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Das bekannte und hoch geschätzte Carmina
Quartett ist eine der spannendsten Kammermusik-Formationen
unserer Zeit. Alain Steffen hat zwei Musiker des Quartetts
Matthias Enderle, Violine, und Wendy Champney, Viola, für
ein Interview getroffen.
Haydn wird als einer der Begründer
der Gattung Streichquartett angesehen. Wie es ist überhaupt
zu dieser Instrumentenkonstellation gekommen?
M.E.: Ich glaube, Haydns besonderer Verdienst
beim Quartett liegt darin, dass er es fertiggebracht hat,
vier Musiker zu einem Dialog zu bringen und sie zu gleichwertigen
Partnern zu machen. Quartettmusik bedeutet einen hundertprozentigen
Einsatz von jedem. Um die Dynamik in einem Quartett zu gewährleisten,
müssen alle vier Musiker auf der Höhe und total
konzentriert sein. Das war in der damaligen Zeit etwas völlig
Neues, denn die Musik diente hauptsächlich zur Unterhaltung.
Und plötzlich bekamen die Musiker Musik zu sehen und
zu spielen, die ganz anders war. Und ich glaube, das erklärt
auch den ungeheuren Aufschwung dieser Gattung. Das Quartett
war nicht die Pflicht, sondern die Kür.
Haydn hat ja
auch die viersätzige Satzform eingeführt. Entsprang
das einer gewissen Logik oder war das doch eher zufällig?
M.E.: Ich bin zwar kein Musikwissenschaftler,
aber ich glaube, diese viersätzige Form hat sich bei
Haydn auf natürliche Weise aus dem Divertimento ergeben.
Aber nicht nur. Haydn hatte ja offene Ohren und er nahm alles
auf, was auch in der übrigen Musikwelt geschah. Bei ihm
kamen eigentlich alle Einflüsse zusammen, so dass man
in der Kammermusik wie auch in seinen Symphonien Merkmale
verschiedener Richtungen und Stile wiederfindet. Aus der Volksmusik
eben, aus dem Divertimento, dessen Tanzsatz, das Menuett,
sich später zum Scherzo weiterentwickelte, aus der barocken,
dreisätzigen italienischen Sinfonia. Diese Entwicklung
war fließend, war also nicht eine Entdeckung, die ab
einem bestimmten Moment ihre Gültigkeit bekam.
Man sagt ja,
das Streichquartett sei die Königsklasse der Musik, und
trotzdem beginnt diese Gattung nach Beethoven und Schubert
langsam an Attraktivität zu verlieren. Ist das nicht
ein Widerspruch?
M.E.: In der Mitte des 19. Jahrhunderts war
das Thema Streichquartett fürs Erste einmal ausgereizt.
Die Komponisten konzentrierten sich damals eher auf das Medium
Symphonie, das ihnen andere reizvolle Perspektiven eröffnete.
Die Musikinstrumente wurden besser und die Gattung Symphonie
bot den Komponisten eine Vielzahl an Möglichkeiten. Das
Zeitalter der Romantik spiegelt sich demnach auf schönste
Weise in der Symphonie. So wie Beethoven das Quartett bis
an seine emotionalen Grenzen brachte, so taten es Bruckner
und vor allem Mahler mit der Symphonie. Mit Schönbergs
Gurreliedern bäumte sich diese Post-Romantik ein letztes
Mal auf und mit der zweiten Wiener Schule begann wiederum
eine neue Ära, die wiederum die Grundlage für eine
Wiedergeburt des Quartetts legte.
Oft hat man
gerade bei guten Quartettformationen den Eindruck, als würden
sie während dem Spiel improvisieren.
W. Ch.: Für einen Kammermusiker ist
es natürlich das Höchste, wenn sein Spiel so frei
und ungezwungen ist, als würde es im Moment selbst erst
entstehen. Als Quartett streben wir diese Freiheit an, aber
es gibt immer wieder Diskussionen, wann und wo man es wirklich
tun kann. Um diese Improvisationsfreiheit im Spiel zu erlangen,
ist bei einem Quartett eine zwiespältige Sache, denn
man muss genau wissen, was der andere tut und wo er hin will.
Und das muss vorher dann wieder abgesprochen werden, um sich
nicht beim Live-Konzert kräftig zu verzetteln. Bei einer
CD-Aufnahme ist das nicht so schlimm, da kann man experimentieren,
weil man es nachher wieder herausschneiden kann. Wenn man
ein Werk einprobt und es regelmäßig spielt, ergeben
sich schon gewisse Freiheiten und Improvisationsmomente, die
sich während dem Spiel ganz natürlich einstellen.
Aber das geht nur, wenn man sich als Ensemble hundertprozentig
kennt und vertraut. Gott sei dank haben die meisten Komponisten
immer wieder Stellen in ihren Werken so komponiert, dass man
der Musik freien Lauf lassen kann und sich selbst als Interpreten
persönlich stärker mit einbringen kann.
M. E.: Aber man muss aufpassen, dass man
sich nicht zum Clown des Publikums macht. Es ist schön,
wenn ich Leute während eines Haydn-Quartetts lachen oder
lächeln sehe, denn Haydn hat tatsächlich wunderbar
witzige Einfälle in seine Musik eingebaut. Aber wir dürfen
als Interpreten nicht zu bewusst auf diese Effekte hinsteuern
oder sie doppelt und dreifach unterstreichen. Das Schwierigste
am Musikmachen ist so zu spielen, dass die Musik ihre Natürlichkeit
behält und zudem so frisch und aufregend erklingt, als
würde sie zum ersten Mal gespielt.
Wie sehen Sie
die Rolle des Streichquartetts im 20. und 21. Jahrhundert?
M. E.: Ich bin auch davon überzeugt,
dass die Möglichkeiten des Streichquartetts noch lange
nicht ausgeschöpft sind. Ich denke, die Konzentration
auf vier Stimmen ist für jeden Komponisten eine Versuchung
und Herausforderung.
W. Ch.: In Zukunft werden wir wohl nicht
mehr ohne die elektronischen Möglichkeiten auskommen.
Ich denke, da wird noch viel experimentiert werden. Es wird
eine neue musikhistorische Phase anbrechen, davon bin ich
überzeugt. Aber, um für das Quartett zu komponieren,
gut zu komponieren, muss man sein Handwerk verstehen. Und
so bin ich doch recht optimistisch, dass die Werke, die in
Zukunft für unsere Formationen entstehen, nur von bedeutenden
Komponisten geschrieben werden. So wie nach Beethoven und
Schubert nur ganz wichtige Quartette geschrieben wurden, so
ist heute nach Bartók und Shostakovich die Latte wieder
sehr hoch gelegt. Aber Komponisten wie Veress oder Ligeti
haben gezeigt, welch wundervolle Musik man für das Streichquartett
schreiben kann.
Haben sich
bei den Quartetten im Laufe der Jahre in Europa verschiedene
Interpretationsstile entwickelt?
M. E.: Es gibt in der Tat hörbare Unterschiede,
je nachdem ob Sie jetzt ein deutsches, ein französisches,
ein tschechisches oder amerikanisches Quartett hören.
Die deutsch-österreichischen Quartette sind natürlich
sehr in der Kultur eines Haydn, Mozart, Beethoven oder Schubert
zu Hause und bringen demnach Verständnis für diese
Musik auf. Die tschechischen oder aus dem Osten stammenden
Formationen haben einen ganz anderen, sehr musikantischen
Spielstil, während die Franzosen sehr viel Wert auf Farben
legen und die Amerikaner ungemein temperamentvoll und aus
dem Bauch heraus an die Musik herangehen. Und natürlich
spielen auch die Notenausgaben eine Rolle. Vor zwanzig Jahren
hatten die Musiker im Osten noch ein ganz anderes, älteres
Material, weil sie einfach an die neuen, verbesserten Ausgaben
nicht herankamen. Ähnlich verhält es sich mit der
historischen Aufführungspraxis. Musiker, die damit gross
geworden sind, haben einen komplett anderen Stil als jene,
die eher mit dem traditionellen Stil gross geworden sind.
W. Ch.: Ich stamme aus Amerika und für
uns waren das Guarneri Quartet und das Juilliard Quartett
mit ihren klaren Linien und markanten Tempi wichtige Wegweiser.
Im Gegensatz dazu hatte das Borodin Quartett ein viel flächigeren
Klang, der nicht so sehr auf Klarheit aus war, sondern einen
weniger artikulierten Mischklang bevorzugte. Das Amadeus Quartett
war auch ein sehr wichtiges Vorbild für mich, weil es
direkt in der deutschen Tradition verwurzelt war und diese
kulturelle Sprache eines Haydn und Beethoven wie kein anderes
beherrschte. Das LaSalle Quartet war ja aus Deutschland nach
Amerika ausgewandert und hat im Laufe der Zeit die europäische
mit der amerikanischen Spielweise vermischt. Und das passiert
heute permanent. Die Stile vermischen sich, weil sich durch
die Globalisierung oft viele Musiker verschiedener Nationalitäten
in einem Quartett wiederfinden. Früher wäre das
auch nicht so wichtig gewesen, weil damals der Primarius das
Sagen hatte. Er bestimmte, wo es lang ging. Heute funktioniert
dieses Prinzip nicht mehr. Die Quartette sind demokratisch
geworden. Hier arbeiten jetzt vier Individualisten zusammen.
Und wie erarbeiten
vier Individualisten ein Werk?
W. Ch.: Zuerst muss man individuell üben,
sich mit dem Werk vertraut machen und seinen Part lernen.
Zu dem Zeitpunkt haben wir uns meistens schon unsere eigenen
Ideen über die Musik und das Aufführungskonzept
gemacht. Und die gehen innerhalb des Quartetts auch schon
einmal auseinander (lacht). Wenn wir dann einen für uns
stimmigen Konsens gefunden haben, also eine Interpretation,
die jeden zufrieden stellt, arbeiten wir erst einmal am Rhythmus,
an einem gemeinsamen Herzschlag. Dann kommt die Feinarbeit,
wie jeder von uns sich von dem anderen absetzt, welche Stimme
wo hörbar ist, wie die Dialoge ihre Lebendigkeit erhalten,
dynamische Fragen u.s.w..
M. E.: Was uns am meisten zusammenbringt,
sind die Konzerte, denn sie unterstreichen nicht die individuelle
Verschiedenheit, sondern fördern vielmehr das Verbindende.
In den Proben darf man schon einmal gegeneinander spielen,
aber nicht in den Konzerten (lacht).
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