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Muss Musik erklärt werden, kann Musik
erklärt werden? Der Dirigent Johannes Wildner meint:
"Die Musik erklärt sich von selbst, man muss sie
nur zuerst einmal wirken lassen..." Um aber wirken zu
können, muss sie gehört werden. Vielleicht sollte
man also, wenn es darum geht, ein neues Publikum für
Klassik zu sensibilisieren, damit beginnen, das Hören
zu erklären und das Hören zu lehren. Parallel muss
Klassik natürlich interessant und attraktiv gemacht werden.
Darin liegt das Erfolgsrezept jeder Sensibilisierungsarbeit.
Wildner sagt daher völlig zu Recht: "Kinder mögen
das, was sie kennen. Wenn wir nicht in der Lage sind, die
Speisekarte so zu drucken, dass deutlich daraus hervorgeht,
dass es außer Schnitzel auch Schweinskotelett, gebackenen
Fisch und Vegetarisches gibt, haben wir verloren. Wer in der
Speisekarte nur Schnitzel findet, kommt nicht auf die Idee,
dass es auch etwas anderes geben könnte."
Das Philharmonische Orchester Luxemburg hat
mit der neuen Konzertreihe 'Dating:' Fisch und Kotelett aufs
Menü gesetzt und es geschafft, Klassik-Abstinenzler und
junge Einsteiger in die Philharmonie zu bringen. Das ist mehr
als beeindruckend! Und der Erfolg verpflichtet. Vielleicht
kann es ja künftig auch noch Lammkeule, Sushi und marinierte
Austern geben.
Ein anderes Erfolgsprojekt in Sachen Klassikverbreitung
kommt aus den USA und ist in seiner Art so einmalig, dass
man ihm nur größten Erfolg wünschen kann.
Michael Tilson Thomas und das San Francisco Symphony Orchestra
haben das ambitiöse Projekt 'Keeping Score' ins Leben
gerufen, das mit eigener Webseite, Fernseh- und Radiosendungen
sowie DVD-Produktionen hochgesteckte Ziele verfolgt.
Das multimediale Programm hat nichts, aber auch gar nichts
zu tun mit prätentiösem Bildungsgelaber oder Faktenschinderei
für Spezialisten. Und genau so wenig kann man ihm
Substanzarmut vorwerfen.
Michael Tilson Thomas' Projekt ist die konsequente
Fortführung der Arbeit, die Leonard Bernstein mit seinem
unvergleichlichen Talent begonnen hat und die Tilson Thomas
mit Mitteln anreichert, die Bernstein nicht zur Verfügung
standen.
Die drei Programme, die jetzt auf DVD verfügbar
gemacht wurden – Berlioz' Fantastique, Ives' Holidays
Symphony und Shostakovichs Fünfte – sind weitere
Glanzstücke der DVD-Reihe.
In den drei Filmen werden zunächst einmal
die Komponisten vorgestellt und danach die Werke. Michael
Tilson Thomas geht es dabei immer um die Zusammenhänge,
um die Umstände, in den Komponisten aufwuchsen, (Klang)-Erfahrungen
sammelten, Emotionen und Stimmungen speicherten, sowie um
die Situationen, aus denen heraus die Werke geboren wurden.
Keine Kosten wurden gescheut: Für Berlioz pilgerte Tilson
Thomas mit seinem Kamerateam nach Côte-Saint-André,
dem Heimatort des Komponisten, um den kulturellen Wurzeln
der Musik nachzugehen, er besuchte das Panthéon und
den Konzertsaal, wo die Fantastique uraufgeführt wurde.
Auch für den Ives-Film wurde an zahlreichen Schauplätzen
in den USA gedreht. Für Shostakovichs Fünfte wurden
hoch informative Filmdokumente aus den Archiven geholt. Auch
die Orchestermusiker kommen zu Wort, ein weiteres bereicherndes
Element, das interessante Aspekte zutage fördert. Den
roten Faden bilden die exzellenten, immer unmittelbar zugänglichen
und doch so substanzvollen Erläuterungen von Michael
Tilson Thomas, dessen Hörhinweise immediat nachvollziehbar
sind.
Technisch sind die Filme hervorragend gemacht und lassen sich
sehr gut anschauen, weil auf spektakuläre Sebstzweck-Aufnahmen,
rasante Kamerafahrten und anderen Bildfirlefanz verzichtet
wurde, wie es ihn anderswo gibt und wodurch letztlich nur
ein aufmerksames Sehen verhindert wird, genau wie vieles,
was im Audiobereich produziert wird, dem Hören, dem bewussten
und vertiefenden Hören abträglich ist,
'Keeping Score'-DVDs sind also rundum wirkliche Meisterwerke,
und man kann guten Gewissens behaupten, dass das, was diese
DVDs bieten, das Beste ist, was es zur Zeit in Sachen Musikvermittlung
gibt. MTT, der sich dafür zeitlich und konzeptuell so
sehr engagiert, sei's gedankt. Remy Franck
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