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Es ist also wieder so weit. Nur 15 Jahre
nach dem Mozartjahr in Verbindung mit dem 200. Todestag, wird
Amadé wieder gefeiert, diesmal zu seinem 250. Geburtstag
am 27. Januar.
Gewiss: Man sollte jeden Anlass nutzen, um auf die einmalige
Künstlerpersönlichkeit des „vielleicht größten
Genies der bekannten Menschheitsgeschichte“ 1) hinzuweisen;
neue Forschungsergebnisse oder auch neue, originelle Einspielungen
seiner Musik sind weiterhin willkommen, und man kann ja auch
nie genug Mozartmusik hören und nie genug über ihn
erfahren … Und dennoch: Manchmal fragt man sich aber,
ob solche Gedenktage nicht eingerichtet werden wie der Nikolaustag
oder die Erstkommunionfeier, damit die Welt des Business ihre
Kassen klingeln hört.
Noch immer schießen die Spekulationen über Mozart
wie Pilze aus dem Boden, und noch immer werden neue Theorien
aufgestellt, was das kurze Leben des einzigartigen Musikschöpfers
angeht.
Dabei werden einerseits die alten Geschichten um die Krankheit,
den Tod in Armut und das Armenbegräbnis in einem Massengrab
inmitten eines Schneesturms aufgetischt, in neuester Variante
von Helmut Perl: Der Fall Mozart. Aussagen über ein missverstandenes
Genie: Anlass für einen Teil unserer Überlegungen.
Andrerseits wird Mozarts Zugehörigkeit zu Freimaurerei
entweder weiterhin verschwiegen und heruntergespielt oder
aber so überbewertet, dass seine Verbundenheit mit dem
Orden (als Illuminat) allein schon aus ihm einen Verfemten
gemacht hat (ebenfalls Perl).
Schließlich geistert auch noch die Behauptung, Mozart
sei vergiftet worden, weiterhin durch die Bücherlandschaft.
Statt daher eine Kurzfassung zu Leben und Werk des Meisters
vorzulegen, wollen wir zur Feier seines Lebensbeginns versuchen,
die Elemente zu untersuchen, die in Bezug zu seinem von so
vielen Geheimnissen umrankten Lebensende stehen.
Krankheit und Tod
Am 15. November 1791 schloss Wolfgang Mozart
seine 'Kleyne Freymaurer-Kantate': 'Lob der Freundschaft'
ab, für deren Komposition er vier bis fünf Tage
gebraucht hatte. Das Werk umfasst „sechsunddreißig
Seiten im Autograph.“ 2) Am 17. hatte er selbst die
Kantate bei einer neuen Tempeleinweihung seiner Loge 'Zur
gekrönten Hoffnung' geleitet. Am 19. war er noch einige
Stunden mit seinem Faktotum Josef Deiner in der Schenke 'Zur
silbernen Schlange' gewesen, die unter diesem Namen in die
Geschichte eingegangen ist, in Wahrheit aber 'Zur goldenen
Schlange' hieß.
Später erzählt Deiner – in
einem Bericht, der 1856 erschien, also umso weniger von seiner
Hand stammen kann, als der Diener am 29. Mai 1825 verstorben
war –, dass er am Morgen des 20. um sieben Uhr zu Mozarts
Wohnung auf Nummer 970 in der Rauhensteingasse, dem so genannten
'kleinen Kaiserhaus', gekommen sei, die Magd ihm geöffnet
und ihm mitgeteilt habe, dass man während der Nacht den
Arzt habe rufen müssen. Mozart lag in einem Bett in einer
Ecke des Zimmers. Als er Deiner hörte, öffnete er
die Augen und sagte mit kaum vernehmlicher Stimme: „Josef,
heute ist nichts, wir haben heute mit Ärzten und Apotheken
zu tun.“ 3)
Mozarts Hausarzt, Dr. Thomas Franz Closset
(1754-1813), begann, ihn mit den Kenntnissen seiner Zeit zu
pflegen. Weil der Zustand des Kranken sich aber ständig
verschlimmerte, holte er sich Rat bei Dr. Mathias Edler von
Sallaba (1764-1797), der, wie er selbst, zu den „Repräsentanten
der damals fortschrittlichsten medizinischen Schule in Europa“
4) zählte.
Man muss davon ausgehen, dass Mozart während
seiner Krankheit sehr gelitten hat, aber fast bis zu seinem
Ende bei vollem Bewusstsein war. Dies geht auch hervor aus
dem Zeugnis seiner Schwägerin, Sophie Weber, ab 1807
Frau Haibel. Es ist aber undenkbar, dass Mozart während
dieser Zeit noch am Requiem hat arbeiten können, weil
seine Krankheit „mit Geschwulst am Händen und Füssen
und einer beynahe gänzlichen Unbeweglichkeit derselben“
5) begonnen hatte. Mozart konnte also nur noch über das
Werk mit seinen Anverwandten und Freunden gesprochen haben;
daran komponieren konnte er nicht mehr, trotz aller anders
lautenden Behauptungen.
Am 4. Dezember, als Sophie Wolfgang besuchen
wollte, kam ihr Constanze entgegen und sagte: „Got Lob
Liebe Sophie dass du da bist, heute Nacht ist er so schlecht
geweßen, dass ich schon dachte er erlebt diesen Tag
nicht mehr … Mozart, noch bei Bewusstsein, sagt ihr:
„ach gut Liebe Sophie dass Sie da sind, Sie müßen
heute Nacht da bleiben, Sie müßen mich Sterben
sehen, ich suchte mich stark zu machen, u jhm es aus zu reden
allein er erwiederte mir auf alles, ich habe ia schon den
Todtenscheschmack (=Geschmack) auf der Zunge, und wer wird
den meiner Liebsten Constance beystehen wen Sie nicht hier
blieben.“
Was dann wohl der Wahrheit entsprechen kann:
„da war der Siss-maier bey M: am Bette dan Lag auf der
Deke das Bekannte Requem und M: Explicirte jhm wie seine Meinung
seie dass er es Nach seinem Todte Vollenden sollte.“
6) Es war nun aber äußerst wichtig, dass ein fertiges
Requiem vorlag: Dieses stellte eine bedeutende Einnahmequelle
für Mozarts Witwe und seine beiden Söhne (sieben
resp. ein halbes Jahr alt) dar, selbst wenn zum Zeitpunkt
des Todes Mozarts noch nicht klar war, wie groß diese
sein sollte. Vor allem aber sollte der Meister für die
Nachwelt als frommer Katholik, bis zuletzt an diesem Requiem
arbeitend, gestorben sein.
Am Abend des 4. Dezembers rief man nochmals
Dr. Closset ans Krankenbett. Man fand ihn im Theater, „allein
Er muste dass Ende der Pieße abwarten – dan kam
Er und Verordnete jhm noch Kalte Umschlage über seinen
glühenden Kopfe welche jhn auch so erschütterten,
dass Er nicht mehr zu sich Kam bis er nicht Verschieden …“,
so Mozarts Schwägerin. 7)
Später erzählt Sophie dem Ehepaar
Novello 8), dass Wolfgang gestorben sei, nachdem sie selbst
auf Anraten des Arztes eine feuchte Serviette auf die Stirne
des Kranken gelegt hatte. Diesen überfiel sofort ein
leichtes Zittern. Wenig später soll er in Sophies Armen
gestorben sein. Zu dem Zeitpunkt seien die einzigen anwesenden
Menschen Frau Mozart, der Arzt und Sophie selbst gewesen.
Auf Aussagen von Constanze hin, hat Nissen
festgehalten, dass Mozart „sich plötzlich erbrochen
hat. Es schoß in hohem Bogen aus ihm. Es war kastanienbraun,
und er war tot.“ 9) So darf man davon ausgehen, dass
die Hinweise von Dr. Davies, einem der Ärzte, die die
besten Auslegungen zu Mozarts Tod geliefert haben, sein Ende
gut zusammenfassen: „Ungefähr zwei Stunden, bevor
er starb, fiel er in Krämpfe und Koma. Dann, eine Stunde
später, versuchte er sich aufzusetzen, öffnete weit
die Augen und fiel zurück, den Kopf zur Wand gedreht,
die Wangen waren aufgeblasen. Diese Symptome sprechen für
eine Paralyse durch eine Koppelung von Seh- und Gesichtsnervenlähmung,
was auf eine massive Gehirnblutung schließen lässt
...“ 10)
Carl Thomas, Wolfgangs Sohn, schreibt später
in einem undatierten Memorandum, dass die Umstände des
Todes seines Vaters seiner Meinung nach besonders bemerkenswert
gewesen seien, vor allem die Tatsache, dass einige Tage vor
dem Tode eine allgemeine Schwellung auftrat, die so bedeutend
war, dass sie dem Kranken jede Bewegung untersagte, sowie
ein Gestank, der eine innere Verwesung ankündigte und
nach seinem Hinscheiden sofort so stark wurde, dass er eine
Autopsie unmöglich machte. 11)
Mozarts Krankheit und sein unerwarteter Tod
erregten die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Menschen
blieben vor den Fenstern der Wohnung stehen und schwenkten
das Taschentuch 12), aber nur die „Wiener Zeitung“
schrieb über seinen Hinscheiden 13)
Fest steht, dass Mozart verschied 14) –
wie übrigens auch Schubert – ohne die 'vollständigen'
Sterbesakramente, die aus Generalbeichte, Kommunion und Letzter
Ölung bestehen, erhalten zu haben, und keiner jener „Geistligen
Unmenschen“, wie Sophie schrieb, die von ihrer Schwester
beauftragt worden war, einen Pfarrer aus St. Peter herbei
zu bitten, rechtzeitig erschienen war. Wenn schließlich
doch noch einer kam, – was nicht einmal gesichert ist
–, so lebte Mozart nicht mehr, und der Geistliche konnte
ihm nur die rituelle Ölung verabreichen. Für Gläubige
aber bedeutete, ohne Beichte und die damit verbundene Buße
und Absolution, und ohne Kommunion zu sterben, viel höhere
Qualen im Fegfeuer für die nicht vergebenen Sünden
erleiden zu müssen; daher Sophies Ausdruck vom „Geistlichen
Unmenschen“.
Warum aber der Widerstand der Geistlichen?
– „Wegen nichts anderem (…) als Mozarts
Zugehörigkeit zur Freimaurerei.“ 15) Dieser Meinung
möchte ich mich anschließen. Helmut Perl geht noch
weiter und behauptet, wegen der Angriffe auf Religion und
Kirche in der Zauberflöte und wegen Mozarts Zugehörigkeit
zu den Illuminaten, sei er von den Geistlichen an St. Stefan,
Erzbischof Migazzi, Kurat Anton Spendou und Pater Peter Fast
exkommuniziert worden. 16)
Mozarts Tod an 'hitzigem Frieselfieber' im
Alter von weniger als 36 Jahren, entsprach zwar der durchschnittlichen
Lebenserwartung jener Zeit, führte aber sehr rasch dazu,
dass in einer Stadt wie Wien, die berüchtigt ist für
ihren 'Schmäh': die Kunst des Gerüchts, der üblen
Nachrede, der Intrige und der Kabale, schnell auf einen unnatürlichen
Tod geschlossen wurde.
Die Thesen der Vergiftung
So hieß es denn auch bald, Mozart sei
vergiftet worden. Diese Gerüchte wurden von Constanze
selbst gefördert, der wichtigsten Informationsquelle
für die ersten Biographen wie Niemetschek. Mozart wird
bei ihm zitiert, wie er mit Constanze vom Tode und von seinem
Requiem spricht, überzeugt, dass er es „für
sich setze. Thränen standen dem empfindsamen Manne in
den Augen: 'Ich fühle mich zu sehr, sagte er weiter,
mit mir dauert es nicht mehr lange: gewiß, man hat mir
Gift gegeben! Ich kann mich von diesem Gedanken nicht los
winden.' “
Bei Vincent und Mary Novello, geht dann die
Rede von 'acqua tofana', einem italienisches Gift, das zu
dieser Zeit sehr populär war. Die Novello sprechen auch
die Mutmaßung aus, dass Antonio Salieri, als 'größter
Rivale' Mozarts, schuldig an seinem Tode sei. 17)
Nun, gewiss nicht ohne Grund glaubte Mozart,
dass Salieri in ihm seinen 'größten Rivalen' sah
und gegen ihn intrigierte. Mozart berichtete Constanze aber
auch hocherfreut, wie begeistert Salieri und seine Mätresse,
die Sängerin Catarina Cavalieri, über die Zauberflöte
gesprochen hatten. Erwähnt sei zudem, dass Salieri 18)
implizit Mozart Anerkennung gezollt hatte, als er zur Krönung
Leopolds II. in Prag, am 6. September 1791, geistliche Musik
von ihm im Veitsdom dirigierte. 19)
Aber es hieß auch, zu Ende seines Lebens
habe sich Salieri im Wahnzustand des Mordes an Mozart bezichtigt.
Diese Behauptung wurde bereits damals von Salieris Schüler,
Ignaz Moscheles, energisch als 'absurde Gerücht' 20)
zurückgewiesen; sie war aber stark genug, dass sie Puschkin
zu seiner kleinen Tragödie Mozart und Salieri (1826/30)
veranlasste, die Grundlage wurde für die gleichnamige
Oper in zwei Akten von Rimski-Korsakow (1898), und dass sie
auch noch in Peter Shaffers Theaterstück und Milos Formans
Film Amadeus weitergeistert. Eine Ehrenrettung Salieris drängt
förmlich sich auf.
Franz Hofdemel wird als zweiter Hauptverdächtiger
gehandelt. Mozart hatte Hofdehmel kennen gelernt, als dieser
seine Aufnahme in die Freimaurerei beantragt hatte. Im April
1789 lieh Hofdemel ihm 100 Gulden, und Mozart gab Hofdemels
Frau Magdalena Klavierunterricht. Am 6. Dezember 1791, einen
Tag nach Amadés Tod, griff Hofdemel seine schwangere
Frau mit einem Rasiermesser an, verletzte sie schwer und beging
Selbstmord. Nach Wiener Gerüchten hätte Mozarts
Verhältnis zu Magdalena Hofdemel dazu geführt, diesen
aus Eifersucht zu vergiften, und sein Tod hätte danach
die furchtbare Kettenreaktion ausgelöst. 21) Auch Rolf
Hochhuth sieht in Hofdemel Mozarts Mörder und begründet
die Vergiftung Mozarts durch Hofdemel mit der von dessen Sohn
erwähnten fehlenden Autopsie: „Magdalena (i.e.
Hofdemel zu ihrem Mann): Und deshalb sagt Sophie, haben auch
seine Ärzte abgesprochen: keine Obduktion, kein Krankenblatt.
/ Er wusste: Du bist sein Mörder! Kein anderer –
keiner hatte sonst ein Motiv.“ 22) – „Oder
dass vielleicht die zwei Ärzte das gesehen haben –
und deshalb für immer schwiegen, ausserhalb des Sterbehauses“.
23)
Für andere gilt Süßmayr als
Mörder Mozarts und Constanze als seine Komplizin. Süßmayr,
als Constanzes Geliebter, habe Mozart das Gift gegeben. Er,
Salieri und Walsegg von Stuppach, der Besteller des Requiems,
hätten sich gegen Mozart verschworen, und Constanze habe
der Vergiftung zugestimmt. Süßmayr und Constanze
hätten Mozart ebenso sehr gehasst wie Salieri.
Nur eine Frage hierzu: Wenn Constanze Mitwisserin
war, war sie denn tatsächlich so dumm, dass sie auch
noch selbst von ihres Gatten Vergiftungs-Verdacht berichtete?
Auch die Freimaurer wurden des Mordes an
Mozart bezichtigt. Hofdehmel habe nicht nur aus eigenem Antrieb
gehandelt, sonder ebenfalls auf ihre Anordnung hin, weil Mozart
ihre Geheimnisse verraten hatte: Die ersten Klänge der
Zauberflöte verdeutlichten nämlich die maurerischen
Klopfzeichen und das Werk endet mit einer Hymne auf die großen
symbolischen Grundsätze der Freimaurerei: „Es siegte
die Stärke / Und krönet zum Lohn / Die Schönheit
und Weisheit / mit ewiger Krön’!“
Hierzu wiederum nur eine Frage: Warum wurde
denn Schikaneder denn nicht auch ermordet, der als Freimaurer
das Libretto schrieb, das heißt, selbst ebenso verantwortlich
für die Oper war wie Mozart selbst? War Gottfried van
Swieten Mozarts Mörder? Sein Vater Gerard, Leibarzt von
Maria Theresia, hatte als einer der ersten in Wien Quecksilberbehandlungen
gegen Geschlechtskrankheiten verordnet. Gottfried van Swieten
habe versucht, so heißt es, bei Mozart eine „spätestens
Ende Juni 1791“ ausgebrochene Syphilis, mit einem quecksilberhaltigen
Therapeutikum aus dem Vorrat seines Vaters zu kurieren, „wozu
ihm aber jegliche Befugnis fehlte.“ 24)
Noch andere sprechen von einem Fememord, angestiftet durch
die Geheimbünde, denen Mozart angehört hatte. Van
Swieten hätte den Auftrag erhalten, diesen auszuführen
und die Leiche verschwinden zu lassen, die deswegen auch nicht
auf dem St. Marxer Friedhof, sondern an unbekanntem Ort nach
esoterischem Ritual begraben wurde 25).
Schlimm genug, dass diese These auf die scheußlichen
antisemitischen Behauptungen der Mathilde von Ludendorff von
1936 zurückgeht: „Mozart wurde wie Luther, Lessing,
Schiller und gar manche andere Gemordete zum Retter des Volkes
vor der Pest der Geheimorden, die sich ein Recht anmaßen,
zu morden, wenn ihre verbrecherischen Gesetze, die den Tempel
Salomons, das heißt die Judenherrschaft errichten sollen,
ihnen das erlauben!“ 26) Da ist wohl jeder Kommentar
überflüssig.
Welches waren denn
nun aber die wirklichen Todesursachen?
Es gibt mehrere Thesen über das rasche
Hinscheiden Mozarts, von denen die bedeutsamsten von den Ärzten
Carl Bär, Aloys Greither, Peter J. Davies, Hans Bankl
und Mary Weather stammen. Die Ergebnisse führen einerseits
in die Richtung rheumatische Entzündung. Andrerseits
befielen Mozart 1784 heftige Nierenkoliken. Sie waren, laut
Dr. Davies, 'eine Streptokokkeninfektion'. Diese wurde erschwert
durch die Entwicklung eines 'Schönlein-Henoch-Syndroms',
einer Gefäßkrankheit, die sich über die kleinen
Blutgefäße auf die Nieren, den Magen-Darm-Trakt,
die Gelenke und die Haut auswirkte, wobei es zu Hautausschlag
und einer Nierenerkrankung kam. 27)
Wegen einer Epidemie, die in Wien ausgebrochen
war, kann es daher sehr gut sein, dass Mozart sich eine neue
Streptokokkeninfektion zuzog, als er am 17. November der Logenfeier
beiwohnte, wo sein letztes vollendetes Werk uraufgeführt
wurde. Wenn demnach die Diagnose von Dr. Closset richtig war,
so konnte die Behandlung, u.a. durch Aderlass, seinen schon
monatelang geschwächten Gesundheitszustand nur verschlimmern.
In der Regel wurden bei einem Aderlass etwa zehn Unzen Blut
entnommen, das sind 0,35 Liter. Die Ärzte verordneten
bei Mozart mindestens sieben: ein enormer Blutverlust von
insgesamt etwas mehr als zwei Liter – dramatisch, „insbesondere
wenn man bedenkt, dass bei einem rheumatischen Fieber praktisch
auch immer das Herz als Zentralorgan des Blutkreislaufes durch
eine Begleitentzündung geschädigt wird.“ 28)
Alle rezenten medizinischen Forschungen widerlegen
die Thesen einer Vergiftung. Eigentlich müssten demnach
auch alle derartigen Spekulationen in sich zusammenfallen.
Dennoch darf man davon ausgehen, dass sie auch weiterhin ein
zähes Leben haben und immer wieder neue auftauchen werden.
So sorgte z. B. 2001 ein US-Mediziner in Seattle, namens Jan
V. Hirschmann, für neues Aufsehen, als er behauptete,
Mozart habe sich an einem verseuchten Schweinekotelett vergiftet.
Darauf der Leipziger Arzt und Toxikologe Reinhard Ludewig:
„Von den unendlich vielen Spekulationen um Mozarts Tod
ist das eine der lächerlichsten.“ 29)
Es wird aber nicht die letzte sein. Legenden
sind nun einmal Erzählungen, in denen die Tatsachen der
Fantasie weichen müssen, und im Falle Mozarts genügen
die Fakten und die nüchterne Wahrheit anscheinend nicht.
Das Begräbnis
und das unbekannte Grab
A propos 'Der Fall Mozart': Das neue Werk
von Helmut Perl (+2004, kurz vor Erscheinen seines Buches)
setzt sich ausgiebig mit den 'Geheimnissen' um Mozarts Begräbnis
auseinander und stellt die verschiedenen Versionen gegeneinander,
um – 'mit allem Vorbehalt und sehr gewagt' – zu
einer eigenen Rekonstruktion des Geschehens zu gelangen, die
er selbst schließlich als 'hypothetisch' bezeichnet.
Ein Mitglied der Familie habe die Nachricht an die Domgemeinde
St. Stephan gebracht, nichts ahnend von der auf Mozart lastenden
Exkommunikation. Die Geistlichen „mussten Mozart das
christliche Bestattung, die damals die einzige ehrenhafte
war, verweigern.“ 30)
Nach deren Ablehnung, sei van Swieten eingeschaltet
worden, während gleichzeitig der Kaiser – es war
bekanntlich inzwischen Leopold II. als Nachfolger seines Bruders
Josephs II. – davon benachrichtigt wurde. Swieten soll
danach zum Kaiser gegangen sein, doch dieser „lehnte
jedes Eingreifen ab, zumal er zu diesem Zeitpunkt bereits
eindeutig Position gegen die Wiener Illuminaten bezogen hatte.“
Weil Swieten sich aber weigerte, einen „unehrenhaften
Abgang der Leiche Mozarts zu organisieren, erhielt er aus
kaiserlicher Vollmacht Befehl mit genauen Anweisungen. So,
und vielleicht nur so, lässt sich das Hinwegführen
Constanzes und auch die Bestellung des billigsten Begräbnisses
erklären.“ 31)
Was man noch liest: Nach Wolfgangs Tod, erlitt
Constanze einen Hysterieanfall. Sie versuchte, so heißt
es, zu dem Toten ins Bett zu kriechen, um von der gleichen
Krankheit angesteckt zu werden und ihm ins Grab folgen zu
können. Das aber muss schon wegen des Gestanks, von dem
ihr Sohn berichtet, bezweifelt werden.
Sollten wir nicht zuerst einmal erneut sicheren Boden betreten?
Als erster wird Johann Georg Albrechtsberger
(1736-1809), dem nach Mozarts ausdrücklichem Wunsch zuerst
die Todesnachricht überbracht werden sollte, dem Toten
die letzte Ehre erwiesen haben. Dieser blieb bis zur Einsegnung
in einem offenen Sarg in der Wohnung neben dem Fortepiano
aufgebahrt: „Mad. Mozart öfnete mir selbst die
Thüre der Wohnung, u: führte mich in ein Kabinet
linker Hand, wo ich den entseelten Meister aufgebahrt, in
einem Sage liegend, mit einem schwarzen Habite angethan welcher
m. Kapuzze das blonde Haupt bis zur Stirn einhüllt, die
Hände über die brust gefaltet, erblickte!“
33)
Dr. Joseph Müller, alias Graf Deym von
Strzitez, nahm die Totenmaske ab. Constanze sollte sie später
brechen. Schikaneder kam hoch und „schrie laut auf:
'Sein Geist verfolgt mich allenthalben: er steht immer vor
meinen Augen.' “ 34)
Was nun Gottfried van Swieten angeht, so
war der tatsächlich als einer der ersten herbeigeeilt,
obschon der Kaiser ihn aus sämtlichen Ämtern entlassen
hatte, um den „unbequemen Hintertreiber seiner Dekrete
loszuwerden.“ 35)
Swieten schlug danach vor, ein Begräbnis dritter Klasse
mit dem kleinsten Kondukt zu bestellen.
Gottfried van Swieten war einer der ersten,
die an Mozarts Todesbett standen. Er war es auch, der vorschlug,
ein Begräbnis dritter Klasse mit dem kleinsten Kondukt
zu bestellen.
Laut Tarifordnung (Stolordnung) beliefen
sich die Ausgaben dazu auf 4 fl 36 x Pfarrgeld für Trauerkondukt
und Einsegnung; 4 fl 20 x Kirchengeld, davon 30 Kreuzer für
den Totengräber und 1 Gulden für die Grabstätte,
sowie 3 Gulden für einen eigenen Leichenwagen, der den
Sarg vom Totenhaus zum Stephansdom führte. Total: 11
Gulden 56 Kreuzer.
Für diesen Ratschlag wurde van Swieten
von vielen Autoren kritisiert, die zugleich die Gelegenheit
benutzen zu behaupten, die Freimaurer hätten nichts für
Mozart getan. 36)
Wenn denn – nach einer Exkommunikation – nun aber
tatsächlich kein anderes Begräbnis möglich
gewesen wäre? Van Swieten, der reich und generös
genug war, hätte sicher ein feierlicheres Begräbnis
zahlen können, aber da lag eben nicht das Problem.
Es gab zuerst einmal ein finanzielles im
Hause Mozart selbst. Die Kosten des Begräbnisses stellten
genau ein Fünftel des Geldes dar, über das die Familie
noch verfügte, denn Mozart starb ohne finanzielle Rücklagen.
Er hinterließ etwa sechzig Gulden an Bargeld und, nach
Constanzes Aussage, etwa 3.000 Gulden an Schulden (1 Gulden
= EUR 20,35). 37) Diese hohe Summe ist nicht zu erklären,
wenn man allein Constanzes Nachlassinventar in Betrachtung
zieht, denn hier geht die Rede von nur 918 fl.16 kr. 38) Man
weiß aber, dass Michael Puchberg noch über 1.000
Gulden zugute hatte. Zudem waren 1435 fl 32 kr. an Fürst
Carl von Lichnowsky zu Zahlen. Es gibt nämlich den Eintrag
eines Urteils ins Protokollbuch der Hofkammer (Camerale 1791)
vom 12. November, der lautet: "4384 N: Ö: Landrecht
erinnert unter November 1791 [fol 1587r] 9ten et prs: 12 =
9mb: 791: Daß Karl / Fürst v: Lichnowskj Ca dem
K : K : Hof / Kappelmeister Wolfgang Amade / Mozart wegen
schuldigungen 1435 f / 32 Xr samt 24 f Gerichts Kosten / sowohl
die Pfändung, als auch die / Erfolglassung dessen Besoldungs
/ Hälfte bewürkt habe.“ 39)
Dies besagt nichts weniger, als dass Carl
von Lichnowsky für geliehenes Geld, das bis dahin nicht
zurückerstattet worden war, einen Prozess gegen Mozart
angestrengt hatte und dass dieser den Prozess acht Tage vor
seiner endgültigen Erkrankung verloren hatte. Das Urteil
war hart: Die Hälfte von Mozarts Gehalt sollte eingezogen
und seine Möbel sollten verpfändet werden. 40)
Bringt man all diese Angaben und Unterlagen
zusammen, so wäre die von Constanze vorgegebene Schuldensumme
weit überschritten. Durch das Inventar wird gleichzeitig
auch deutlich, dass Mozart seinerseits – trotz aller
finanziellen Probleme – seine Freunde, und vor allem
seine Ordensbrüder, unterstützt hatte. So sind 800
Gulden an ausgeliehenen und zum Teil nicht mehr einbringlichen
Geldern vermerkt. 41)
Damit stellt sich die Frage, ob es nicht im Interesse der
gegebenen Umstände war, die Begräbniskosten so klein
wie möglich zu halten. Darüber haben sich nun ja
auch mehr als genug Autoren aufgeregt, zuletzt eben Helmut
Perl. Immerhin aber war diese Entscheidung eine vernünftige,
ob sie nun, wie Perl meint, von den Autoritäten erzwungen
oder eine freie Entscheidung der engsten Verwandten und Freunde,
insbesondere von Baron van Swieten, war.
Es wäre auch unmöglich gewesen,
Mozart ein Begräbnis erster Klasse zu geben, ein solches
war grundsätzlich dem Adel und dem hohen Klerus vorbehalten
und konnte die horrende Summe von über 340 Gulden kosten
42); aber bereits ein Begräbnis zweiter Klasse kostete
37 Gulden. Dafür gab es sechs Sargträger und Messdiener
(Begleitknaben) statt nur vier, drei Geistliche statt einem,
mehr Leuchten und Musik: "Es fehlten also rund 25 fl.,
um Mozart ein würdiges Begräbnis zu gewähren?“
43) Nur: der Preisunterschied zwischen den beiden Klassen
stand in keinem Verhältnis zum Mehrangebot. 44)
Mozart bekam dasselbe Begräbnis, wie
85 Prozent aller Wiener Bürger. Es war "ein getreues
Spiegelbild der aus spätjosephinischer Zeit übernommenen
Begräbnisvorschriften“ 45) und entsprach "genau
der damals in Wien geltenden Bestattungsordnung.“ 46)
Kein Armenbegräbnis!
Vor allem aber war dies kein Armenbegräbnis.
Die waren unentgeltlich und erfolgten in Massengräbern.
Zudem hatte Mozart einen Kondukt vom Totenhaus in der Rauhensteingasse
zum Stefansdom: "an der Spitze der Kreuzträger,
dann vier Mann mit dem von einem Bahrtuch bedeckten Sarg,
flankiert von vier Knaben mit Windlichtern.“ 47) Mozart
hatte also einen Sarg, wenigstens bis zur Beerdigung. Es ist
allerdings wahrscheinlich, dass die 'Todtentruhe' weiterverwendet
wurde, wie im Film Amadeus gezeigt wird, nur dass der Sarg
sich unten und nicht an einem der beiden Ende öffnete.
Die Begräbnisvorschriften war hervorgegangen
aus den Bestimmungen Josephs II. vom 7.2.1782, vom 5.12.1783,
vom 23.8. und 13.9.1784, sowie vom 17.1. und 2.4.1785: Friedhöfe
mussten außerhalb der Stadtmauern angelegt werden; die
Grabstellen sollten mehrere Leichen aufnehmen können,
grundsätzlich vier Erwachsene und zwei Kinder; die Leichen
sollten "ganz blos ohne Kleidungsstücke“ 48)
in die Leichentücher eingenäht werden. Gegen die
letzte Bestimmung gab es sofort heftigen Widerstand, so dass
sie 1791 nur noch für die Armenbegräbnisse ihre
Gültigkeit behielt. Auch zahlreiche andere Verordnungen
waren inzwischen (12.8.1788) wieder aufgehoben worden, nicht
aber die, die eng mit der Angst verbunden war, auch Scheintote
zu begraben. Sie verlangte, dass zweimal 24 Stunden gewartet
werden musste, bevor die Toten in die Erde gelegt wurden.
49)
Nachdem die Leiche Mozarts in einem mit zwei
Pferden bespannten Leichenwagen zum Dome überführt
worden war, fand die Einsegnung bei Abläuten der Totenglocke
am 6. Dezember um 15 Uhr "in der über dem Abgang
zu den seit 1783 nicht mehr benützten Katakomben errichteten
Kruzifixkapelle“ 50) statt. Ihr folgte eine kurze Totenfeier,
die zugleich den Abschied der Familie und Freunde darstellte.
Damit war der kirchliche Teil abgeschlossen. Es ging recht
schnell, da aus den Katakomben ein unerträglicher Geruch
hochstieg. Nachher wurde die Leiche 'beigesetzt'. Das hieß:
sie kam in die dafür vorgesehene Totenkammer, die in
St. Stefan "in der einspringenden Ecke zwischen Frauenchor
und Nordturm“ 51) lag und in die man nur von außen
gelangte.
Wie viele Familienmitglieder und Freunde
beim letzten Abschied von Mozart dabei waren, bleibt ungewiss.
Die folgende Liste stützt sich auf verschiedene, sich
mit den Namen überschneidende Dokumente: Mozarts Schwager
Lange und Hofer, wohl auch Sophie Weber, die sich so rührend
um ihn gekümmert hatte, Magdalena Hofdemel 52), Joseph
Deiner, die Komponisten Albrechtsberger, Eybler, Salieri,
Süßmayr, Otto Hatwig 53), Emanuel Schikaneder,
dessen Bruder Urban und Mitglieder seiner Theatertruppe: der
Orchesterleiter Roser, der Tenor und Komponist Schack, ein
Freund des Hauses, schließlich van Swieten und einige
ungenannte Freimaurer. Ob Constanze dabei war, bleibt weiterhin
höchst ungewiss. Nissen schreibt, sie sei zu Bauernfeind,
"dem Associé Schikaneders, und dann zu Hrn. Goldhahn
gebracht worden“ 32), wohl gemeinsam mit ihren beiden
Söhnen.
Danach aber folgt die große Kontroverse, die von Bericht
zu Bericht ändert und bis heute große Aufregung
hervorruft.
Erinnern wir hier an einen Kupferstich von
P.R. Vigneron mit dem Titel 'Armenbegräbnis', der einen
Leichenwagen nur von einem Hund begleitet darstellt. Beethoven
war davon derart berührt, dass er ihn in seinem Zimmer
zu Ehren Mozarts an die Mauer geheftet hatte: Eine andere
Legende war geboren, die des Begräbnisses ohne Begleitung.
Auch die Unverzagtesten hätten bei Wind,
Schnee und Regen den Mut verloren und seien beim Stubentor,
von wo es hinaus auf den Friedhof St. Marx geht, umgekehrt.
So sei Mozart, von allen verlassen, zu seiner letzten, unbekannten
Ruhestätte geführt worden auf einen neuen Friedhof,
der erst 1784 eröffnet worden war für eine ganze
Anzahl von Wiener Pfarreien, darunter die Dompfarre St. Stefan,
und der etwa fünf Kilometer vom Dom, dreieinhalb Kilometer
vom Stubentor entfernt liegt.
Noch ehe es zu den josephinischen Begräbnisordnungen
kam, aber war es bereits eine Gepflogenheit, dass die Überführung
der Leichen von St. Stefan in den Abendstunden stattfand.
1782 wurde diese Usance sogar vom Kaiser zur Nachahmung empfohlen.
Selbst, wenn danach viele Verordnungen wieder rückgängig
gemacht wurden und die komplette Begräbnisordnung 1987
"praktisch vom Tisch“ 54) war, so blieb diese wirksam.
Mehr noch: Nach dem Hofdekret Leopolds II. vom 17.7.1790,
bestätigt am 28.10.1790, durften die Leichen nie vor
sechs Uhr im Winter, neun Uhr im Sommer, also vor Einbruch
der Dunkelheit, eingesammelt und auf die Friedhöfe gebracht
werden.
Damit fällt ein großer Teil der
Argumentationen so vieler Kommentatoren, auch die von Perl,
in sich zusammen. Wenn es auch gestattet war, die Leichenwagen,
die alle Verstorbenen des Tages gemeinsam auf den Totenacker
brachte, zu folgen, so bleibt doch die Frage berechtigt, ob
es nach Einbruch der Dunkelheit noch Sinn gemacht hätte,
den einstündigen Weg zum Friedhof zu machen, vor allem,
da die Begräbnisse nicht gleich stattfanden. Für
die Beerdigung von Mozarts Leiche geht man jetzt davon aus,
dass sie am andern Morgen, dem 7. Dezember, durch den Totengräber
und seine Gehilfen vorgenommen wurde, ohne Präsenz eines
Geistlichen oder von Familienangehörigen. Sie wurde in
ein "allgemeines einfaches Grab“ gelegt, das auch
mehrere Körper aufnehmen konnte; Einzelbestattungen waren
aber mit der Verordnung vom 5.12.1783 wieder gestattet worden.
Das ist also der Grund gewesen, warum keiner
dem Leichenwagen gefolgt ist: Man hatte Abschied von Mozart
bei der Einsegnung genommen. Mozarts Grab war zudem auch kein
Massengrab, wie man immer noch lesen kann, sondern seine Bestattung
war die Begräbnisform von mehr als Vierfünfteln
der Wiener.
Nach Constanzes Aussage, sollte Mozart einen
Grabstein bekommen, erhielt aber keinen solchen, worüber
man sich zu Recht Fragen stellen kann. Eine davon darf sein:
Ob das mit der von Perl vorausgesetzten Exkommunizierung zu
tun haben kann?
Noch von einer weiteren Legende heißt
es Abschied nehmen: der vom schlechten Wetter mit Schneegestöber
und eisigen Winden. Für den 6. Dezember notierte Graf
Zinzendorf nämlich in sein Tagebuch: "tems doux
et brouillard frequent“ (mildes Wetter mit häufigem
Nebel), und eine Temperatur zwischen +2,6 und +3, mit einem
‚vent d’est faible’ (schwachen Ostwind)“.
55) Diese Eintragungen werden bestätigt durch die Wiener
Sternwarte, die 'windstill' notiert und eine Temperatur von
5° Réaumur, etwa 4° Celsius, für diesen
Tag meldet. 56) Am 7. aber wurde das zuerst noch freundliche
Wetter so abscheulich 57), dass die Legende vom einsamen Begräbnis
bei Sturm und Schnee ihren Ursprung nehmen konnten.
So gibt es für die meisten Vorfälle
um den "höchst traurigen und schmachvollen Gegenstand“
58) des Begräbnisses von Mozart ganz einfache Erklärungen.
Im Gegensatz auch zu dem, was viele (auch Perl) behaupten,
es sei kein Totenamt für Mozart gelesen worden, fanden
feierliche Exequien für ihn nicht nur in Prag am 14.
Dezember, sondern bereits am 10. in Wien statt. Nur drei Tage
nach dem Begräbnis wurde eine solche Totenfeier von Schikaneder
und seinem Partner Josef von Bauernfeld in der St. Michaelkirche
"für den großen Tonkünstler Mozart“
abgehalten, und man darf sogar davon ausgehen, dass dabei
die beiden fertigen Teile des Requiems, nämlich Introitus
und Kyrie, zum ersten Male gesungen wurden. Dabei beliefen
sich die Kosten dieser Exequien (2. Klasse) für "Geläute,
Priester, Ornat, Antependium und Leuchterträger“
auf 12 Gulden 9 Kr. 59)
Ebenfalls im Dezember, und nicht erst "nach
dem Tode des Kaisers, Ende 1792“ 60) hielten die Maurer
eine Trauerfeier für ihren Bruder Mozart in der Loge
ab, bezeichnenderweise anlässlich einer Meistererhebung,
während der Friedrich Hensler, Dichter und Librettist,
dessen Verdienste unterstrich.
1792 wurde Henslers Rede durch Ignaz Alberti
zugunsten der Familie des Verstorbenen herausgegeben. Bereits
im Januar des gleichen Jahres veröffentlichte die Wiener
Zeitung einen Aufruf zur Subskription der maurerischen Kantate
K.623 ("Laut verkündet unsre Freude“), Mozarts
letztem vollendetem Werk zum Preise von 15 Gulden. Die Zeitung
sprach zu Recht von einem 'Schwanengesang'. Auch hier kam
der Erlös Constanze und ihren Kindern zu, um die sich
van Swieten und Puchberg, ebenso wie Haydn kümmerten.
Puchberg stornierte die 1.000 Gulden, die
Mozart ihm noch schuldete und fuhr fort, Constanze Geld vorzustrecken,
bis all ihre Schulden bezahlt waren. Ein Unbekannter muss
ebenfalls die von Fürst von Lichnowsky erwirkte Rückzahlung
von 1.469 Gulden und 32 Kreuzer geleistet haben, denn sie
tauchen nirgendwo mehr auf, und es ergaben sich für Constanze
auch keine anderen negativen Konsequenzen aus dem verlorenen
Prozess. Mozarts Witwe war 1797 bereits so reich, dass sie
imstande war, den Duscheks in Prag 3.500 Gulden zu leihen.
Damit ist ebenfalls der Vorwurf widerlegt,
die Freimaurer hätten nichts für Mozart getan. Das
Gegenteil ist wahr: Sie haben ihre maurerische Pflicht gegenüber
der Witwe und den Kindern ihres toten Bruders Mozart voll
erfüllt.
Keine Erklärung gibt es allerdings dafür,
wieso Constanze – ihr zweiter Ehemann Nissen schreibt
dies 62) – den Weg zum Friedhof erst 1808 nahm, demnach,
etwa siebzehn Jahre nach dem Tode ihres Gatten. Dort erfuhr
sie, dass der damalige Totengräber, Joseph Rothmeyer,
verstorben und die Gräber, gemäß der Tradition,
umgegraben worden waren, was hieß, dass die verbliebenen
Gebeine herausgenommen worden und für neue Tote Platz
gemacht worden war. Die Reste waren zusammengebracht und mit
Erde überschüttet worden.
Kurzes Fazit
So sieht das Lebensende Mozarts aus, wenn
man sich an die Tatsachen hält, denn diese sind überprüft
und dokumentarisch belegt. Nur muss man sich dafür sich
an die entsprechenden Instanzen in Wien und Salzburg wenden,
die bereitwillig Hilfe leisten, wenn sie gefragt werden. Das
aber geschieht auch weiterhin in den wenigsten Fällen.
Noch schreibt einer lieber beim andern ab, was denn auch zu
dem Bilde führt, das man sich selbst heute noch ganz
allgemein von Mozart macht.
Es besteht aus Mythen und Legenden, Irrtümern, Spekulationen
und Verleumdungen, besonders, was die sieben letzten Lebensjahre
angeht, als Mozart Mitglied der Loge 'Zur Wohlthätigkeit'
geworden war.
Zum Autor
Guy Wagner, der soeben mit seinem neuen Werk
über Franz Schubert: 'Winterreise. Roman' den 1. Preis
im Nationalen Literaturwettbewerb erhalten hat, ist auch als
Mozartforscher, was die sieben letzten Lebensjahre des Komponisten
angeht, international bekannt. Sein 'Bruder Mozart' erschien
auf französisch, deutsch (2. Auflage) und polnisch. Der
Autor wurde aus diesem Grunde zu einem internationalen Symposium
'Mozart und die geheimen Gesellschaften seiner Zeit' eingeladen,
das am 19. und 20. Mai 2006 in Wien abgehalten wird, um über
das Thema 'Mozart als Freimaurer' zu referieren.
Am 29. Januar 2006 strahlt Radio 100,7 das Konzert der 'Musiciens'
unter der Leitung von Pierre Cao mit der freimaurerischen
Musik von Mozart aus, das im Rahmen des Echternacher Festivals
2004 stattfand. Zu dieser Sendung wird Guy Wagner eigens neue
Kommentare auf Luxemburgisch verfassen.
In der ersten Jahresnummer von 2006 der Kulturzeitschrift
'Galerie' erscheinen unter dem Titel: 'Der Herr und der Meister'
drei Kurzgeschichten von Guy Wagner, die sich mit dem Thema
Lichnowsky ('der Herr') und Mozart ('der Meister') befassen.
Anmerkungen
1. Hildesheimer: Mozart, S.376
2. H.C. Robbins Landon: 1791, S.148
3. Gagelmann: Mozart hat nie gelebt, S.20 ff
4. Otto Biba in: Mozart, Bundespressedienst, Wien, 1990, S.26
5. Georg Nikolaus Nissen: Biographie W.A. Mozarts, 1972 (Nachdruck),
S.572
6. cf. Braunbehrens, S.427 ff
7. Sophie Haibel-Weber, cf. Landon, S.166, Braunbehrens, S.428
8. S.44 sq. 220
9. cf. Landon, S.167
10. Landon: 1791, S.178/79 – Gagelmann, S.72/74
11. cf. Landon, S.158
12. cf. Landon, S.166, Nissen zitierend
13. cf. u. a. Braunbehrens, S.429
14. Jean Victor Hocquard: Mozart, S. 608.
15. Massin, S.573, Schenk, S.577
16. Perl, S.263 ff. Perl begeht in seinen beiden Büchern
eine schwerwiegende Verwechslung, indem er Illuminaten und
Freimaurer gleichsetzt und Mozarts Logen "Zur Wohlthätigkeit“
und „Zur (Neu)gekrönten Hoffnung“ als "Illuminaten“-Logen
ansieht. Nun aber hatten diese keine eigenen Logen, sondern
waren in einigen der Wiener Bauhütten mehr oder weniger
stark vertreten.
17. Novello, S.124-128
18. ... vielleicht auch er Freimaurer: "sein Werkverzeichnis
enthält jedenfalls verschiedene maurerische Musiken“
(Chailley, S.330)
19. Landon: 1791, S..113+119
20. Gagelmann, S.35-43, Braunbehrens, S.431
21. cf. Carr, S.205 ff
22. Hochhuth in: Nachtmusik
23. Hochhuth: Täter und Denker, S.274.
24. cf. Dieter Kerner, Wolfgang Ritter – cf. Ludwig
Köppen: Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst,
2004
25. cf. Dalchow, Duda, Kerner: Mozarts Tod, S.50ff
26. cf. Mathilde Ludendorff: Mozarts Leben und gewaltsamer
Tod, München, 1936, zitiert von Michael Winter, in: Mozart,
VITA 1, Hamburg, 1990, S.78 ff
27. Dr. Davies, zitiert von Landon in: 1791, S.176, cf. Gagelmann,
S.70 ff
28. Hans Bankl, in: Zaubertöne, S.538 ff, und PARNASS
6, S.91 ff
29. http://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=153372
30. Perl, S.265
31. Perl, S.271-272
32. Nissen, S.572
33. Bericht von Mozarts Schüler Ludwig Gall, zitiert
in Zaubertöne, S. 542.
34. Nissen, S.576
35. Perl, S.272
36. Annette Kolb: Mozart, Frankfurt, 1985, S.180: „Sie
ihrerseits taten nichts für ihn, weder als er in Not
geriet, noch als er starb, nichts, um ihn würdig zu bestatten.“
– cf. auch S.308 ff
37. Landon: 1791, S. 182
38. Detaillierte Aufstellung von Soll und Haben bei Braunbehrens,
S.448-449
39. Camerale Protokoll 1791, fos 1586v°-1587r°
40. cf. Landon: Mozart et les francs-maçons, S. 8,
cf. Zaubertöne, S.399
41. Dokumente, S.494, davon 500 Gulden an Anton Stadler „ohne
obligo“, – cf. Braunbehrens, S.449
42. cf. Walther Brauneis in: Zaubertöne, S.547 und Braunbehrens,
S.440ff
43. So fragt Perl, S.249
44. Diese Hinweise verdanke ich Frau Dr. Waltraud Herzog,
Mitautorin des Filmes: Mozart. Ein Kopf mit vielen Gesichtern
– cf. auch Zaubertöne, S.534
45. Walther Brauneis in: Zaubertöne, S.546
46. Biba, S.26
47. Zaubertöne, S.542
48. Braunbehrens, S.438
49. cf. Braunbehrens, S.436 ff – cf. auch Gagelmann,
S.24 ff
50. Zaubertöne, S.542
51. Zaubertöne, S.543
52. Laut Hochhuth. Belege für ihre Anwesenheit gibt es
allerdings nicht.
53. Komponist, Fagottist, Violinist und Leiter eines Privatorchesters,
in dem der junge Franz Schubert die Violine spielte. Hatwig
sollte in Schuberts Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielen.
54. Perl, S.237
55. Dokumente, Addenda u. Corrigenda, S.73 – cf. Chailley,
S.79 (dies schon 1968!)
56. Zaubertöne, S.528
57. Braunbehrens, S.441, Gagelmann, S.21
58. … als den Perl Mozarts Begräbnis und die damit
verbundenen Umstände ansieht
59. Zaubertöne, S.529
60. Perl, 272
61. Die Hintergründe dieses unverständlichen Prozesses
zu klären, das wäre eine echte Aufgabe für
Mozartforscher. Mit Hilfe des Österreichischen Botschafters
in Luxemburg, S. E. Walter Hagg und seiner Gattin Aglaë,
die eine direkte Nachkommin der Familie Thun ist – Christiane
von Thun war mit Fürst Carl von Lichnowsky verheiratet
–, habe ich leider ergebnislos versucht, an die Nachkommen
der Lichnowskys in Südamerika heranzukommen. Vielleicht
ist ein anderer erfolgreicher.
62. Nissen, S.576
Auswahlbibliographie
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(Herausgabe: Wilhelm A. Bauer, Otto Erich Deutsch, Joseph
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BAER, Carl: Mozart. Krankheit – Tod – Begräbnis.
Int. Stiftung Mozarteum, 1972.
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CARR, Francis: Mozart und Constanze, Stuttgart, 1986
CHAILLEY, Jacques: La Flûte enchantée, opéra
maçonnique. Paris, 1975
DEUTSCH Otto-Erich: Mozart. Dokumente seines Lebens, Kassel,
1961
DIBELIUS, Ulrich: Mozart-Aspekte, München, 1972
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Bilanz, Freiburg, 1990.
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HOCHHUTH, Rolf: Das Recht auf Arbeit – Nachtmusik. Zwei
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von Cäsar bis Jünger. Darin: Mozart und das Ehepaar
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Neustadt, 1988
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Köppen, Ludwig: Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst,
Köln, 2004
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1991
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RITTER, Wolfgang : Wurde Mozart ermordet? Eine psychographische
Studie, Frankfurt, 1989.
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SCHULER Heinz: „Mozart von der Wohlthätigkeit“.
Die Mitglieder der gerechten und vollkommenen St. Johannis-Freimaurer-Loge
„Zur Wohlthätigkeit“ im Orient von Wien,
Internationale Stiftung Mozarteum, Salzburg
SPELLER, Jules: Mozarts Zauberflöte. Eine kritische Auseinandersetzung
um ihre Deutung, Oldenburg, 1998
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WYZEWA, Théodore de, SAINT-FOIX, Georges de: Wolfgang
Amadeus Mozart (Vol. I & II), Paris, 1986.
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1991
Museen der Stadt Wien: Zaubertöne. Mozart in Wien 1781-1791.
Tino Erben (Gestaltung).
Museen der Stadt Wien: Mozart-Wohnung (Figarohaus) Wien 1,
Domgasse 5, 1987
Museumsverein Rosenau: Freimaurerei um Joseph II. Die Loge
Zur Wahren Eintracht, Wien, 1980
Kunsthistorisches Museum Wien: Die Klangwelt Mozarts, 1991
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