-- Interview --
Pierre-Laurent Aimard: "Ich freue mich auf Luxemburg“

Ein Interview von Alain Steffen (Pizzicato 02/05)

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard gilt heute als eine der interessantesten Künstlerpersönlichkeiten Frankreichs. In der 'Philharmonie Luxembourg' wird er der erste 'Artist in Residence' sein. Alain Steffen hat sich mit Aimard unterhalten.

Herr Aimard, wenn man Ihre Karriere näher analysiert, stellt man fest, dass Sie eher von der zeitgenössischen und nicht so sehr von der traditionell-klassischen Musik her kommen. Kriegt man so einen anderen Blickwinkel auf die Musik?

Ganz sicher! Man ist einfach neugieriger und hat eine ganz andere Perspektive als die Musiker, die aus einer traditionell-konservativen Schule hervorgegangen sind, die oft noch die Interpretationsansichten des 19. Jahrhunderts vertritt und sich der Zeit, der Entwicklung einfach verweigert. Aber das gilt genauso für die Musiker, die von der alten Musik oder dem Barock herkommen. Die sehen die traditionellen Werke auch in einem ganz anderen Licht.

Dieses Aufspalten in verschiedene Spezialgebiete hat doch sicher auch einen musikhistorischen Hintergrund?

Ich kann da nur für die modernen Interpreten sprechen. Sehen Sie, es gab im 20. Jahrhundert eine Zeit, da wollte man mit den Traditionen brechen. Es wurde viel experimentiert und ausprobiert, es entstanden unheimlich viele und sehr komplexe Kompositionen, und die brauchten nun einmal spezialisierte und interessierte Interpreten. Das heißt, in der Avantgarde entwickelte sich eine komplett neue Generation von Musikern, die überhaupt nicht mit den traditionellen Interpreten zu vergleichen war.
Ich persönlich aber war an dieser so genannten Spezialisierung nie interessiert, da ich heute noch glaube, dass sie der falsche Weg ist. In einer Entwicklung kann man die Vergangenheit nicht einfach abspalten oder ignorieren, in keinem Bereich, also auch nicht in der Musik. Was mich interessierte, waren die verschieden Epochen und Stile mit all ihren Besonderheiten, und es galt für mich, jede dieser Epochen zu verstehen und sie aus ihrem individuellen Kontext heraus zu interpretieren. Ich sehe mich also nicht als einen rein modernen oder zeitgenössischen Interpreten, sondern als einen Musiker, der innerhalb seiner Möglichkeiten, seiner Zeit und seines Instruments auf der Suche nach seinen musikalischen Wahrheiten ist.

Für viele sind Sie aber immer noch der Interpret der Moderne par excellence.

Das ist wohl leider so und das hat wiederum viel mit der Vermarktung und Etikettierung zu tun. Sicher, ich habe mich am Anfang meiner Karriere intensiv mit zeitgenössischer Musik auseinandergesetzt, aber diese Etikettierung ist zu einem großen Handicap für mich geworden. Für mich war es damals ungemein wichtig, mich ganz für die moderne Musik einzusetzen, da 98% der Pianisten sowieso immer das Gleiche spielten und nur wenig offen für das Neue waren. Leider ist es heute nicht viel anders. Ich will deswegen aber nicht exklusiv als zeitgenössischer Pianist gelten, sondern ganz gerne als kompletter Musiker wahrgenommen werden.

Dennoch spielten drei zeitgenössische Komponisten in Ihrem Leben eine sehr wichtige Rolle: Messiaen, Boulez und Ligeti.

Ja, diese drei haben meine musikalische Entwicklung wesentlich geprägt, interessanterweise aber in jeweils verschiedenen Lebensabschnitten. Messiaen lernte ich kennen, als ich zwölf Jahre alt war und hatte das unbeschreibliche Glück, drei Jahre lang mit diesem großartigen Menschen und Musiker zu arbeiten. Messiaen hat also meine ganze frühe Jugend beeinflusst. Mit neunzehn lernte ich Pierre Boulez kennen, dessen Werke ich damals sehr genau kannte und mit dem ich bis heute regelmäßig zusammenarbeite. Ich war schon weiter in meiner Entwicklung und konnte vieles kritischer hinterfragen. Mit Fünfunddreißig, wo man ja eine bestimmte Reife besitzt, begann meine Zusammenarbeit mit Ligeti, die sich auf einer ganz anderen Ebene abspielte als noch mit Messiaen oder Boulez. Jetzt war ich ein so genannter 'fertiger' Musiker und wurde zum Wahl-Interpreten des Komponisten Ligeti.

Haben diese drei Persönlichkeiten auch Ihre Sicht auf das traditionelle Repertoire beeinflusst?

Indirekt sicher, denn alles, was wir in unserem Umfeld aufnehmen, beeinflusst unser Wirken. So denke ich, dass auch die Überlegungen und Erkenntnisse eines Messiaen, Boulez oder Ligeti meine Empfindung für das klassisch-romantische Repertoire mitgeprägt haben. Direkt, würde ich sagen, eher nein, denn weder Messiaen noch Boulez noch Ligeti waren oder sind rückwärts orientierte Musiker. Und mit all dem Respekt, den ich für sie hege, glaube ich nicht, dass man sie als Beethoven-, Schubert- oder Chopinkenner bezeichnen könnte. Mit Debussy dagegen verhält es sich natürlich anders. Sowohl Messiaen wie auch Boulez sind profunde Debussy-Kenner. Aber auch in diesem Falle würde ich sagen, dass ihr Einfluss nur indirekt auf mich gewirkt hat. Will man als eigenständiger Musiker bestehen, muss man einmal Schwamm und einmal Filter sein.

Ein großer Teil des Konzertpublikums und auch viele Musiker lehnen zeitgenössische Musik aus den verschiedensten Gründen ab. Man versteht sie nicht, sie spricht nicht zu einem.

Das ist eine alte Geschichte, die aber auch viel mit heutigen Vermarktungsstrategien zu tun hat, wo einem die Rückkehr zur Postromantik immer wieder suggeriert wird. Es wird hier viel mehr auf den Unterhaltungswert als auf das musikalische Kunstwerk gelegt. Ich bewundere immer wieder zeitgenössische Komponisten, die, anstatt publikumswirksame und gut bezahlte Stücke zu schreiben, lieber das Risiko auf sich nehmen, selten gespielt oder nicht verstanden zu werden, als ihrer künstlerischen Ehre untreu zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, wenn das Werk gut ist, wenn sich Intellekt und Emotion die Waage halten, auch die Botschaft zum Publikum vordringt. Man muss sich allerdings bei der zeitgenössischen Musik mehr öffnen und konzentrierter an die Werke herangehen. Das verlangt schon eine gewisse aktive Beteiligung beim Publikum. Und so kommt man dann zur zentralen Frage: Wer wird für diese Kunst das Publikum der Zukunft sein? Die klassische Hierarchie des Konzertpublikums, die sehr viel mit sozialem Status und Geld zu tun, wird umgeworfen zugunsten einer neuen Publikumsschicht, die ganz sicher aus einer anderen Ecke herkommt. Man wird dann sicher, wenn auch nur zum Teil, von der Musik als Massenware und Massenunterhaltung wegkommen, die dabei ist, sich durch endloses Wiederholen quasi totzulaufen.

Könnte das auch einer der Gründe sein, weshalb die klassische Musik, insbesondere was die Medien- und Unterhaltungsbranche betrifft, im Augenblick in einer tiefen Krise steckt?

Auf jeden Fall. Diese Krise musste kommen. Und es ist auch gut so. Sie ist das Resultat einer fast schon pervertierten Geschäftsstrategie, denn hinter den Künstlern steht ja eine gigantische Vermarktungsmaschinerie. Leider wird diese Strategie viel zu viel durch Komponisten und Musiker unterstützt, die künstlerisch eigentlich recht wenig zu sagen haben. Dann kommen zwar leichtverständliche Kompositionen zutage, die immer wieder nach den gleichen Rezepten zusammengemixt werden, diese orientieren sich aber bewusst nach dem Geschmack des Publikums und sind letztendlich nicht anderes als Massenunterhaltung. Für den Komponisten oder Interpreten bringen sie schnellen Ruhm und alles, was damit zusammenhängt. Das alles hat mit Kunst nicht mehr viel zu tun, stiftet beim Hörer dagegen aber eine Menge Verwirrung. Das Resultat spüren wir jetzt.
Darüber hinaus ist es ein großes Problem, dass viele der Produktionsfirmen von Leuten geleitet werden, die von Musik und Kunst keine Ahnung haben und ihre Unternehmen nur vom finanziellen Standpunkt aus führen. Aber es gibt glücklicherweise auch andere Produzenten und Künstler, die ihre Sache sehr ernst nehmen und mit denen es eine Freude ist, zusammenzuarbeiten.

Sie selbst haben aber auch die Klavierkonzerte von Beethoven aufgenommen, und setzten den vielen hervorragenden Gesamtaufnahmen noch eine dazu. Wann soll man denn nun die traditionellen, im Katalog sicherlich überrepräsentierten Werke aufnehmen und wann nicht?

Wichtig allein ist das künstlerische Element. Ich glaube, wenn bei einem Musiker die ehrliche Kreativität vorhanden ist, dann rechtfertigt dies eine Aufnahme, denn der Hörer wird das Einmalige, das Persönliche herausspüren, auch wenn er das Werk schon hundertmal gehört hat. Was jetzt mein Verhältnis zu Beethoven betrifft, so kann ich sagen, dass seine Werke seit jeher eine große Bedeutung für mich haben. Ich liebe es einfach, sie zu spielen. Aber ich hatte nie vor, die Klavierkonzerte aufzunehmen. Die Initiative ging von Nikolaus Harnoncourt aus. Er wollte mich als Solisten haben und da ich Harnoncourt über alles schätze, habe ich zugesagt.

Sie sind bekannt dafür, in Ihren Konzerten auch mal neue Wege einzuschlagen, also etwa eine Reihe von kleineren Stücke von Ligeti, Birtwistle, Ravel und Bartok ohne Unterbrechung hintereinander zu spielen und sie dabei so zusammenzusetzen, dass man den Eindruck erhält, es handele sich, trotz der verschiedenen Stile, um nur ein einziges Stück.

Ich glaube, wir Künstler müssen einfach mutiger in unserer Programmzusammenstellung sein. Es ist doch erschreckend, festzustellen, wie banal sich die meisten Konzertprogramme ansehen. Die Programmzusammenstellung ist ungemein wichtig, muss aber wohl überlegt sein. Man kann nicht egal welche Werke miteinander kombinieren. Einerseits sollen die Programme eine pädagogische Wirkung haben, sollen den Zuhörer weiterführen, ihm Zusammenhänge klarmachen, auf der anderen Seite aber soll das Publikum in den Denkprozess miteinbezogen werden, es soll neugierig gemacht und interessiert werden, also aktiv miterleben, was musikalisch passiert. Das ist doch eigentlich auch der Zweck eines Konzerts.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein klassisches oder modernes Werk interpretieren? Wie ist Ihr persönlicher Zugang?

Ich lasse mich von der Musik leiten und versuche, mich ohne vorgefasste Meinung mit dem Stück zu beschäftigen. Wenn man Werke von Chopin spielt, muss man dem Lyrismus und der Poesie unbedingt Rechnung tragen. Da ist der Zugang ganz anders als z.B. bei den konzeptuellen und abstrakten Werken eines Webern oder Stockhausen. Der Interpret muss sich immer wieder neu anpassen können, also flexibel und vielseitig sein, er muss sich verschiedenen Klangwelten zu stellen wissen und die Werke aus ihrem Zeitgeist stilgerecht wiedergeben können. Lachenmann darf nicht klingen wie Rachmaninov und Rachmaninov nicht wie Mozart. Da liegen Welten dazwischen. Jeder Komponist strukturiert, atmet anders. Das ist ja gerade das Interessante, nämlich verschiedene musikalische Sprachen sprechen zu können. Aber wir dürfen in unseren Interpretationen nie vergessen, dass wir für ein Publikum von heute und nicht von früher spielen, der historische Kontext verschiedener Werke muss also immer wieder relativiert werden. Musik machen ist wie Kochen, man muss das bestmögliche Rezept zusammenstellen. Darüber hinaus entwickelt sich alles weiter, die Musik, wir selbst, unser Umfeld. All das fließt ebenfalls in eine Interpretation mit ein. Ein Beweis dafür, wie lebendig die Kunst ist.

Herr Aimard, Sie werden eines der ersten Konzerte in der neuen Philharmonie in Luxemburg spielen. Wird das Ihr erster Auftritt in Luxemburg sein?

Nein, ich habe schon vor vielen Jahren einen Soloabend in Luxemburg gespielt. Ich glaube, im Konzertsaal des Rundfunks. Ich war damals neunzehn Jahre alt und ich kann Ihnen heute sagen, ich habe furchtbar schlecht gespielt. Also vergessen Sie es lieber. Ich bin sehr glücklich darüber, bei der Geburt eines neuen Saales dabei sein zu dürfen. Besonderes, wenn man als Künstler 'in residence' arbeiten kann und in die Programmation miteinbezogen wird. Das erweitert das Spektrum und den pädagogischen Wert der Konzerte. Ich werde also mehrere Konzerte spielen, u.a. auch die 'Turangalia-Sinfonie' von Messiaen mit Franz Welser-Möst und dem Cleveland Orchestra, einen Liederabend mit Matthias Görne, ich werde ebenfalls einen Soloabend geben, wo ein Stück von George Benjamin uraufgeführt wird. Wir werden ein Konzert für und mit Kindern machen, darüber hinaus arbeiten wir an Projekten mit dem 'Chamber Orchestra of Europe' und mit einem zeitgenössischen Ensemble. Aber alles steht noch nicht fest. Wir werden jedenfalls versuchen, ein möglichst breit gefächertes Programm anzubieten. Ich bin jedenfalls sehr froh, mit Matthias Naske zusammenarbeiten zu dürfen, denn er setzt das Künstlerische weit über das Showbizz und beweist letztendlich Mut, abgedroschene Pfade zu verlassen und sich Neuem zu stellen. Und das entspricht genau meiner Persönlichkeit. Ich freue mich jedenfalls auf Luxemburg.

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