-- Editorial 12/2003 --
Die Chinesen kommen!

Ein chinesischer Pianist, Chuan Qin, 28 Jahre, hat Ende November in Paris den Großen Preis des zweiten 'Concours Olivier Messiaen' gewonnen. Zuvor hatte er bereits den Ersten Preis im 'Maria Canals Wettbewerb' in Barcelona erhalten. Xiang Zou, ein 23 Jahre alter Pianist aus Hunan, wurde Anfang November zum Ersten Preisträger der 'Esther Honens International Piano Competition' in Calgary gekürt. Zwei Nachrichten, die die Redaktion erreichten, nachdem ich von der Asien-Reise mit dem Philharmonischen Orchester Luxemburg zurück war und dort bereits das hier gewählte Thema in den Mittelpunkt dieses Beitrags hatte stellen wollen.

Immerhin zählen zu den heute interessantesten der weltbesten jungen Pianisten auch zwei Chinesen, Lang Lang und Yundi Li. Und nicht ohne Grund kannte die Begeisterung der Musiker des Philharmonischen Orchesters und ihres Chefdirigenten über das Spiel des Geigers Mengla Huang, den sie bei ihrem Konzert in einem der prunkvollsten Konzertsäle der Welt, dem Shanghai 'Grand Theatre', begleiteten, keine Grenzen. Der phänomenale Musiker musste jeden, der auch nur halbwegs bei Sinnen war und sich nicht nur vorrangig dafür interessierte, wer denn nun bei der Tournee wie viele Eiertörtchen gegessen hatte, mit seinem Spiel restlos überzeugen.

Nach den Japanern und Koreanern sind also nun die Chinesen dran, um ihre Talente in die Welt zu schicken. Denn eines ist gewiss: China ist, was westliche klassische Musik anbelangt, noch nicht auf demselben Stand wie seine asiatischen Nachbarländer. Aber in dem rasanten Maß, wie sich das Reich der Mitte heute verändert und sich westlichen Standards annähert, kann es nicht ausbleiben, dass die Chinesen in Zukunft wichtige Akteure in eben diesem Musikleben sein werden. Und nicht zuletzt das so romantisch-beseelte Paganini-Spiel des Konzertmeisters im Philharmonischen Orchester Luxemburg, Haoxing Liang, bei Konzerten in Kanton und Ettelbruck zeigte, dass die Chinesen tatsächlich, wie es ja auch Yundi Li im Gespräch mit Pizzicato sagte, zu Gefühlsäußerungen fähig sind, die Japaner beispielsweise in dem Maße nicht einbringen können.

Dass dies der Welt nicht offenbart wurde und westliche Musik während vielen Jahrhunderten nicht zu den Prioritäten des chinesischen Musiklebens gehörte, ist nicht auf einen Mangel an Talenten zurückzuführen, sondern auf die Tatsache, dass die einst kosmopolitische Kultur Chinas ab dem 10. Jahrhundert zunächst durch den Konservatismus der Konfuzianer, dann durch jenen der Kommunisten in eine nationalistische Kultur verwandelt wurde. Fakt ist aber auch, dass die chinesischen Musiker schon im ersten Jahrtausend vor Christus ihre Musikinstrumente nach den klassischen 'pa yin', den acht Klangkategorien einteilten und sie somit den acht Trigrammen des Buches der Wandlungen ('I Ging') zuordneten, ihnen mithin präzise Attribute wie 'stark', 'hingebend', 'leuchtend', 'fröhlich' usw. gaben, die Musik also durchaus in dieser Frühzeit schon mit dem Seelischen in Verbindung brachten.

Die Chinesen kommen! Sie werden unser Musikleben in ungeahnter Weise bereichern. Nicht ohne Grund ist im 'I Ging' das Zeichen 'Schong' (das Empordringen) ein äußerst positives Zeichen. Das 'I Ging' misst aber auch der Begeisterung, dem 'Yü', eine wichtige Rolle zu, jener Begeisterung, wie sie das Philharmonische Orchester Luxemburg auf seiner Asien-Tournee so überwältigend zu spüren bekam. Und gerade bezüglich der Musik steht im 'I Ging': "Die Musik besitzt die Macht, die Spannung im Herzen, der dunklen Gefühle Gewalt zu lösen." Das mag, so knapp zitiert plakativ wirken, aber das Weisheitsbuch im 'I Ging' vermag solche Sätze ja in spannendster Weise zu nuancieren... Remy Franck

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