-- Editorial 12/2005 --
In aller Freundschaft

Zwischen Weihnachten und Neujahr veranstaltet die niederländische Violinistin Janine Jansen zusammen mit ihrem Lebensgefährten Julian Rachlin zum dritten Mal das 'International Chamber Music Festival Utrecht', zu dem sie eine Gruppe von musikalischen Freunden eingeladen hat. Darunter sind Zugpferde wie Mischa Maisky, Itamar Golan und Charlotte Margiono sowie eine Reihe weniger bekannte Namen, eine Balance, wie man sie auch in anderen Festivals dieser Art findet. Derartige Festivals unter dem Motto '…and friends' schießen nämlich wie Pilze aus dem Boden.

Die 'musikalische Freundschaft' ist offenbar sehr gesucht in einem Umfeld, in dem es auf allen Ebenen, auf Bühnen, in Proberäumen und Verwaltungsetagen viel Neid und Hader gibt sowie mehr Hyänen und Schlangen als in allen Zoos der Welt. Die Sehnsucht nach Freundschaft ist groß, und wenn diese auch noch Gagen bringt, ist sie umso willkommener.

In einigen Fällen hängt sich sogar noch die Schallplattenindustrie dran, wie das bei Martha Argerichs Freundesfestival in Lugano oder beim Kammermusikfestival von Lars Vogt in Heimbach der Fall ist, und das macht die Sache dann noch reizvoller für die Beteiligten und sehr oft auch für die, die per CD-Aufnahme dabei sein können, denn eins ist gewiss: die Freundschaft wirkt sich auf die Musik aus, und jeder, der bei einem solchen Festival dabei war, hat die unglaubliche Intensität solcher Darbietungen feststellen können.

Es gibt daneben unzählige Kammermusikformationen, die nicht als Institution funktionieren, sondern in denen sich ein paar Musiker, nicht selten Künstler von höchstem Rang und Namen, aus Leidenschaft, aus Freundschaft, aus Spaß an der Freud treffen, um Kammermusik zu machen. Bei allem Anspruch auf höchste Professionalität sind es in solchen Ensembles vor allem die Freundschaft und die geteilte Liebe zur Kammermusik, die die Grundlage der Arbeit und des Erfolgs bilden.

Es gibt ganze Orchester, die sich aus Freunden zusammensetzen und dieser Freundschaftsgedanke zumindest im harten Kern war und ist ein vitales Element der Solistes Européens Luxembourg. Abbados Festivalorchester in Luzern funktioniert auf einer ähnlichen Basis von Freundschaft rundum einen Dirigenten.

Der Cellist Orfeo Mandozzi hat es so formuliert: "Es ist sicher kein Geheimnis, dass vieles immer von der künstlerischen Qualität und auch dem menschlichen Verständnis der Partner abhängt, wie gut ein Konzert oder eine Produktion wird. Ich bin sehr dankbar, dass ich oft das Glück hatte, auf großartige Musiker zu treffen, mit denen mich auch ein freundschaftliches Verhältnis verbindet." Und dennoch fügt er hinzu: "Auf dem Podium ist man nur auf sich angewiesen, da hilft keine Freundschaft oder Protektion: Du musst bestehen oder du gehst unter." Und das wiederum bestätigt letzten Endes, unter welchem Druck der Musiker steht, wenn er tatsächlich etwas leisten will, welcher unwahrscheinlichen Konzentration es bedarf, um gute Musik zu machen, und welchen physischen und psychischen Belastungen besonders alle jene ausgesetzt sind, die auch nur die geringste Solopassage zu spielen haben. Und so gesehen, versteht man auch, warum eine Atmosphäre von Freundschaft um sie herum, das Gefühl der Geborgenheit, der Zusammengehörigkeit für die Musiker so enorm wichtig ist, sie regelrecht befreien und zu großartigen Leistungen inspirieren kann. Remy Franck

© copyright 2011 Artevents