-- Editorial 09/2002 --
War das nicht vorhersehbar?

Wenn der Luxemburger Premierminister Juncker die Faxen dicke hat, sagt er manchmal in unverblümter Sprache Dinge, die der Nuancierung bedurft hätten. So auch, als er harsch die in Luxemburg ansässigen Unternehmen und vornehmlich die Banken angriff, weil sie seines Erachtens das Philharmonische Orchester Luxemburg nicht in dem Maße mit Sponsoring-Geldern versehen, wie er sich das wohl etwas leichtfertig vorgestellt hatte. Kulturministerin Erna Hennicot hatte Ähnliches schon mehrmals gesagt, jedoch zartfühlender ihre Traurigkeit über diesen Zustand zum Ausdruck gebracht, den andere als 'normal und vorhersehbar' ansehen.

Das Philharmonische Orchester Luxemburg ist ein Nationalorchester, ein Staatsorchester, selbst wenn es von einer Stiftung getragen wird, die es in gewisser Weise unabhängig scheinen lässt. Und welches Privatunternehmen sieht es schon als wichtig an, ein Staatsorchester zu unterstützen? Wer empfindet es als notwendig, dem Staat unter die Arme zu greifen? Die Orchesterleitung hat schon richtig erkannt, was die Politiker offensichtlich so nicht sehen: sie sucht Sponsoren vor allem für ganz präzise Projekte, wo sich die Geldgeber eben so sehr wenn nicht sogar mehr mit dem Projekt selbst als mit dem Orchester identifizieren können.

Junckers m. E. nicht nachvollziehbare Kritik an der fehlenden Bereitschaft der Privatwirtschaft, sich für das Orchester zu engagieren, kommt zudem zu einem Zeitpunkt, an dem das Sponsoring in Folge der wirtschaftlichen Rezession europaweit zurückgeht. Und dennoch fließen ja Gelder, die von Privatbetrieben erwirtschaftet werden, in die staatlich subventionierte Kultur, denn diese Subventionen sind ja nur durch bereit stehende Steuergelder möglich.

Dass der Staat das Philharmonische Orchester unterstützt, ist ja wohl logisch. Bislang tat er es auf Grund eines Gesetzes, das eine mehr oder weniger festgeschriebene Summe vorsah. Dass dies auf Dauer nicht funktionieren konnte, sollte auch der Premierminister einsehen, denn ein Orchester ist abhängig von steigenden Kosten und braucht daher eine Subventionierung, die diese Kostensteigerung (z.B. durch den automatischen Lohnindex) berücksichtigt. Auch wenn das Orchester mit der bisherigen Praxis sicher war, jährlich mindestens das vorgesehene Geld zu bekommen, ist die flexible, jährlich erfolgende Festsetzung der Subventionierung, wie es sie künftig geben soll, wohl trotzdem der bessere Weg. Insofern ist auch ganz Wesentliches in Sachen OPL-Fianzierung gar nicht geschehen. Junckers überspitzte Kritik wurde leider in den Medien unmäßig hochgespielt, nicht selten von völlig unqualifizierten Schreiberlingen, denen der Durchblick in Sachen Kulturförderung fehlt. Es gibt in Sachen Finanzierung des Philharmonischen Orchesters keinerlei dramatischen Entwicklungen. Das bisherige Gesetz ist lediglich an seine Grenzen gestoßen und es bedurfte einer Korrektur.

Gerade in diesem Land, wo offensichtlich geworden ist, wie notwendig die Pflege des kulturellen Bildes ist, das wir weltweit abgeben, ist die Subventionierung eines Staatsorchesters eine eben so notwendige wie noble Sache. Und der Staat sollte sich schämen, wäre er auf Privatpersonen angewiesen, um dieses Aushängeschild Luxemburgs funktionieren zu lassen. Dass punktuell Sponsoren eingreifen sollen, steht dabei außer Frage. Auch sie können schließlich auf sich selber einen Teil des Glanzes fallen lassen, den das Orchester bringt. Nicht ohne Grund hat unser Philharmonisches begonnen, das eigene Image aufzupolieren. Zu Recht, denn wie sagt doch Emmanuel Krivine im Pizzicato-Interview (Seite 32): "Je trouve que cet orchestre est de loin meilleur que sa réputation. Le public ne le connaît pas, il n'a pas d'image comme on dit de nos jours, mais c'est un orchestre qui a une personnalité et une grande homogénéité." Remy Franck

© copyright 2011 Artevents