-- Editorial 12/2009 --
Aussage, Antwort und Warnung

Das Wort, heißt es in Thomas Manns 'Zauberberg', sei der eigentliche "Träger des Geistes, das Werkzeug, die glänzende Pflugschar des Fortschritts", Musik dagegen nur "das halb Artikulierte, das Zweifelhafte, das Unverantwortliche, das Indifferente". Der Schriftsteller lässt seine Romanfigur Settembrini sogar behaupten, Musik sei "gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich bei ihr zu beruhigen", oder – ganz im Gegenteil - weil sie unser Gefühl entflamme, während es doch eigentlich darum gehe, die Vernunft zu entflammen! Freilich gesteht er dann doch ein, dass die Musik Kostbarkeit verleihe.

Ja, die Musik kann vieles bewirken. Es wird ihr zwar nicht gelingen, aus dummen Menschen intelligente zu machen oder die Kenntnis über die Regeln im Verkehr mit Rechtsvorfahrt allgemein zu verbessern, sie wird auch politischen Fehlentscheidungen nicht vorbeugen, aber sie kann das Verhalten des Menschen durchaus beeinflussen, das haben zahllose Untersuchungen bewiesen. Sie ist freilich in allererster Linie Vermittlerin von Gefühlen unterschiedlichster Natur, und nicht selten bringt sie dem Menschen durch pure Schönheit Glück und Zufriedenheit.

Gerade das tut Philippe Jaroussky auf seiner neuen CD mit Opernarien von Johann Christian Bach. Diese Musik so zu hören, wie sie der französische Countertenor singt, ist pures Glück. "Plongez dans un océan de béatitude" ist unsere Kritik der CD von Virgin Classics überschrieben, die diesen Monat unsere Excellentia-Auszeichnung erhält.

Ja, Philippe Jaroussky liefert den Beweis für das, was der berühmte österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, einmal so formulierte: "Wir Musiker – ja alle Künstler – haben eine machtvolle, ja heilige Sprache zu verwalten. Wir müssen alles tun, dass sie nicht verloren geht im Sog der materialistischen Entwicklung. Es ist nicht mehr viel Zeit, wenn es nicht gar schon zu spät ist, denn die Beschränkung auf das Denken und die Sprache der Vernunft, der Logik, und die Faszination durch die damit erzielten Fortschritte in Wissenschaft und Zivilisation entfernen uns immer weiter von unserem eigentlichen Menschentum." Das klingt wie eine Antwort auf Thomas Manns Settembrini-Äußerungen.

Es ist aber gleichzeitig eine Warnung vor skrupellosen Leuten, die breite Bevölkerungsschichten mit Klassik betrügen, indem sie Werke großer Klassikkomponisten auf widerwärtige Weise benutzen, um damit das große Geld zu machen. Exponenten eines solchen, auf purem Materialismus aufbauenden Musizierens sind heutzutage André Rieu oder auch Eric Lévi, dessen Album 'Era Classics' seit Anfang November sein Unheil anrichtet. Wieder einmal bedient sich jemand der Klassik, weil er wahrscheinlich unfähig ist, eigene Musik zu schreiben, verfälscht die Stücke, und erzielt mit diesen Fälschungen unter dem Namen Klassik größten Erfolg in der eigenen Kasse. Der Materialismus kenne keine Moral – auch das sagte Nikolaus Harnoncourt. Rémy Franck

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