-- Editorial 12/2008 --
Immer noch: Historisch!

Im Oktoberheft war an dieser Stelle von historischen Aufnahmen die Rede. Diesmal möchten wir dasselbe Thema aus einer ganz anderen Warte aufgreifen. Historische Aufnahmen sind nämlich grundsätzlich in zwei Kategorien einzuteilen. In die, welche in Zusammenarbeit und unter Umständen sogar in Lizenz mit dem Produzenten der alten Aufnahmen entstehen, und jene, welche ohne Absprache mit den Urhebern auf den Markt kommen, und das ist durchaus legal, wenn sie älter als 50 Jahre sind.
Grundsätzlich kann es dem Musikfreund ganz egal sein, auf welche Art und Weise eine historische Aufnahme vermarktet wird, und er wird sich höchstens nach dem Preis richten, wenn er denn auf dieselbe Interpretation bei verschiedenen Verlegern stößt. Dennoch kann man ihm raten, sich die Angaben zu der Veröffentlichung etwas genauer anzusehen. Wenn sich auf dem Cover oder auf der Rückseite z.B. das Logo eines Radiosenders befindet, kann man davon ausgehen, dass diese Publikation mit dem Einverständnis der Besitzer der Aufnahme geschieht. Mehr noch: man darf annehmen, dass dem Schallplattenlabel das bestmögliche Ausgangsmaterial für seine CD zur Verfügung stand und unter Umständen eine langwierige und kostspielige Bearbeitung der alten Bänder, Acetate oder sonstiger Tonträger vorgenommen wurde, um eine optimal Klangqualität zu garantieren. Und wenn man in den Angaben Namen liest wie Ward Marston oder Mark Obert-Thorn, bzw. wenn die Platte von einem audiophilen Label kommt, wie z.B. audite, kann man ohne Bedenken zugreifen, man wird dort kaum, wie bei vielen kleinen Drittklasselabeln, Klänge hören, die einem die Ohren abfallen lassen. Denn diese Label kommen nicht selten nur über Umwege sprich Kopien, private Rundfunkmitschnitte oder alte Platten an die Aufnahmen, die meistens bloß digitalisiert und nicht oder kaum bearbeitet werden. Das alles erklärt, weshalb eine und dieselbe Interpretation bei drei oder vier verschiedenen Labels auftaucht und ein Vergleich der CDs doch erhebliche Unterschiede im Klang ergibt. Hier klingt die Musik dünn und faserig, dort als habe man ein dickes Tuch über die Lautsprecher gelegt, hier rumpelt und knackt es, dort rauscht oder dröhnt es, während bei einem anderen Label eine wirklich gut restaurierte Aufnahme klanglich ganz gut gefällt. Vorsicht ist also geboten!
Dass es in diesem Geschäft auch zu erbittertem Konkurrenzkampf kommen kann, davon können einige seriöse Labels ein Lied singen. So musste audite-Chef Ludger Böckenhoff jüngst mit Schrecken zur Kenntnis nehmen, dass eine Aufnahme von George Gershwins 'Porgy and Bess', die er in den Rundfunkarchiven in Berlin entdeckt hatte, und für die er eine Lizenz beim Deutschlandradio erwarb, von dem Schweizer Label Guild ohne Absprache mit dem Sender auf den Markt gebracht wurde. Der Sender hatte den Live-Mitschnitt der Porgy-Aufführung aus dem Jahre 1952 ausgestrahlt, und es ist anzunehmen, dass Guild sich über diesen Weg die Musikdaten für seine Veröffentlichung beschaffte und audite austrickste.
Besonders gravierend ist, dass einige der Billiglabels alte Aufnahmen nicht als solche kennzeichnen, und der Musikfreund sich u.U. wegen des Preises und gegebenenfalls auch klangvoller Namen eine solche Aufnahme kauft und dann sehr enttäuscht ist, wenn ihm die Klangqualität die Freude an der Musik verdirbt. Historische Aufnahmen sind vor allem für Leute wichtig, die ein Werk in vielen verschiedenen Interpretationen kennen lernen und neben modernen Aufnahmen in bester Stereoqualität zum Vergleich auch alte Einspielungen heranziehen wollen. Ein genauer Blick auf die Angaben zum Produkt ist in allen Fällen notwendig. Remy Franck

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