In der November-Ausgabe des österreichischen Theatermagazins
'Bühne' nahm Franz Welser-Möst, Musikchef in Cleveland
und Dirigent des neuen Wiener Staatsopern-'Ringes' (Premiere:
2007), Stellung zu dem auch weiterhin vom österreichischen
Finanzminister eingefrorenen Bundestheaterbudget. Dass der
Magna-Konzern den neuen 'Ring des Nibelungen' sponsert,
findet Welser-Möst beachtlich: Es sei "wirklich
bemerkenswert, wenn ein Konzern nicht nur Verantwortung
für sein Konto, sondern auch für die Gesellschaft
übernimmt. Zum anderen muss man aber auch sagen",
so Welser-Möst, "wir leben nicht in Amerika. Und
bei uns kann der Staat nicht sagen: 'Nö, das sollen
jetzt alles die Privaten zahlen'. Der Staat darf nicht aus
seiner gesellschaftlichen Verantwortung entlassen werden."
François Biltgen, der neue Luxemburger Kulturminister,
lässt offenbar keinen Zweifel daran, dass der Staat
diese Verantwortung tragen muss. Er weiß um die Wichtigkeit
der Kultur nicht nur für die Menschen in unserem Land,
die in den Genuss der kulturellen Aktivitäten kommen,
sondern auch für das Image des Großherzogtums
im Ausland. Nach dem Konzert des Philharmonischen Orchesters
Luxemburg in 'Avery Fisher Hall, Lincoln Center' unterstrich
Biltgen bei einem Empfang im 'Luxembourg House' in New York,
dass der gerade erlebte Erfolg des Orchesters in einem der
renommiertesten Konzertsäle der Welt es ihm leicht
mache, die Subventionierung des Orchesters durch den Staat
gegenüber jedem zu verteidigen, der diese in Frage
stelle.
Mehr noch: Biltgen sagte, das Orchester sei der beste Botschafter,
den er sich für Luxemburg vorstellen könne. Das
ist ein hohes Lob für die Musiker und ebenfalls für
das Management unseres nationalen Orchesters. Es unterstreicht,
wie bedeutungsvoll es ist, dass Intendant Benedikt Fohr
kompromisslos die großen internationalen Tourneen
als eminent wichtiges Standbein des Orchesters aufbaut.
Und das ist ein hartes Geschäft! Es gelingt immer weniger
Orchestern, überhaupt noch Tourneen auf die Beine zu
stellen, und gerade in diesem Jahr sind eine ganze Reihe
an Projekten, die bereits ganz konkret geworden waren, aus
finanziellen Gründen abgesagt worden. Man glaube also
ja nicht, es genüge, ein Mail durch die Welt zu schicken:
"Wir kommen!", und dann stürze jeder Veranstalter
sich auf dieses Angebot. Da bedarf es jeder Menge an Kommunikation,
Information und vor allem auch Überzeugungskraft. Da
Fohr darüber hinaus ein gewinnendes Charisma einsetzen
kann, gelingt ihm, was manchem anderen Intendanten verwehrt
bleibt!
Doch zurück zum Statement des Ministers, zum "besten
Botschafter". Die Aussage François Biltgens
ist nämlich nicht nur Lob. Sie ist auch eine Verpflichtung
und bedeutet Verantwortung. Biltgen wollte gewiss nicht
die Bedeutung anderer Kulturakteure minimieren. Gerade die
Vielzahl derer, die national wie auch international tätig
sind, gibt Luxemburg eine kulturelle Schubkraft, die binnen
weniger Jahre den lange vorhandenen Rückstand auf diesem
Gebiet wettgemacht hat. Aber die Aussage bezüglich
des Philharmonischen Orchesters exponiert dieses nun doch
als offenbar wichtigsten Kulturakteur, macht es zum Flagschiff
der Luxemburger Kulturpolitik und festigt somit die erfolgreichen
Bestrebungen der vormaligen Ministerin Erna Hennicot-Schoepges,
die 'contre vents et marées' dieses Orchester aus
dem Kultur-Abrissgeschäft von RTL rettete. Während
die Herren in der Chefetage des Senders die Meinung vertraten,
man müsse vor allem mit oberflächlichen Verheißungen
und raschen Genüssen die Lebensverhältnisse der
normalen Menschen verbessern, glaubte Erna Hennicot-Schoepges
felsenfest an die Macht der Kultur. Recht hatte sie!
Pier Paolo Pasolini hat gesagt, ein Leben im Überfluss
sei ein überflüssiges Leben. Wie wäre es
denn, wenn Eltern oder Großeltern in diesem Geschenke-Monat
statt den Kleinen das vierhundertsiebenundneunzigste Spielzeug
zu kaufen, ihnen eine Eintrittskarte für ein Opern-,
eine Theater oder eine Konzertveranstaltung schenken würden?
Damit der 'Botschafter' auch künftig zuhause die Botschaft
vermitteln kann, Musik habe eine großartige Macht,
uns zu verzaubern, zu begeistern oder zu erschüttern.
Remy Franck