-- Editorial 12/2010 --
Zweierlei Wege

Nie haben sich in dieser Welt Dummheit, Unwissenheit und auf mangelnder Sachkenntnis beruhende Urteile so sehr propagiert wie seit dem Aufkommen von Internet-Blogs. Das ist haarsträubend!

Nie hat es einen derartigen Mangel an Kompetenz, aber auch an Sinn für Ordnung und Ästhetik gegeben wie in diesen Tagen des schnellen Konsums, der oberflächlichen Information, der funnigen Showmania.

Nie hat sich in dieser Welt die Klassik so beim Pop angebiedert wie heute. Dabei ist es völlig falsch anzunehmen, dass sich das Klassik-Publikum als solches erneuern und erweitern lässt, indem man Klassik mit Pop kredenzt.

Genau so unsinnig ist es, Klassik mit populistisch populären Figuren zu servieren, um die Musik zu verbreiten. Ich denke da etwa an den armen Thomas Gottschalk, den unverantwortliche Veranstalter als Präsentator der Echo Klassik-Preise vor laufenden ZDF-Kameras ins Messer laufen ließen. Von den vielen Zuschauern mögen zwar nicht alle mitbekommen habe, wie der bar jeden Musikverständnisses agierende Showmann sich unsterblich blamierte ("Ich wusste nicht, dass ein Klavierquartett nicht aus vier Klavieren besteht..."), aber das ist ja auch nicht ausschlaggebend. Fakt ist, dass dies - auch vom Konzept her - eine dumme Sendung war, die nur bestätigte, was die FAZ schrieb, nämlich, dass ein Künstler sich schon fast schämen muss, wenn er einen Echo-Preis bekommt. Da setzen die Juroren der International Classical Music Awards (ICMA), dem Nachfolger-Preis der Midem Classical Awards, ganz andere Akzente, belohnen nicht den gängigen Mainstream - es sei denn er verdient es wirklich - , sondern spüren dem Besonderen nach, dem wirklich Wertvollen. Die internationale Jury der ICMA ist gegenwärtig dabei, in mehreren arbeitsintensiven Abstimmungsvorgängen in 15 Kategorien die Gewinner des Preises für den Jahrgang 2011 zu ermitteln.

Doch zurück zur Musikverbreitung: Es gibt weiß Gott andere Methoden, um klassische Musik für ein neues Publikum attraktiv zu machen als Populismus. Da lobe ich mit doch die Initiative einer Radiostation in Oldenburg, deren Verantwortliche sich mit dem bekannten Cellisten Alban Gerhardt eine ganz besondere Aktion ausgedacht hatten: Gerhardt trat in der norddeutschen Stadt nicht in einem traditionellen Konzertsaal auf, sondern die Hörerinnen und Hörer des Senders bestimmten den Ort des Geschehens! Gerhardt oblag es, aus den originellsten Hörervorschlägen seine Wahl zu treffen. Und so konzertierte der Cellist denn in kleinen Privatkonzerten (ohne Gage!) in einer Musicalschule, in einem Institut für Physiotherapie und in einem Gasthof bei einem Meeting von Atomkraftgegnern.

Beeindruckt hat mich auch die Kompromisslosigkeit, mit der ein türkischer Unternehmer in Istanbul Kultur und insbesondere Musik unterstützt: Die Borusan Holding (siehe unseren Bericht Seite 11) setzt auf Qualität und nicht auf Quantität, fördert im Rahmen ihrer vielfältigen Aktivitäten auch junge Musiker und zeitgenössische Komponisten und veranstaltet ebenfalls Konzerte, die nicht unbedingt Publikumsmagneten sind, dafür aber Niveau haben und den Musikliebhabern in der türkischen Metropole Musik präsentieren, die dort nicht unbedingt ständig auf den Spielplänen steht. Das verdient Hochachtung! Remy Franck

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