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Der französische Pianist Pierre-Laurent
Aimard gilt heute als eine der interessantesten Künstlerpersönlichkeiten
Frankreichs. In der 'Philharmonie Luxembourg' wird er der
erste 'Artist in Residence' sein. Alain Steffen hat sich mit
Aimard unterhalten.
Herr Aimard,
wenn man Ihre Karriere näher analysiert, stellt man fest,
dass Sie eher von der zeitgenössischen und nicht so sehr
von der traditionell-klassischen Musik her kommen. Kriegt
man so einen anderen Blickwinkel auf die Musik?
Ganz sicher! Man ist einfach neugieriger und hat eine ganz
andere Perspektive als die Musiker, die aus einer traditionell-konservativen
Schule hervorgegangen sind, die oft noch die Interpretationsansichten
des 19. Jahrhunderts vertritt und sich der Zeit, der Entwicklung
einfach verweigert. Aber das gilt genauso für die Musiker,
die von der alten Musik oder dem Barock herkommen. Die sehen
die traditionellen Werke auch in einem ganz anderen Licht.
Dieses Aufspalten
in verschiedene Spezialgebiete hat doch sicher auch einen
musikhistorischen Hintergrund?
Ich kann da nur für die modernen Interpreten sprechen.
Sehen Sie, es gab im 20. Jahrhundert eine Zeit, da wollte
man mit den Traditionen brechen. Es wurde viel experimentiert
und ausprobiert, es entstanden unheimlich viele und sehr komplexe
Kompositionen, und die brauchten nun einmal spezialisierte
und interessierte Interpreten. Das heißt, in der Avantgarde
entwickelte sich eine komplett neue Generation von Musikern,
die überhaupt nicht mit den traditionellen Interpreten
zu vergleichen war.
Ich persönlich aber war an dieser so genannten Spezialisierung
nie interessiert, da ich heute noch glaube, dass sie der falsche
Weg ist. In einer Entwicklung kann man die Vergangenheit nicht
einfach abspalten oder ignorieren, in keinem Bereich, also
auch nicht in der Musik. Was mich interessierte, waren die
verschieden Epochen und Stile mit all ihren Besonderheiten,
und es galt für mich, jede dieser Epochen zu verstehen
und sie aus ihrem individuellen Kontext heraus zu interpretieren.
Ich sehe mich also nicht als einen rein modernen oder zeitgenössischen
Interpreten, sondern als einen Musiker, der innerhalb seiner
Möglichkeiten, seiner Zeit und seines Instruments auf
der Suche nach seinen musikalischen Wahrheiten ist.
Für viele
sind Sie aber immer noch der Interpret der Moderne par excellence.
Das ist wohl leider so und das hat wiederum viel mit der Vermarktung
und Etikettierung zu tun. Sicher, ich habe mich am Anfang
meiner Karriere intensiv mit zeitgenössischer Musik auseinandergesetzt,
aber diese Etikettierung ist zu einem großen Handicap
für mich geworden. Für mich war es damals ungemein
wichtig, mich ganz für die moderne Musik einzusetzen,
da 98% der Pianisten sowieso immer das Gleiche spielten und
nur wenig offen für das Neue waren. Leider ist es heute
nicht viel anders. Ich will deswegen aber nicht exklusiv als
zeitgenössischer Pianist gelten, sondern ganz gerne als
kompletter Musiker wahrgenommen werden.
Dennoch spielten
drei zeitgenössische Komponisten in Ihrem Leben eine
sehr wichtige Rolle: Messiaen, Boulez und Ligeti.
Ja, diese drei haben meine musikalische Entwicklung wesentlich
geprägt, interessanterweise aber in jeweils verschiedenen
Lebensabschnitten. Messiaen lernte ich kennen, als ich zwölf
Jahre alt war und hatte das unbeschreibliche Glück, drei
Jahre lang mit diesem großartigen Menschen und Musiker
zu arbeiten. Messiaen hat also meine ganze frühe Jugend
beeinflusst. Mit neunzehn lernte ich Pierre Boulez kennen,
dessen Werke ich damals sehr genau kannte und mit dem ich
bis heute regelmäßig zusammenarbeite. Ich war schon
weiter in meiner Entwicklung und konnte vieles kritischer
hinterfragen. Mit Fünfunddreißig, wo man ja eine
bestimmte Reife besitzt, begann meine Zusammenarbeit mit Ligeti,
die sich auf einer ganz anderen Ebene abspielte als noch mit
Messiaen oder Boulez. Jetzt war ich ein so genannter 'fertiger'
Musiker und wurde zum Wahl-Interpreten des Komponisten Ligeti.
Haben diese
drei Persönlichkeiten auch Ihre Sicht auf das traditionelle
Repertoire beeinflusst?
Indirekt sicher, denn alles, was wir in unserem Umfeld aufnehmen,
beeinflusst unser Wirken. So denke ich, dass auch die Überlegungen
und Erkenntnisse eines Messiaen, Boulez oder Ligeti meine
Empfindung für das klassisch-romantische Repertoire mitgeprägt
haben. Direkt, würde ich sagen, eher nein, denn weder
Messiaen noch Boulez noch Ligeti waren oder sind rückwärts
orientierte Musiker. Und mit all dem Respekt, den ich für
sie hege, glaube ich nicht, dass man sie als Beethoven-, Schubert-
oder Chopinkenner bezeichnen könnte. Mit Debussy dagegen
verhält es sich natürlich anders. Sowohl Messiaen
wie auch Boulez sind profunde Debussy-Kenner. Aber auch in
diesem Falle würde ich sagen, dass ihr Einfluss nur indirekt
auf mich gewirkt hat. Will man als eigenständiger Musiker
bestehen, muss man einmal Schwamm und einmal Filter sein.
Ein großer
Teil des Konzertpublikums und auch viele Musiker lehnen zeitgenössische
Musik aus den verschiedensten Gründen ab. Man versteht
sie nicht, sie spricht nicht zu einem.
Das ist eine alte Geschichte, die aber auch viel mit heutigen
Vermarktungsstrategien zu tun hat, wo einem die Rückkehr
zur Postromantik immer wieder suggeriert wird. Es wird hier
viel mehr auf den Unterhaltungswert als auf das musikalische
Kunstwerk gelegt. Ich bewundere immer wieder zeitgenössische
Komponisten, die, anstatt publikumswirksame und gut bezahlte
Stücke zu schreiben, lieber das Risiko auf sich nehmen,
selten gespielt oder nicht verstanden zu werden, als ihrer
künstlerischen Ehre untreu zu werden. Ich bin fest davon
überzeugt, wenn das Werk gut ist, wenn sich Intellekt
und Emotion die Waage halten, auch die Botschaft zum Publikum
vordringt. Man muss sich allerdings bei der zeitgenössischen
Musik mehr öffnen und konzentrierter an die Werke herangehen.
Das verlangt schon eine gewisse aktive Beteiligung beim Publikum.
Und so kommt man dann zur zentralen Frage: Wer wird für
diese Kunst das Publikum der Zukunft sein? Die klassische
Hierarchie des Konzertpublikums, die sehr viel mit sozialem
Status und Geld zu tun, wird umgeworfen zugunsten einer neuen
Publikumsschicht, die ganz sicher aus einer anderen Ecke herkommt.
Man wird dann sicher, wenn auch nur zum Teil, von der Musik
als Massenware und Massenunterhaltung wegkommen, die dabei
ist, sich durch endloses Wiederholen quasi totzulaufen.
Könnte
das auch einer der Gründe sein, weshalb die klassische
Musik, insbesondere was die Medien- und Unterhaltungsbranche
betrifft, im Augenblick in einer tiefen Krise steckt?
Auf jeden Fall. Diese Krise musste kommen. Und es ist auch
gut so. Sie ist das Resultat einer fast schon pervertierten
Geschäftsstrategie, denn hinter den Künstlern steht
ja eine gigantische Vermarktungsmaschinerie. Leider wird diese
Strategie viel zu viel durch Komponisten und Musiker unterstützt,
die künstlerisch eigentlich recht wenig zu sagen haben.
Dann kommen zwar leichtverständliche Kompositionen zutage,
die immer wieder nach den gleichen Rezepten zusammengemixt
werden, diese orientieren sich aber bewusst nach dem Geschmack
des Publikums und sind letztendlich nicht anderes als Massenunterhaltung.
Für den Komponisten oder Interpreten bringen sie schnellen
Ruhm und alles, was damit zusammenhängt. Das alles hat
mit Kunst nicht mehr viel zu tun, stiftet beim Hörer
dagegen aber eine Menge Verwirrung. Das Resultat spüren
wir jetzt.
Darüber hinaus ist es ein großes Problem, dass
viele der Produktionsfirmen von Leuten geleitet werden, die
von Musik und Kunst keine Ahnung haben und ihre Unternehmen
nur vom finanziellen Standpunkt aus führen. Aber es gibt
glücklicherweise auch andere Produzenten und Künstler,
die ihre Sache sehr ernst nehmen und mit denen es eine Freude
ist, zusammenzuarbeiten.
Sie selbst
haben aber auch die Klavierkonzerte von Beethoven aufgenommen,
und setzten den vielen hervorragenden Gesamtaufnahmen noch
eine dazu. Wann soll man denn nun die traditionellen, im Katalog
sicherlich überrepräsentierten Werke aufnehmen und
wann nicht?
Wichtig allein ist das künstlerische Element. Ich glaube,
wenn bei einem Musiker die ehrliche Kreativität vorhanden
ist, dann rechtfertigt dies eine Aufnahme, denn der Hörer
wird das Einmalige, das Persönliche herausspüren,
auch wenn er das Werk schon hundertmal gehört hat. Was
jetzt mein Verhältnis zu Beethoven betrifft, so kann
ich sagen, dass seine Werke seit jeher eine große Bedeutung
für mich haben. Ich liebe es einfach, sie zu spielen.
Aber ich hatte nie vor, die Klavierkonzerte aufzunehmen. Die
Initiative ging von Nikolaus Harnoncourt aus. Er wollte mich
als Solisten haben und da ich Harnoncourt über alles
schätze, habe ich zugesagt.
Sie sind bekannt
dafür, in Ihren Konzerten auch mal neue Wege einzuschlagen,
also etwa eine Reihe von kleineren Stücke von Ligeti,
Birtwistle, Ravel und Bartok ohne Unterbrechung hintereinander
zu spielen und sie dabei so zusammenzusetzen, dass man den
Eindruck erhält, es handele sich, trotz der verschiedenen
Stile, um nur ein einziges Stück.
Ich glaube, wir Künstler müssen einfach mutiger
in unserer Programmzusammenstellung sein. Es ist doch erschreckend,
festzustellen, wie banal sich die meisten Konzertprogramme
ansehen. Die Programmzusammenstellung ist ungemein wichtig,
muss aber wohl überlegt sein. Man kann nicht egal welche
Werke miteinander kombinieren. Einerseits sollen die Programme
eine pädagogische Wirkung haben, sollen den Zuhörer
weiterführen, ihm Zusammenhänge klarmachen, auf
der anderen Seite aber soll das Publikum in den Denkprozess
miteinbezogen werden, es soll neugierig gemacht und interessiert
werden, also aktiv miterleben, was musikalisch passiert. Das
ist doch eigentlich auch der Zweck eines Konzerts.
Wie gehen Sie
vor, wenn Sie ein klassisches oder modernes Werk interpretieren?
Wie ist Ihr persönlicher Zugang?
Ich lasse mich von der Musik leiten und versuche, mich ohne
vorgefasste Meinung mit dem Stück zu beschäftigen.
Wenn man Werke von Chopin spielt, muss man dem Lyrismus und
der Poesie unbedingt Rechnung tragen. Da ist der Zugang ganz
anders als z.B. bei den konzeptuellen und abstrakten Werken
eines Webern oder Stockhausen. Der Interpret muss sich immer
wieder neu anpassen können, also flexibel und vielseitig
sein, er muss sich verschiedenen Klangwelten zu stellen wissen
und die Werke aus ihrem Zeitgeist stilgerecht wiedergeben
können. Lachenmann darf nicht klingen wie Rachmaninov
und Rachmaninov nicht wie Mozart. Da liegen Welten dazwischen.
Jeder Komponist strukturiert, atmet anders. Das ist ja gerade
das Interessante, nämlich verschiedene musikalische Sprachen
sprechen zu können. Aber wir dürfen in unseren Interpretationen
nie vergessen, dass wir für ein Publikum von heute und
nicht von früher spielen, der historische Kontext verschiedener
Werke muss also immer wieder relativiert werden. Musik machen
ist wie Kochen, man muss das bestmögliche Rezept zusammenstellen.
Darüber hinaus entwickelt sich alles weiter, die Musik,
wir selbst, unser Umfeld. All das fließt ebenfalls in
eine Interpretation mit ein. Ein Beweis dafür, wie lebendig
die Kunst ist.
Herr Aimard,
Sie werden eines der ersten Konzerte in der neuen Philharmonie
in Luxemburg spielen. Wird das Ihr erster Auftritt in Luxemburg
sein?
Nein, ich habe schon vor vielen Jahren einen Soloabend in
Luxemburg gespielt. Ich glaube, im Konzertsaal des Rundfunks.
Ich war damals neunzehn Jahre alt und ich kann Ihnen heute
sagen, ich habe furchtbar schlecht gespielt. Also vergessen
Sie es lieber. Ich bin sehr glücklich darüber, bei
der Geburt eines neuen Saales dabei sein zu dürfen. Besonderes,
wenn man als Künstler 'in residence' arbeiten kann und
in die Programmation miteinbezogen wird. Das erweitert das
Spektrum und den pädagogischen Wert der Konzerte. Ich
werde also mehrere Konzerte spielen, u.a. auch die 'Turangalia-Sinfonie'
von Messiaen mit Franz Welser-Möst und dem Cleveland
Orchestra, einen Liederabend mit Matthias Görne, ich
werde ebenfalls einen Soloabend geben, wo ein Stück von
George Benjamin uraufgeführt wird. Wir werden ein Konzert
für und mit Kindern machen, darüber hinaus arbeiten
wir an Projekten mit dem 'Chamber Orchestra of Europe' und
mit einem zeitgenössischen Ensemble. Aber alles steht
noch nicht fest. Wir werden jedenfalls versuchen, ein möglichst
breit gefächertes Programm anzubieten. Ich bin jedenfalls
sehr froh, mit Matthias Naske zusammenarbeiten zu dürfen,
denn er setzt das Künstlerische weit über das Showbizz
und beweist letztendlich Mut, abgedroschene Pfade zu verlassen
und sich Neuem zu stellen. Und das entspricht genau meiner
Persönlichkeit. Ich freue mich jedenfalls auf Luxemburg.
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