-- Editorial 02/2010 --
MTT sei's gedankt!

Muss Musik erklärt werden, kann Musik erklärt werden? Der Dirigent Johannes Wildner meint: "Die Musik erklärt sich von selbst, man muss sie nur zuerst einmal wirken lassen..." Um aber wirken zu können, muss sie gehört werden. Vielleicht sollte man also, wenn es darum geht, ein neues Publikum für Klassik zu sensibilisieren, damit beginnen, das Hören zu erklären und das Hören zu lehren. Parallel muss Klassik natürlich interessant und attraktiv gemacht werden. Darin liegt das Erfolgsrezept jeder Sensibilisierungsarbeit. Wildner sagt daher völlig zu Recht: "Kinder mögen das, was sie kennen. Wenn wir nicht in der Lage sind, die Speisekarte so zu drucken, dass deutlich daraus hervorgeht, dass es außer Schnitzel auch Schweinskotelett, gebackenen Fisch und Vegetarisches gibt, haben wir verloren. Wer in der Speisekarte nur Schnitzel findet, kommt nicht auf die Idee, dass es auch etwas anderes geben könnte."

Das Philharmonische Orchester Luxemburg hat mit der neuen Konzertreihe 'Dating:' Fisch und Kotelett aufs Menü gesetzt und es geschafft, Klassik-Abstinenzler und junge Einsteiger in die Philharmonie zu bringen. Das ist mehr als beeindruckend! Und der Erfolg verpflichtet. Vielleicht kann es ja künftig auch noch Lammkeule, Sushi und marinierte Austern geben.

Ein anderes Erfolgsprojekt in Sachen Klassikverbreitung kommt aus den USA und ist in seiner Art so einmalig, dass man ihm nur größten Erfolg wünschen kann. Michael Tilson Thomas und das San Francisco Symphony Orchestra haben das ambitiöse Projekt 'Keeping Score' ins Leben gerufen, das mit eigener Webseite, Fernseh- und Radiosendungen sowie DVD-Produktionen hochgesteckte Ziele verfolgt.
Das multimediale Programm hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit prätentiösem Bildungsgelaber oder Faktenschinderei für Spezialisten. Und genau so wenig kann man ihm
Substanzarmut vorwerfen.

Michael Tilson Thomas' Projekt ist die konsequente Fortführung der Arbeit, die Leonard Bernstein mit seinem unvergleichlichen Talent begonnen hat und die Tilson Thomas mit Mitteln anreichert, die Bernstein nicht zur Verfügung standen.

Die drei Programme, die jetzt auf DVD verfügbar gemacht wurden – Berlioz' Fantastique, Ives' Holidays Symphony und Shostakovichs Fünfte – sind weitere Glanzstücke der DVD-Reihe.

In den drei Filmen werden zunächst einmal die Komponisten vorgestellt und danach die Werke. Michael Tilson Thomas geht es dabei immer um die Zusammenhänge, um die Umstände, in den Komponisten aufwuchsen, (Klang)-Erfahrungen sammelten, Emotionen und Stimmungen speicherten, sowie um die Situationen, aus denen heraus die Werke geboren wurden. Keine Kosten wurden gescheut: Für Berlioz pilgerte Tilson Thomas mit seinem Kamerateam nach Côte-Saint-André, dem Heimatort des Komponisten, um den kulturellen Wurzeln der Musik nachzugehen, er besuchte das Panthéon und den Konzertsaal, wo die Fantastique uraufgeführt wurde. Auch für den Ives-Film wurde an zahlreichen Schauplätzen in den USA gedreht. Für Shostakovichs Fünfte wurden hoch informative Filmdokumente aus den Archiven geholt. Auch die Orchestermusiker kommen zu Wort, ein weiteres bereicherndes Element, das interessante Aspekte zutage fördert. Den roten Faden bilden die exzellenten, immer unmittelbar zugänglichen und doch so substanzvollen Erläuterungen von Michael Tilson Thomas, dessen Hörhinweise immediat nachvollziehbar sind.
Technisch sind die Filme hervorragend gemacht und lassen sich sehr gut anschauen, weil auf spektakuläre Sebstzweck-Aufnahmen, rasante Kamerafahrten und anderen Bildfirlefanz verzichtet wurde, wie es ihn anderswo gibt und wodurch letztlich nur ein aufmerksames Sehen verhindert wird, genau wie vieles, was im Audiobereich produziert wird, dem Hören, dem bewussten und vertiefenden Hören abträglich ist,
'Keeping Score'-DVDs sind also rundum wirkliche Meisterwerke, und man kann guten Gewissens behaupten, dass das, was diese DVDs bieten, das Beste ist, was es zur Zeit in Sachen Musikvermittlung gibt. MTT, der sich dafür zeitlich und konzeptuell so sehr engagiert, sei's gedankt. Remy Franck

© copyright 2010 Artevents