-- Interview --
Aho und Aha!
Oder: Die erstaunlichen Entwicklungen von Sharon Bezaly

- Ein Interview von Remy Franck -
- (Pizzicato 5/05 )-

Als 'Instrumentalistin des Jahres' wurde die israelische Flötistin Sharon Bezaly ausgezeichnet, und sie erhielt bei der MIDEM in Cannes einen Preis als beste junge Musikerin. Sie hat einen Exklusivvertrag mit dem schwedischen Label BIS, der ihr die Möglichkeit gibt, die aufregendsten Werke der Flötenliteratur einzuspielen. Inzwischen hat sie 17 Alben für BIS aufgenommen, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat, darunter mehrfach den Supersonic von Pizzicato. Ihre vollkommene, bei Aurèle Nicolet erlernte Beherrschung der Zirkularatmung befreit Sharon Bezaly von den Beschränkungen, die dem Blasinstrument Flöte gemeiniglich anhaften, und versetzt sie in die Lage, neue Regionen der musikalischen Interpretation zu erreichen und ein erweitertes Spektrum an Farben und Emotionen zu präsentieren. Die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' hat sie gar mit David Oistrach und Vladimir Horowitz verglichen.
Als Vollzeit-Soloflötistin konzertiert Sharon Bezaly weltweit mit bekannten Orchestern und macht Kammermusik mit renommierten Partnern. In besonderem Maße widmet sie sich der zeitgenössischen Musik. Zahlreiche bedeutende Komponisten widmen ihr Konzerte, die sie kreiert und aufnimmt. Sharon Bezaly spielt eine 24karätige Flöte aus Gold, die eigens für sie von dem japanischen Muramatsu Team angefertigt wurde; daneben spielt sie speziell für sie gebaute Alt- und Bassflöten sowie Pikkoloflöte. Sharon Bezaly lebt in Schweden. Remy Franck traf sie zu einem Gespräch.

Sharon, stimmt es, dass Sie allergisch auf Flöten sind?

Natürlich nicht auf das Instrument an sich, sondern auf das Metall, ob Gold oder Silber. Das ist halt so gekommen, so etwa vor 10 Jahren. Nicht, dass es juckt, aber unter der Lippe wird die Haut sehr trocken, wenn ich spiele. Ich war beim Dermatologen und benutze jetzt eine Crème.

Also hätten Sie doch vielleicht Cello spielen sollen... Wie kamen Sie eigentlich zur Flöte?

Das ist eine sehr gute Frage, aber ich weiß es selber nicht. Meine Mutter ist Pianistin, mein Vater war Lyzeumsdirektor. Wir haben bei uns zu Hause immer Musik gehört, aber ich war eher sportlich aktiv. Klavier wollte ich nie machen, und irgendwann, als ich elf Jahre alt war, kam der Tag, wo ich sagte: "Ich will Flöte spielen!" Meine Eltern haben mich sehr erstaunt angesehen und gefragt, warum ich eigentlich Flöte spielen wollte. Meine Mutter verstand das nicht, denn für eine Pianistin ist eine Flöte doch kein Instrument! Um meine Eltern zu überzeugen, dass ich es ernst meinte, habe ich eine Blockflöte genommen und zunächst einmal alleine studiert. Später haben meine Eltern mir den besten Lehrer gesucht, den sie finden konnten. Niemand dachte, das könnte einmal professionell werden mit mir, aber ich sollte dennoch die bestmögliche Ausbildung bekommen.

Und wann haben Sie gemerkt, dass es dann professionell wird?

Nun, es fiel mir irgendwie sehr leicht, das Instrument zu spielen. Es ging alles wie von selbst. Nach drei Jahren habe ich schon mit dem Israel Philharmonic unter Zubin Mehta gespielt. Es war ein tolles Konzert und ein wirkliches Erlebnis. Ich habe dann mit vielen Orchestern gespielt, und als ich siebzehn war, kam Jean-Pierre Rampal nach Israel. Er riet mir, nach Paris zu gehen, um dort zu studieren. Ich habe mein Abitur in Israel gemacht und bin anschließend nach Paris gegangen, und am 'Conservatoire Supérieur' mit Alain Marion studiert. Beim Oboisten Maurice Bourgue belegte ich das Fach Kammermusik, und er hat mich dann nach Prag geholt, weil er der Auffassung war, dort würde ich kammermusikalisch noch besser ausgebildet werden.

Aber es war für Sie schon klar, dass Sie Solistin werden wollten und nicht Orchestermusikerin?

In Prag habe ich den großen Sandor Vegh kennen gelernt. Man hatte mir erzählt, dass er die Flöte hasste. Und nachdem ich diese Geschichte gehört hatte, saß er dann genau vor mir, und ich musste spielen. Es war unglaublich! Wir haben gespielt, und er hat alles hervorgehoben, was nicht stimmte und dann hat er mich gebeten, ich solle mein Studium abschließen und anschließend nach Salzburg kommen, um mit seinem Orchester, der 'Camerata', zu spielen. Das war für mich wie ein Geschenk des Himmels! Ich bin zwei Jahre in dem Orchester geblieben, bis kurz nach seinem Tod. Es war phantastisch! Es war genau das, was ich wollte. Ich wollte nie in einem großen Orchester spielen, das war mir wohl klar. Daher habe ich ein Angebot von Daniel Barenboim, nach Chicago zu kommen, abgelehnt. Die 'Camerata' war ideal. Vegh mochte die Flöte tatsächlich nicht allzu sehr, denn er hat immer Angst gehabt, die Bläser könnten gegenüber der geringen Zahl an Streichern dominieren. "Leise, leise!", das waren seine ständigen Anweisungen, und ich habe wirklich sehr, sehr leise gespielt. Davon profitiere ich heute noch!

Der Name Sharon Bezaly wird sehr oft im Zusammenhang mit zeitgenössischer Musik genannt, und Sie haben ja auch unheimlich viel Musik hervorgerufen, weil Sie die Komponisten provoziert haben, für die Flöte zu komponieren...

Dass das so kam, hängt mit einem Auftritt mit Gidon Kremer in Lockenhaus und mit meinen ersten CDs für BIS zusammen. Der Chef von BIS, Robert von Bahr, hatte die Idee, eine Solo CD mit mir zu produzieren und fragte, ob ich einen Titel wüsste. Ich wollte keine 'klassische' CD mit Werken aus einer Periode aufnehmen, und so kam ich auf den Titel 'A-Z'. Dann habe ich in Schweden angerufen und Robert gefragt, ob er einen Komponisten mit A kennen würde und er sagte: Aho! Es gab dann ein langes Hin und her, weil er glaubte, das Stück von Kalevi Aho sei zu schwer und er wollte es trotzdem haben. Ich meinerseits glaubte, es nicht spielen zu können und wollte es doch spielen. Kurz, es war schwierig! Für mich war dennoch klar, dass das kein technisches Stück war, sondern wirkliche Musik. Durch diese Geschichte hat sich dann auch noch eine persönliche Beziehung zu Robert aufgebaut, aber das ist wiederum eine lange Geschichte für sich. (Heute sind Sharon Bezaly und Robert von Bahr ein Paar (Anm. der Redaktion). Diese beiden Entwicklungen haben weitere Entwicklungen provoziert, denn Robert hat allen Komponisten die er kennt, das erste Edit von eben diesem Aho-Werk geschickt. Sofia Gubaidulina, die mir immer gesagt hatte, sie sei bis 2008 ausgebucht und könne nichts für mich schreiben, wollte ganz plötzlich ein Konzert für Flöte und Orchester komponieren und Kalevi Aho selber schlug ebenfalls ein Konzert vor. Und es war genau das, was ich irgendwie wollte. Aus der A-Z-CD wurde eine A-Z-Serie.

Aber es ja nicht wegen dieser Opportunität, dass Sie zeitgenössische Musik spielen?

Selbstverständlich nicht! Ich glaube es ist sehr wichtig als Künstler moderne Musik zu fördern. Ich sehe das als Aufgabe an! Aber ich glaube, wenn man wirklich Musik macht, ist es eigentlich egal, welche Musik man spielt und welches Instrument, man ist Musiker. Ich will nicht nur Flötistin sein. Ich spiele eben zufällig Flöte. Das wichtigste ist die Musik und was man zu sagen hat. Interview: Remy Franck

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