|
Im Oktoberheft war an dieser Stelle von historischen
Aufnahmen die Rede. Diesmal möchten wir dasselbe Thema
aus einer ganz anderen Warte aufgreifen. Historische Aufnahmen
sind nämlich grundsätzlich in zwei Kategorien einzuteilen.
In die, welche in Zusammenarbeit und unter Umständen
sogar in Lizenz mit dem Produzenten der alten Aufnahmen entstehen,
und jene, welche ohne Absprache mit den Urhebern auf den Markt
kommen, und das ist durchaus legal, wenn sie älter als
50 Jahre sind.
Grundsätzlich kann es dem Musikfreund ganz egal sein,
auf welche Art und Weise eine historische Aufnahme vermarktet
wird, und er wird sich höchstens nach dem Preis richten,
wenn er denn auf dieselbe Interpretation bei verschiedenen
Verlegern stößt. Dennoch kann man ihm raten, sich
die Angaben zu der Veröffentlichung etwas genauer anzusehen.
Wenn sich auf dem Cover oder auf der Rückseite z.B. das
Logo eines Radiosenders befindet, kann man davon ausgehen,
dass diese Publikation mit dem Einverständnis der Besitzer
der Aufnahme geschieht. Mehr noch: man darf annehmen, dass
dem Schallplattenlabel das bestmögliche Ausgangsmaterial
für seine CD zur Verfügung stand und unter Umständen
eine langwierige und kostspielige Bearbeitung der alten Bänder,
Acetate oder sonstiger Tonträger vorgenommen wurde, um
eine optimal Klangqualität zu garantieren. Und wenn man
in den Angaben Namen liest wie Ward Marston oder Mark Obert-Thorn,
bzw. wenn die Platte von einem audiophilen Label kommt, wie
z.B. audite, kann man ohne Bedenken zugreifen, man wird dort
kaum, wie bei vielen kleinen Drittklasselabeln, Klänge
hören, die einem die Ohren abfallen lassen. Denn diese
Label kommen nicht selten nur über Umwege sprich Kopien,
private Rundfunkmitschnitte oder alte Platten an die Aufnahmen,
die meistens bloß digitalisiert und nicht oder kaum
bearbeitet werden. Das alles erklärt, weshalb eine und
dieselbe Interpretation bei drei oder vier verschiedenen Labels
auftaucht und ein Vergleich der CDs doch erhebliche Unterschiede
im Klang ergibt. Hier klingt die Musik dünn und faserig,
dort als habe man ein dickes Tuch über die Lautsprecher
gelegt, hier rumpelt und knackt es, dort rauscht oder dröhnt
es, während bei einem anderen Label eine wirklich gut
restaurierte Aufnahme klanglich ganz gut gefällt. Vorsicht
ist also geboten!
Dass es in diesem Geschäft auch zu erbittertem Konkurrenzkampf
kommen kann, davon können einige seriöse Labels
ein Lied singen. So musste audite-Chef Ludger Böckenhoff
jüngst mit Schrecken zur Kenntnis nehmen, dass eine Aufnahme
von George Gershwins 'Porgy and Bess', die er in den Rundfunkarchiven
in Berlin entdeckt hatte, und für die er eine Lizenz
beim Deutschlandradio erwarb, von dem Schweizer Label Guild
ohne Absprache mit dem Sender auf den Markt gebracht wurde.
Der Sender hatte den Live-Mitschnitt der Porgy-Aufführung
aus dem Jahre 1952 ausgestrahlt, und es ist anzunehmen, dass
Guild sich über diesen Weg die Musikdaten für seine
Veröffentlichung beschaffte und audite austrickste.
Besonders gravierend ist, dass einige der Billiglabels alte
Aufnahmen nicht als solche kennzeichnen, und der Musikfreund
sich u.U. wegen des Preises und gegebenenfalls auch klangvoller
Namen eine solche Aufnahme kauft und dann sehr enttäuscht
ist, wenn ihm die Klangqualität die Freude an der Musik
verdirbt. Historische Aufnahmen sind vor allem für Leute
wichtig, die ein Werk in vielen verschiedenen Interpretationen
kennen lernen und neben modernen Aufnahmen in bester Stereoqualität
zum Vergleich auch alte Einspielungen heranziehen wollen.
Ein genauer Blick auf die Angaben zum Produkt ist in allen
Fällen notwendig. Remy Franck
|