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Nie haben sich in dieser Welt Dummheit, Unwissenheit
und auf mangelnder Sachkenntnis beruhende Urteile so sehr
propagiert wie seit dem Aufkommen von Internet-Blogs. Das
ist haarsträubend!
Nie hat es einen derartigen Mangel an Kompetenz,
aber auch an Sinn für Ordnung und Ästhetik gegeben
wie in diesen Tagen des schnellen Konsums, der oberflächlichen
Information, der funnigen Showmania.
Nie hat sich in dieser Welt die Klassik so
beim Pop angebiedert wie heute. Dabei ist es völlig falsch
anzunehmen, dass sich das Klassik-Publikum als solches erneuern
und erweitern lässt, indem man Klassik mit Pop kredenzt.
Genau so unsinnig ist es, Klassik mit populistisch
populären Figuren zu servieren, um die Musik zu verbreiten.
Ich denke da etwa an den armen Thomas Gottschalk, den unverantwortliche
Veranstalter als Präsentator der Echo Klassik-Preise
vor laufenden ZDF-Kameras ins Messer laufen ließen.
Von den vielen Zuschauern mögen zwar nicht alle mitbekommen
habe, wie der bar jeden Musikverständnisses agierende
Showmann sich unsterblich blamierte ("Ich wusste nicht,
dass ein Klavierquartett nicht aus vier Klavieren besteht..."),
aber das ist ja auch nicht ausschlaggebend. Fakt ist, dass
dies - auch vom Konzept her - eine dumme Sendung war, die
nur bestätigte, was die FAZ schrieb, nämlich, dass
ein Künstler sich schon fast schämen muss, wenn
er einen Echo-Preis bekommt. Da setzen die Juroren der International
Classical Music Awards (ICMA), dem Nachfolger-Preis der Midem
Classical Awards, ganz andere Akzente, belohnen nicht den
gängigen Mainstream - es sei denn er verdient es wirklich
- , sondern spüren dem Besonderen nach, dem wirklich
Wertvollen. Die internationale Jury der ICMA ist gegenwärtig
dabei, in mehreren arbeitsintensiven Abstimmungsvorgängen
in 15 Kategorien die Gewinner des Preises für den Jahrgang
2011 zu ermitteln.
Doch zurück zur Musikverbreitung: Es
gibt weiß Gott andere Methoden, um klassische Musik
für ein neues Publikum attraktiv zu machen als Populismus.
Da lobe ich mit doch die Initiative einer Radiostation in
Oldenburg, deren Verantwortliche sich mit dem bekannten Cellisten
Alban Gerhardt eine ganz besondere Aktion ausgedacht hatten:
Gerhardt trat in der norddeutschen Stadt nicht in einem traditionellen
Konzertsaal auf, sondern die Hörerinnen und Hörer
des Senders bestimmten den Ort des Geschehens! Gerhardt oblag
es, aus den originellsten Hörervorschlägen seine
Wahl zu treffen. Und so konzertierte der Cellist denn in kleinen
Privatkonzerten (ohne Gage!) in einer Musicalschule, in einem
Institut für Physiotherapie und in einem Gasthof bei
einem Meeting von Atomkraftgegnern.
Beeindruckt hat mich auch die Kompromisslosigkeit,
mit der ein türkischer Unternehmer in Istanbul Kultur
und insbesondere Musik unterstützt: Die Borusan Holding
(siehe unseren Bericht Seite 11) setzt auf Qualität und
nicht auf Quantität, fördert im Rahmen ihrer vielfältigen
Aktivitäten auch junge Musiker und zeitgenössische
Komponisten und veranstaltet ebenfalls Konzerte, die nicht
unbedingt Publikumsmagneten sind, dafür aber Niveau haben
und den Musikliebhabern in der türkischen Metropole Musik
präsentieren, die dort nicht unbedingt ständig auf
den Spielplänen steht. Das verdient Hochachtung! Remy
Franck
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