieben, war früher in erster Linie als Unterhaltung gedacht. Auf einer CD wird meines Erachtens nach der wesentliche Teil, nämlich die menschliche Komponente der Kommunikation und Dynamik, komplett ausgeblendet. Und somit kann keine CD je ein Konzerterlebnis ersetzen. Und überhaupt: Musik hat es immer gegeben, sie hat es nie nötig gehabt, aufgenommen und künstlich konserviert zu werden. Insofern ist das langsame Sterben der Schallplattenindustrie nicht so beklagenswert, wie die Schallplattenindustrie uns weismachen will. Diese Industrie ist in einer Zeit entstanden, als man die Aufnahmetechnik entdeckte, sie hat einen erstaunlichen Aufschwung in der Klassik mit Toscanini und später mit Karajan genommen, sie hat ihren zweiten Frühling mit der Einführung der Compact Disc erlebt, und jetzt hat sie sich entbehrlich gemacht durch Gier und durch die Überschwemmung des Marktes mit einer Unzahl neuer, junger oder extravaganter Künstler, so dass der normale Verbraucher den Überblick verloren hat. Also: Auf, in die Konzerte!

© copyright 2010 Artevents