Das Wort, heißt es in Thomas Manns 'Zauberberg',
sei der eigentliche "Träger des Geistes, das Werkzeug,
die glänzende Pflugschar des Fortschritts", Musik
dagegen nur "das halb Artikulierte, das Zweifelhafte,
das Unverantwortliche, das Indifferente". Der Schriftsteller
lässt seine Romanfigur Settembrini sogar behaupten,
Musik sei "gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt,
sich bei ihr zu beruhigen", oder – ganz im Gegenteil
- weil sie unser Gefühl entflamme, während es
doch eigentlich darum gehe, die Vernunft zu entflammen!
Freilich gesteht er dann doch ein, dass die Musik Kostbarkeit
verleihe.
Ja, die Musik kann vieles bewirken. Es wird ihr zwar nicht
gelingen, aus dummen Menschen intelligente zu machen oder
die Kenntnis über die Regeln im Verkehr mit Rechtsvorfahrt
allgemein zu verbessern, sie wird auch politischen Fehlentscheidungen
nicht vorbeugen, aber sie kann das Verhalten des Menschen
durchaus beeinflussen, das haben zahllose Untersuchungen
bewiesen. Sie ist freilich in allererster Linie Vermittlerin
von Gefühlen unterschiedlichster Natur, und nicht selten
bringt sie dem Menschen durch pure Schönheit Glück
und Zufriedenheit.
Gerade das tut Philippe Jaroussky auf seiner neuen CD mit
Opernarien von Johann Christian Bach. Diese Musik so zu
hören, wie sie der französische Countertenor singt,
ist pures Glück. "Plongez dans un océan
de béatitude" ist unsere Kritik der CD von Virgin
Classics überschrieben, die diesen Monat unsere Excellentia-Auszeichnung
erhält.
Ja, Philippe Jaroussky liefert den Beweis für das,
was der berühmte österreichische Dirigent Nikolaus
Harnoncourt, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, einmal
so formulierte: "Wir Musiker – ja alle Künstler
– haben eine machtvolle, ja heilige Sprache zu verwalten.
Wir müssen alles tun, dass sie nicht verloren geht
im Sog der materialistischen Entwicklung. Es ist nicht mehr
viel Zeit, wenn es nicht gar schon zu spät ist, denn
die Beschränkung auf das Denken und die Sprache der
Vernunft, der Logik, und die Faszination durch die damit
erzielten Fortschritte in Wissenschaft und Zivilisation
entfernen uns immer weiter von unserem eigentlichen Menschentum."
Das klingt wie eine Antwort auf Thomas Manns Settembrini-Äußerungen.
Es ist aber gleichzeitig eine Warnung vor skrupellosen
Leuten, die breite Bevölkerungsschichten mit Klassik
betrügen, indem sie Werke großer Klassikkomponisten
auf widerwärtige Weise benutzen, um damit das große
Geld zu machen. Exponenten eines solchen, auf purem Materialismus
aufbauenden Musizierens sind heutzutage André Rieu
oder auch Eric Lévi, dessen Album 'Era Classics'
seit Anfang November sein Unheil anrichtet. Wieder einmal
bedient sich jemand der Klassik, weil er wahrscheinlich
unfähig ist, eigene Musik zu schreiben, verfälscht
die Stücke, und erzielt mit diesen Fälschungen
unter dem Namen Klassik größten Erfolg in der
eigenen Kasse. Der Materialismus kenne keine Moral –
auch das sagte Nikolaus Harnoncourt. Rémy Franck